Spanien rockt Shoppen statt beten

Tief katholisch, reaktionär und rückschrittlich - einst war Spanien das Schlusslicht Europas. Nach der Einführung der Demokratie und dem EU-Beitritt vollzog es einen rasanten Wandel. Heute ist das lebensfrohe Boom-Land ein Vorbild für Osteuropa. Eine SPIEGEL-ONLINE-Serie über den Wiederaufstieg einer europäischen Mittelmacht.

Von ,Madrid


Madrid - "Die Damen sind schwarz gekleidet. Die Herren haben ernste Gesichter. Ihr Gang zur Messe ist ein ritterlicher Dienst. Sie sind Ritter von der traurigen Gestalt." So beschrieb der Schriftsteller Wolfgang Koeppen 1958 im Reisebuch "Nach Russland und Anderswohin" seine Eindrücke von den Madrilenen.

Damals lief Fernando Vallespín als kleiner Junge durch die grauen Straßen der Hauptstadt. "Meine Generation hat einen so tief greifenden Wandel erlebt", sagt der Sozialforscher, "dass uns Abgründe von unserer Kindheit trennen." Selbst junge Mädchen trugen schwarz. Ohne Erlaubnis des Vaters oder Ehemanns durfte keine Frau ins Ausland reisen, denn sie besaßen keinen Pass.

In den Dörfern bestimmte der Pfarrer und die Guardia Civil. Der Maschinenpark der Bauern bestand aus Maultier und Ochsengespann. Auf der hautnahen Erfahrung des Fortschritts, so Vallespín, fußt heute der ungebrochene Zukunftsglaube seiner Landsleute. Denn das iberische Land hat in den beinahe drei Jahrzehnten seit dem Tod des greisen Diktators Francisco Franco einen dramatischen Wandel durchgemacht. Besonders durch den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft, den der sozialistische Regierungschef Felipe González 1986 vollzog, erlebten die Spanier im Schnelldurchgang die Entwicklung vom beinahe mittelalterlichen Ständestaat zum High-Tech-Königreich.

Rasanter Wandel

Kein anderes Land in Europa habe sich so jäh verändert, meinen Soziologen. Zwischen 1987 und 2003 flossen mehr als 85 Milliarden Euro netto nach Spanien. Die EU-Hilfe finanzierte Autobahnen, Flughäfen, Meerentsalzungsanlagen oder auch die Strecke für den Hochgeschwindigkeitszug zwischen der Hauptstadt und dem andalusischen Sevilla. Noch bis 2006 bleibt Spanien das Land, das aus den Brüsseler Fonds am meisten gesponsert wird: Jährlich mit über acht Milliarden Euro, von denen etwa ein Viertel aus Deutschland stammt.

Gut ein Prozent des Bruttosozialprodukts machen die Zahlungen aus. Doch die konservative Regierung hielt sich immer zugute, die Förderung potenziert zu haben durch Liberalisierung der Wirtschaft und Ausgleich des Haushalts. Doch bei der Fixierung auf das "Null-Defizit" kamen unter Aznar die Ausgaben für Renten, Gesundheit, Bildung und Forschung zu kurz. Weil nach der Erweiterung laut Berechnungen von Eurostat das Pro-Kopf-Einkommen schon 90 Prozent des Schnitts in der Union übersteigt, wird der Wirtschafs- und Finanzminister bald seinen Haushalt ohne das Manna aus dem Norden planen müssen.

Wirtschaft im Aufschwung

Spanien ist Hoffnungsträger für alle Nettozahler der EU. Denn die Wirtschaft brummt. Der Nachholbedarf der Spanier an Luxuswaren, die das Leben angenehm machen, scheint schier unstillbar. Autoverkäufer beispielsweise sehen ein Rekordjahr voraus, bei neun Prozent mehr Neuzulassungen als im Vorjahr. Eigentumswohnungen finden sofort Abnehmer, obwohl die Immobilienpreise im zweiten Quartal wieder um 16 Prozent gestiegen sind.

Das Geheimnis der Konsumwut, die der Wirtschaft stets zu einem Wachstum über dem EU-Durchschnitt verholfen hat, während anderswo schon Rezession begann: Die Spanier leben fröhlich auf Pump. In Madrid, Katalonien und auf den Balearen müssen die Familien schon fast 70 Prozent ihrer Einkünfte einsetzen, um die Hypotheken abzustottern. Der Optimismus der Spanier steckt an: Zu Hause gönnen sich viele Deutsche vor lauter eingebildeter Angst um die Zukunft kaum mehr Neuanschaffungen oder Vergnügungen.

Doch selbst im Krisenjahr 2002 gaben die deutschen Touristen am meisten, nicht weniger als 7,3 Milliarden Euro, in Spanien aus.

Sinn für Religion

Entbehrung ist alles, sich quälen ist schön. Verschwitzt und erschöpft stehen die Pilger in dem hohen, mild von Kerzen erleuchteten Kirchenschiff. Sie saugen gierig den Weihrauch durch die Nase in die Lunge bis es bitzelt, wenn das silberne über 50 Kilo schwere Fass unter gewaltigem Rauschen durch die Vierung saust.

Der Weg vom französischen Ostabat hierher ist oft schlecht gekennzeichnet und staubig. Doch das Muschel-Symbol und gelbe Pfeile am Wegrand über die Pyrenäen und quer durch Nordspanien hat mystische Anziehungskraft auf die Jugend der Welt. Viele haben die esoterischen Seiten des brasilianischen Autors Paulo Coelho in sich aufgesogen. Sogar eine Bush-Tochter begab sich unlängst auf den Jakobsweg.

Das Logo hat vielleicht mehr Magie als Big Apple oder die römische Wölfin. Dann endlich, nach bis zu dreißig Tagen bei Fußmärschen von jeweils an die 25 Kilometer sind sie am Ziel, am Grab des Apostels Jakobus. Der Heilige, hier San Tiago genannt, soll die iberische Halbinsel bekehrt haben, bevor er 44 nach Christus in Jerusalem als Märtyrer starb. Aber seine Gebeine wurden am 25. Juli 816 in Galicien in einer eigens erbauten Kirche beigesetzt. Der Ort erhielt seinen Namen: Santiago de Compostela.

Heute ist der Jakobsweg der berühmteste Trampelpfad in Europa. Johann Wolfgang von Goethe war überzeugt, dass sich auf der Pilgerschaft zum Heiligen erst europäisches Bewusstsein geformt habe. Gerade hat die Jury des spanischen Nobelpreises den Jakobsweg für seinen Beitrag zur Völkerverständigung ausgezeichnet. Den Preis, der seinen Namen trägt, wird der spanische Kronprinz im Herbst an die Organisatoren aus Kirche, Kultur und Gastronomie überreichen.

Pilgerziel Santiago de Compostela

In diesem Jahr fiel der Jakobstag wieder auf einen Sonntag. Deshalb werden im "xacobeo", dem Jakobsjahr, mehr als zehn Millionen Wallfahrer erwartet, mindestens 150.000 Bescheinigungen will die Erzdiözese für Wanderer ausstellen, die wenigstens hundert Kilometer zu Fuß zurückgelegt haben - vor zwanzig Jahren taten das nur 260 Fromme. Nicht nur praktizierende Katholiken, viele Alte und Junge begreifen die Wanderung als Form der Meditation und Möglichkeit zur Einkehr. Gerade Deutsche suchen immer häufiger seelische Reinigung, indem sie den Körper schinden. Santiago ist das Mode-Ziel einer neuen Pilger-Kultur. Von wegen Entbehrung. Nach der belohnenden Zeremonie in der Kathedrale, wenn sie ihre Finger in die von Millionen Händen über die Jahrhunderte in die Jakobssäule geprägte Mulde gelegt haben, stellen die modernen Büsser erstmal ihren Pilgerstab in die Ecke der Herberge. Sie legen die Laufkluft ab und nehmen die Shell-Muschel von der Brust, dann machen sie sich auf zum Shopping.

Die verwinkelte Altstadt, überragt von den Kathedralentürmen, im Rücken, finden sie in den breiten Straßen des Einkaufsviertels gestylte Läden. Den Rosenholztheken verleihen oft die weissen Kelche der Callas, Galiciens steifer Nationalblume am langen Stiel, das Flair von Madison Avenue, New York. Das erweckt die Kauflust in so manch geläuterter Pilgerseele. Bei den einheimischen Designern wie Adolfo Domínguez oder in den Zara-Filialen der drittgrößten Textilkette der Welt, Inditex, verwandelt sich die tarnfarbene Turnschuhtruppe in frisch gestyltes Modevolk.



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