Späte Einsicht Auch USA sehen Irak jetzt als Brutkasten des Terrors

Der Krieg gegen den Terror war ein Argument der US-Regierung für den Einmarsch im Irak. Drei Jahre später zeigt sich, dass dieses Ziel völlig verfehlt wurde: Das geht aus dem jährlichen Terrorismusbericht des US-Außenministeriums hervor.


Washington - Das State-Departement hat seine Erkenntnisse zum Terrorismus am Nachmittag veröffentlicht. Demnach fürchtet die US-Regierung inzwischen kleine Extremistengruppen am meisten. Für die USA und ihre Verbündeten gehe von kleinen Terrorzellen eine größere Gefahr als von al-Qaida selbst aus.

Die kleinen Gruppen, die zwar allesamt mit al-Qaida-Ideologie agierten, aber ansonsten unabhängig arbeiteten, seien eine noch größere Gefahr als das Netzwerk von Osama Bin Laden selbst, heißt es im Jahresbericht. Sie seien schwieriger ausfindig zu machen und zu erfassen, zitierte CNN einen Mitarbeiter des State Departments. "Diese Mini-Akteure verüben mehr Anschläge, sie agieren lokaler und gefährlicher." Als Beispiel für das effiziente Handeln dieser kleinen Terrorzellen nannte er die von britischen Muslimen im vergangenen Jahr in London verübten Anschläge, wo es Verbindungen der Täter nach Pakistan gab.

Die Qaida selbst sei inzwischen deutlich eingeschränkt und verfüge längst nicht mehr über das strategische Netzwerk, das sie einst hatte, berichtet CNN weiter aus dem Report. Dennoch gebe es Hinweise, dass al-Qaida spektakuläre Anschläge innerhalb der USA plane, berichtete der Mitarbeiter des Außenministeriums dem TV-Sender. "Wir sind nicht in der Lage gewesen, al-Qaida zu besiegen", wird er zitiert. Die USA hätten den Knock-out-Schlag gegen das Terrornetzwerk noch nicht landen können. "Es gibt keinen Zweifel, dass sie etwas ganz Großes planen." Aber möglicherweise gäben sich Terrorchef bin Laden und sein Stellvertreter Aiman al-Sawahiri wegen ihrer geschwundenen Kapazitäten auch mit weniger zufrieden.

Dem Terror-Bericht zufolge ist in der Qaida inzwischen ein Kampf um die Vorherrschaft entbrannt. Demzufolge streiten Bin Laden und Sawahiri mit Abu Mussab al-Sarkawi, dem Qaida-Chef im Irak, um die Vorherrschaft. Dem Bericht des Außenministeriums zufolge will Sarkawi sein eigenes Netzwerk weltweit ausdehnen. Diesen Schluss ziehen die Urheber des Berichts aus der Tatsache, dass Sarkawi jüngst die Verantwortung für Anschläge in Amman und Akaba übernommen hat.    

Im Report heißt es, der Irak könne sich zu einem möglichen "sicheren Hafen" für Terroristen entwickeln. In dem Land gebe es quasi eine "Pipeline" für Extremisten in aller Welt. Der Irak sei deshalb der wichtigste Ort bei der Bekämpfung des weltweiten Terrorismus.

Kurz vor der offiziellen Veröffentlichung des Berichts meldeten amerikanische und irakische Truppen Erfolge im Kampf gegen al-Qaida. Im Norden des Landes seien binnen weniger Stunden mehrere lokale al-Qaida-Anführer getötet oder gefangen genommen worden. Das Kommando der US-Armee in Bagdad berichtete, amerikanische Soldaten hätten heute den "Emir" der al-Qaida-Zelle von Samarra, Hamadi al-Nissani und mit ihm zwei weitere bewaffnete Männer getötet.

Die irakische Armee nahm bereits gestern südlich von Tikrit den Anführer der al-Qaida-Terroristen in der gesamten nordirakischen Provinz Salaheddin fest, zu der auch Samarra gehört. Geheimdienstinformationen hätten zur Ergreifung von Abdelkader Makhul geführt, hieß es in Tikrit. Ein weiterer örtlicher Terroristenanführer wurde in der Nähe von Tel Afar festgenommen. Chairi Abdel Hamid sei zusammen mit zwei Gesinnungsgenossen gefasst worden. Die Männer hätten zwölf Sprengstoffgürtel bei sich getragen.

"Größter Sponsor des internationalen Terrorismus"

Als einer der wichtigsten Aspekte taucht im Terrorbericht Iran auf. Die USA bezeichnen das Regime als größten Sponsor des internationalen Terrorismus. Die Revolutionsgarden und Sicherheitskräfte Irans seien direkt an der Planung und Unterstützung von Terroranschlägen beteiligt.

Nach Angaben des US-Außenministeriums gab es im vergangenen Jahr rund 11.000 Terroranschläge, bei denen rund 14.600 Menschen starben und weitere 24.700 verletzt wurden. 

Auf der schwarzen Liste stehen weiterhin Kuba, Libyen, Nordkorea, der Sudan, Syrien sowie 42 Terrorgruppen; darunter auch die radikal-islamische Hamas-Bewegung und die Hisbollah-Milizen im Libanon.

Deutschland lobt die US-Regierung in ihrem Bericht ausdrücklich für die Zusammenarbeit im Anti-Terror-Kampf -  auch wenn diese in einigen Fällen durch deutsche Gesetze beschränkt werde.

ler/als/CNN/dpa

Korrektur: Im Text hieß es zunächst fälschlicherweise, in dem Report werde der Irak als sicherer Hafen für Terroristen bezeichnet. Tatsächlich ist in dem Report die Rede davon, dass der Irak sich zu einem sicheren Hafen entwickeln könnte. Wir haben diesen Fehler im Text korrigiert.



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