Spanien und das Rettungsschiff "Aquarius" Valencia, Stadt der Zuflucht

Valencia will die 630 Passagiere der "Aquarius" aus humanitären Gründen aufnehmen. Die Regierung und viele Spanier stehen hinter der Entscheidung. Aber was passiert, wenn das nächste Schiff kommt?

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Ehe die Flüchtlinge der "Aquarius" ankommen, hat die Stadt Valencia noch schnell Putzkolonnen in die Alinghi-Basis geschickt. Der futuristische Glas- und Stahlpalast war beim America's Cup 2010 Stützpunkt des teuersten und erfolgreichsten Segelteams der Welt. Nach dem Spektakel wurde der Bau kaum noch genutzt. Aber jetzt soll er womöglich zur Logistikzentrale werden für die Aufnahme der 630 Menschen, die in der Nacht zu Sonntag Valencia erreichen. Sofern denn alles gut geht.

Die Stadt will die Flüchtlinge freundlich empfangen: nach dem Verbot des italienischen Innenministers, einen italienischen Hafen anzulaufen - und der darauf folgenden tagelangen Odyssee durchs Mittelmeer bei stürmischem Gegenwind und bis zu vier Meter hohen Wellen. (Lesen Sie hier ein Interview mit einem Helfer an Bord der "Aquarius".)

Valencia sei eine "Stadt der Zuflucht", sagt der linksalternative Bürgermeister Joan Ribó. Und der sozialdemokratische Ministerpräsident der Region spricht von einem "Akt der Menschlichkeit". Viele Bürger sehen das offenbar ebenso. Lokale Medien berichten über eine Welle der Hilfsangebote, ob von Kirchen oder Pfadfindern, von Einzelpersonen oder Familien. Unternehmen spenden Kleidung und Windeln, Spielzeug, Lebensmittel und Medikamente. Mehrere Kommunen in der Region haben von sich aus erklärt, einen Teil der Flüchtlinge zu beherbergen. Gegner der Entscheidung gibt es natürlich auch in Valencia. Bislang scheinen sie aber in der Minderheit zu sein.

Vorbereitungen zur Ankunft der Flüchtlinge in Valencia
Manuel Bruque/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Vorbereitungen zur Ankunft der Flüchtlinge in Valencia

"Es ist unsere Pflicht zu helfen"

Landesweit sieht es ähnlich aus. "Es ist unsere Pflicht zu helfen, um eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden", hat Spaniens neuer Regierungschef Pedro Sánchez die Aufnahme der 630 Menschen begründet. Politiker der Linkspartei Podemos, baskische sowie katalanische Nationalisten gaben dem Sozialdemokraten Sánchez recht - und sogar einige Granden der konservativen Volkspartei PP, die seit dem Machtwechsel vor zwei Wochen in der Opposition ist.

Was nach ihrer Ankunft mit den Menschen geschieht, die meist aus Nigeria, dem Sudan oder Eritrea stammen, ist noch unklar. Welchen Status sie bekommen, ob und wie lange sie bleiben dürfen, wird vermutlich von Fall zu Fall entschieden.

Im Video: "Die Lage an Bord ist nicht sicher"

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Viele Spanier erinnern sich dieser Tage an die Schwarz-Weiß-Bilder aus dem Frühling 1939, dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs. Als rund 2600 Anhänger, Soldaten und Politiker der Republikaner vor den Truppen des späteren Diktators Franco auf dem Schiff "Stanbrook" übers Mittelmeer flohen - und in Oran, heute Algerien, anlanden durften. Allerdings passt der Vergleich nicht wirklich. Viele der Flüchtlinge stammen nicht aus Staaten, in denen gerade ein Bürgerkrieg tobt, und sie hätten bei einer Rückführung nach Libyen zumindest nicht unmittelbar zu befürchten, dass ihr Heimatland sich an ihnen rächt.

Noch dazu stellt sich eine Frage: Wie würden die Spanier reagieren, wenn das nächste und das übernächste Schiff voller Menschen käme?

Der Generalkoordinator der konservativen PP, Fernando Martínez-Maillo, warnt bereits, durch solche Aktionen sende Spanien eine gefährliche Botschaft aus, die weitere Migranten anlocken könne. Seit Langem überqueren jährlich Tausende Menschen in Schlauchbooten die Straße von Gibraltar - oder klettern über die meterhohen elektronisch gesicherten Zäune rund um Spaniens nordafrikanische Außenposten Ceuta und Melilla. 2017 erreichten so rund 27.000 Illegale das Land.

Die Regierung Sánchez demonstriert ihre Europafreundlichkeit

Sánchez' Vorgänger, der PP-Mann Mariano Rajoy, versuchte nach Kräften, ihre Aufnahme zu vermeiden. Unter anderem ließ er Migranten, die über die Grenzanlagen nach Ceuta und Melilla eindrangen, ohne Prüfung ihres Asylstatus sofort wieder zurückschicken.

Die neue Regierung will an den Grenzanlagen dieser Exklaven nun etwas abrüsten. Der neue Innenminister Fernando Grande-Marlaska kündigte am Donnerstag an, er werde alles dafür tun, dass die unter Rajoys Regierung angebrachten messerscharfen Klingen an den Zäunen entfernt würden. Man dürfe nicht dieses Niveau erreichen, um illegale Einwanderung zu unterbinden.

Sánchez und seine Regierung haben nach dem Machtwechsel eine Wende in der Flüchtlingspolitik angedeutet. Die "Aquarius" kommt ihr da als Symbol womöglich gar nicht so unrecht - auch, um ihre Europafreundlichkeit zu demonstrieren. Der neue Außenminister Josep Borrell vermeidet bislang jegliche Kritik an Italiens Regierung. Er spricht aber auch von einem "Weckruf": Europa müsse sich bewusst werden, "dass die Außengrenzen gemeinsame Grenzen sind". Auf dem EU-Gipfel am Monatsende müsse man dringend über das "Problem aller" Staaten sprechen.

Borrell baut politisch vor. Die Aufnahme der "Aquarius" sei "eine Ausnahmelösung", sagt der Minister wieder und wieder. Und wie werde Spanien in einem nächsten solchen Fall handeln? Borrell antwortet mit einem Bibelzitat: "Jeder Tag hat seine eigene Sorge."

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