Sorge vor Aufrüstung USA planen in Europa Abwehrsystem gegen iranische Raketen

Immer wieder hat sich Iran gebrüstet, die Reichweite seiner Mittelstreckenraketen zu vergrößern. Einem Bericht der "New York Times" zufolge planen die USA, der Bedrohung mit einem Abwehrsystem auf europäischem Boden zu begegnen. Mögliche Standorte: Polen und die Tschechische Republik.


Washington - Wie die "New York Times" heute berichtet, sieht ein Regierungsvorschlag die Aufstellung von zehn Abwehrsystemen gegen iranische Interkontinentalraketen bis zum Jahr 2011 vor. Im Gespräch seien Polen und Tschechien als Standorte. Eine Empfehlung für einen geeigneten Standort werde US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld noch in diesem Sommer unterbreitet, zitierte der "New York Times"-Militärexperte Michael R. Gordon ungenannte Pentagon-Mitarbeiter.

Iranische Rakete Shahab-3: Präsident Ahmadinedschad bei einer Militärparade 
DPA

Iranische Rakete Shahab-3: Präsident Ahmadinedschad bei einer Militärparade 

Das Verteidigungsministerium habe den Kongress um die Freigabe von 56 Millionen Dollar - umgerechnet rund 44 Millionen Euro - gebeten, um das lange geplante Projekt in Angriff nehmen zu können, berichtet die Zeitung weiter. Die Gesamtkosten würden auf rund 1,6 Milliarden Dollar geschätzt.

Die Einrichtung eines Raketenschutzschilds in Europa hätte große politische Auswirkungen. So wäre eine Stationierung in Polen die erste dauerhafte US-Militäreinrichtung auf polnischem Territorium und würde die engen Beziehungen zwischen Washington und Warschau weiter festigen. Laut "NYT" regt sich in Russland Widerstand gegen die Pläne: Russland sei besorgt über eine Erweiterung der Einflusssphäre des US-Militärs in Richtung Osten im früheren Warschauer Pakt.

Vor wenigen Monaten hatte der israelische Geheimdienst berichtet, Iran habe erstmals 18 BM-25-Raketen russischer Bauart aus Nordkorea erhalten, die mit einer Reichweite von 2500 Kilometern auch Ziele in Europa erreichen könnten. Zuvor hatte Teheran immer wieder behauptet, mit Hochdruck an einer Vergrößerung der Reichweite vorhandener Raketen zu arbeiten. Die Islamische Republik verfügt über die Shahab-3 (Meteor), eine modifizierte nordkoreanische No-Dong-Rakete mit über 1500 Kilometer Reichweite, die Israel treffen könnte.

Berichte über ein geplantes Raketenabwehrschild in Europa hat es bereits Ende vergangenen Jahres gegeben. Aus dem US-Verteidigungsministerium hieß es seinerzeit, Gespräche mit osteuropäischen Staaten liefen seit 2002. Die Verhandlungen mit Polen seien am weitesten fortgeschritten. Die Zuspitzung der Krise um das iranische Atomprogramm hat dem Projekt nun einen neuen Schub gegeben. Im April war eine US-Delegation aus dem Pentagon und dem Außenministerium zu Gesprächen in Warschau. Polens Außenminister Radoslaw Sikorski besuchte in der vergangenen Woche in Washington seinen US-Kollegen Rumsfeld.

Bisher haben die USA Abfangsysteme in Alaska und in Kalifornien stationiert. Über deren Qualität wird nach Angaben der "NYT" heftig diskutiert. Obwohl die Systeme noch getestet würden, behaupte das Pentagon, sie könnten im Krisenfall bereits eingesetzt werden. Experten dagegen bemängelten deren Zuverlässigkeit. "In den vergangenen vier Jahren hat es keinen erfolgreichen Abfangtest gegeben", zitiert das Blatt den früheren Chef der Abteilung "Operational Test and Evaluation" im US-Verteidigungsministerium, Philip Coyle.

Während die Einrichtungen in Alaska und Kalifornien vor allem gegen eine mögliche Bedrohung aus Nordkorea gerichtet sind, soll der europäische Abwehrschild der Entwicklung in Iran Rechnung tragen, berichtet die "NYT" unter Berufung auf das Pentagon. Mit einem Abwehrschild auf europäischem Boden wollten die USA ihre Abfangsysteme nahe potentieller Flugrouten iranischer Raketen positionieren, die auf Europa zielen. Im Zusammenhang mit einer möglichen Bedrohung sei bereits die Radaranlage auf der britischen Militärbasis Flyingdales ausgebaut worden, Gleiches sei für die US-Überwachungsanlage auf der Thule Air Base auf Grönland geplant.

phw/AFP



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