Anti-Terror-Einsätze in Libyen und Somalia Attacke aus dem Meer

Zwei Einsatzorte, fast 5000 Kilometer voneinander entfernt: US-Elitesoldaten haben in Somalia und Libyen Kommandoaktionen gegen mutmaßliche Terrorchefs durchgeführt. Einer der Angriffe gilt als Reaktion auf das blutige Geiseldrama in Nairobi vor zwei Wochen.


Washington - Ein spektakulärer Doppelschlag gegen mutmaßliche Top-Terroristen ist dem US-Militär nur zum Teil gelungen. Am frühen Freitag- und Samstagmorgen führten Elitekämpfer der US-Armee in Libyen und Somalia Kommandoaktionen durch. Dabei wurde ein gesuchter islamistischer Terrorführer festgenommen; ein anderer kam bei dem Einsatz offenbar davon.

"Angehörige des Militärs haben zwei Operationen durchgeführt, um jene zur Strecke zu bringen, die für Terrorhandlungen verantwortlich sind", sagte US-Außenminister John Kerry, der sich zum Asien-Pazifik-Gipfel in Bali aufhält. Die Einsätze zeigten, dass "Mitglieder von al-Qaida und anderen Terrororganisationen zwar flüchten, aber sich nicht verstecken können." Die USA würden niemals aufhören, Terroristen für ihre Taten zur Rechenschaft zu ziehen.

Schwimmend zum Einsatzort

Der Angriff in Somalia war offenbar ausdrücklich als Reaktion auf das blutige Geiseldrama in der kenianischen Hauptstadt Nairobi geplant - er richtete sich gegen die islamistische Schabab-Miliz, die sich zu dem Anschlag mit 72 Toten bekannt hatte.

Der Chef der Schabab-Miliz, Muchtar Abu Subair, hatte die Verantwortung für die Attacke auf das Einkaufszentrum in Nairobi übernommen. Ein Mitglied des somalischen Geheimdiensts sagte, Abu Subair sei auch das Ziel des nächtlichen Angriffs in Barawe gewesen.

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Somalia und Libyen: Doppelschlag in der Dämmerung
Nach einem Bericht der "New York Times" griffen Soldaten der Elitetruppe Navy Seals in der Nacht sein Haus im Süden des Landes an. Bestätigt wurde der Einsatz von George Little, dem Sprecher des US-Verteidigungsministeriums. An der Aktion seien demnach US-Militärs beteiligt gewesen. Auch die Schabab-Miliz selbst bestätigte einen Angriff durch ausländische Streitkräfte.

Nach Angaben der US-Regierung näherten sich die Elitekämpfer der US-Marine noch vor Morgengrauen schwimmend der Küste und eröffneten im Ort Barawe das Feuer auf ein zweistöckiges Haus. Ziel der Aktion war einem Militärsprecher zufolge ein Verdächtiger mit Qaida-Verbindungen. Die Operation sei allerdings nicht erfolgreich gewesen.

Zur Zahl der bei dem Angriff getöteten islamistischen Kämpfer gibt es widersprüchliche Angaben, sie schwanken zwischen einem und sieben Schabab-Mitgliedern. US-Soldaten wurden nach Angaben des Verteidigungsministeriums nicht verletzt.

Zwanzig Minuten langer Schusswechsel

Durchgeführt wurde der Einsatz in Somalia nach Angaben eines Militärangehörigen durch Mitglieder von Seal Team Six, derselben Einheit, die im Mai 2011 auch Terrorchef Osama bin Laden in Pakistan tötete. In Barawe seien die Kämpfer den Angaben zufolge auf hartnäckigeren Widerstand gestoßen. Etwa 20 Minuten habe das Feuergefecht vor Ort gedauert, schließlich habe der Kommandant der Einheit den Angriff abgebrochen. Die Kämpfer hätten in der Folge den Rückzug angetreten - schwimmend.

Somalia leidet seit Jahrzehnten unter einem blutigen Bürgerkrieg vor allem zwischen der Schabab-Miliz und der von afrikanischen Truppen unterstützten Zentralregierung. Bereits in der Vergangenheit gab es in dem Land Angriffe des US-Militärs auf mutmaßliche Terroristen. 2009 etwa gab es im Süden Somalias eine Kommandoaktion, bei der ein mutmaßlicher Qaida-Führer getötet wurde.

Zugriff nach dem Morgengebet

Fast zeitgleich wurde bekannt, dass US-Spezialkräfte in Libyen den Top-Terroristen Abu Anas al-Libi gefangen genommen haben. Al-Libi war wegen der Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im Jahr 1998 gesucht worden. Nach Angaben aus Militärkreisen wurde der Einsatz am frühen Samstagmorgen von der Eliteeinheit Delta Force durchgeführt.

Die Nachrichtenagentur AP zitiert al-Libis Bruder Nabih, wonach der mutmaßliche Terrorist nach dem Morgengebet in seinem Auto von drei Fahrzeugen umzingelt wurde. Bewaffnete hätten das Fenster seines Wagens eingeschlagen, ihn ergriffen und weggebracht.

Laut der "New York Times" wurde al-Libi nahe der libyschen Hauptstadt Tripolis gefasst. Nach Berichten von CNN soll die Regierung des Landes an dem Einsatz beteiligt gewesen sein.

Al-Libi werde gegenwärtig von US-Militärs an einem sicheren Ort außerhalb Libyens festgehalten, teilte Pentagon-Sprecher Little per Twitter mit. Die "Washington Post" berichtet unter Berufung auf Regierungskreise, der Mann solle in die USA gebracht werden, um sich vor Gericht zu verantworten.

Al-Libi gehörte zu den meistgesuchten Terroristen weltweit. Bei den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania) im Jahr 1998 waren 230 Menschen getötet worden, Tausende wurden verletzt. Im Jahr 2000 erhob ein Gericht in New York Anklage wegen seiner Rolle bei den Attacken.

Die US-Bundespolizei FBI setzte danach eine Belohnung von fünf Millionen Dollar auf Hinweise aus, die zu seiner Ergreifung führen. Wo sich al-Libi seither aufhielt, ist bislang nebulös: Zwischenzeitlich gab es sogar Presseberichte, wonach er festgenommen worden sei und in einem Hochsicherheitsgefängnis im Sudan sitze. Dass al-Libi in Wahrheit in Tripolis lebt, scheint spätestens seit 2012 bekannt gewesen zu sein . Ob er bei der Festnahme verletzt wurde, ist bislang unklar.

rls/dpa/AP/Reuters



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brandenburger 06.10.2013
1. Nairobi Shopping center
Leider sind sicherlich mehr als 72 Menschen im Westgate Centre umgekommen. Tatsächlich ist das die Opferzahl bis zur "Befreiungsaktion", falls dies überhaupt als Befreiungsaktion bezeichnet werden kann. Die kenianische Regierung läßt das Minimum an Transparanz vermissen, so weiss offiziell niemand was sich in den Tagen das Geiseldramas dort abgespielt hat. Hier ein weiterführender Link zur Daily Nation, einer führenden keniaschen Zeitung. http://www.standardmedia.co.ke/?articleID=2000094628&story_title=missing-westgate-victims-didn-t-just-disappear&pageNo=1 Ergänzend bleibt noch zu Erwähnen, dass sowohl der kenianische Präsident als auch der Vizepräsident selbst in Den Haag wegen mutmaßlicher Anstiftung zu Ausschreitung nach den Wahlen 2007 angeklagt sind. Mutmaßliche Verbrecher und Menschenverächter sind also in der Verantwortung das Versagen ihres Sicherheitsapparates auszudecken. Armes Kenia! Ich finde, der SPON könnte daraus doch mal einen Artikel daraus machen!
onkel-pelle 06.10.2013
2. Frage der völkerrechtlichen Legitimität
Zitat von sysopDPA / U.S. NavyZwei Einsatzorte, fast fünftausend Kilometer voneinander entfernt: US-Elitesoldaten haben in Somalia und Libyen Kommandoaktionen gegen mutmaßliche Terrorchefs durchgeführt. Einer der Angriffe gilt als Reaktion auf das blutige Geiseldrama in Nairobi vor zwei Wochen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/somalia-und-libyen-us-militaer-greift-mutmassliche-terrorchefs-an-a-926308.html
[QUOTE=sysop;13914695]Zwei Einsatzorte, fast fünftausend Kilometer voneinander entfernt: US-Elitesoldaten haben in Somalia und Libyen Kommandoaktionen gegen mutmaßliche Terrorchefs durchgeführt. Einer der Angriffe gilt als Reaktion auf das blutige Geiseldrama in Nairobi vor zwei Wochen. Diese Frage stellt sich immer bei Einsätzen imperialistischer Streitkräfte außerhalb ihres eigenen Territoriums.
e40 06.10.2013
3. Applaus
Excellente Aktionen. Kein "Nationbuilding" und Suche nach "Ursachen" sondern Vergeltung. Sowas ist der Beweis, dass die USA ein paar vernünftige Verhaltensweisen noch nicht völlig abgelegt haben.
Furiosus 06.10.2013
4. optional
so ist es gut! bitte kein "nationbuilding", keine "regime changes", keine einmischung in die politik anderer länder. einfach hinfahren, die bärtigen fanatiker elimieren und wieder wegfahren. den rest regeln die länder schon selbst. man muss sie nur von dieser pest der islamisten befreien und ihnen gleichzeitig zu verstehen geben, dass derjenige, der sich mit gewalt gegen die westliche lebensweise stellt, niemals mehr in seinem leben sicher sein wird. wesentlich besser, als länder mit krieg zu überziehen.
jupiter_jones 06.10.2013
5. Bombenleger
Naja nach den genfer konventionen werden die Gefangenen wahrscheinlich nicht behandelt - muessen wohl Folterungen ueber sich ergehen lassen. Versteht mich net falsch finds gut dass die bombenleger auch mal auf die Muetze bekommen. Aber wenn wir die gleichen methoden wie die, welche werte verteidigen wir dann noch? Kann das langfristig gut gehen?
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