Spanien Diktator Franco soll umziehen - 43 Jahre nach seinem Tod

Spaniens neuer Premier Sánchez will Francos sterbliche Überreste exhumieren lassen. Doch der Widerstand ist groß: in der Familie des Diktators, unter seinen Fans - und bei einem kirchlichen Würdenträger.

Gedenkstätte für Diktator Franco
MARISCAL/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Gedenkstätte für Diktator Franco

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Das Monument des Diktators ist so kolossal, dass man es schon eine halbe Autostunde vor der Gedenkstätte am Horizont sieht. Ein Betonkreuz, 155 Meter hoch und 44 Meter breit, erhebt sich über dem Talkessel in der Sierra de Guadarrama, nordwestlich von Madrid. Darunter: eine riesige unterirdische Kathedrale.

Tausende Zwangsarbeiter, oft politische Gefangene, haben sie unter unmenschlichen Bedingungen in den Fels gehauen. In der Basilika, vor dem Hauptaltar, ruht seit 43 Jahren der Mann, der sich hier zu Lebzeiten sein Denkmal schuf: Francisco Franco.

Das Valle de los Caídos, das Tal der Gefallenen, ist zur Pilgerstätte geworden. Bis heute kommen Anhänger des "Generalísimo" zum Grabmal, schmücken es mit Blumen, beten. In der Basilika halten die Mönche des zum Komplex gehörenden Benediktinerklosters Messen ab. Sogar geheiratet wird hier.

Die Franco-Fans huldigen einem Massenmörder. Von 1939 bis 1975 regierte der Diktator Spanien brutal. Hunderttausende Gegner ließ er foltern, in Konzentrationslager einsperren und/oder umbringen. Als er selbst starb, mit 81 im Krankenbett, wurde er im Valle de los Caídos begraben. Seither liegt er hier, wie auch der Gründer der Faschistenpartei Falange. Aber wohl nicht mehr lange.

Blumen auf Francos Ruhestätte
REUTERS

Blumen auf Francos Ruhestätte

Francos sterbliche Überreste sollen aus dem Valle de los Caídos entfernt werden - und zwar schnellstmöglich. So will es der neue Premierminister. "Spanien kann sich nicht länger Symbole erlauben, die die Spanier spalten", sagt Pedro Sánchez. In anderen ehemals faschistischen Ländern wie Deutschland oder Italien sei ein Mausoleum für einen Ex-Diktator "undenkbar".

Umbettung wäre ein Meilenstein in der Aufarbeitung

Diesen Freitag hat der Sozialist Sánchez die Exhumierung Francos in die Wege geleitet. Sein Kabinett verabschiedete ein Dekret, das es ermöglicht, die Gebeine auszugraben. "Die legale Grundlage ist damit geschaffen, theoretisch könnten die Arbeiter schon morgen mit den Arbeiten beginnen", sagt der Historiker und Spanien-Experte Walther Bernecker. Im September soll dann auch das Parlament abstimmen.

Francos Nachkommen, die bislang die Exhumierung blockiert haben, können diese kaum noch gerichtlich verhindern. Ihnen will die Regierung die Überreste übergeben. Es wäre ein Meilenstein in der schleppenden Aufarbeitung der Diktatur.

"Die Exhumierung ist längst überfällig", sagt Bernecker. "Franco wird auf Staatskosten konserviert, obwohl er Hunderttausende Menschen ermordet hat." Außerdem verböten es Spaniens heutige Gesetze, den Franquismus zu glorifizieren. "Und das Valle de los Caídos wurde einst den sogenannten 'franquistischen Helden' gewidmet."

Undatierte Aufnahme aus dem spanischen Bürgerkrieg
AFP

Undatierte Aufnahme aus dem spanischen Bürgerkrieg

Wann genau der "Generalísimo" exhumiert werden soll, will die Regierung nicht verraten. Sie stellt sich auf massiven Widerstand gegen die geplante Räumung ein. Schon Mitte Juli versammelten sich Dutzende junge und alte Ewiggestrige im Valle de Los Caídos, skandierten "Franco, Franco!", zeigten den Faschistengruß. Und der Prior des Benediktinerklosters erklärt, die geplante Umbettung sei bloß "Rache für die Vergangenheit".

Franco spaltet das Land bis heute

Im Parlament macht die konservative Volkspartei (PP) Stimmung gegen die Grabräumer. Mehr als 40 Jahre nach Francos Tod sei ein Eilverfahren unnötig, sagt Pablo Casado, der neue Chef der Partei, die Spanien noch im Frühjahr regierte. Die Regierung verwende nur deshalb ein Dekret, weil sie keine Mehrheit im Parlament habe. Tatsächlich verfügen Sánchez' Sozialisten nur über gut ein Viertel der Mandate. Da allerdings die linke Podemos, katalanische und baskische Nationalisten die Umbettung unterstützen, haben sie gute Chancen, das Gesetz durchzukriegen.

Spanischer Premier Pedro Sánchez
AFP

Spanischer Premier Pedro Sánchez

Sánchez "reißt verheilte Wunden wieder auf", wettert Oppositionschef Casado. Ob die Wunden je verheilt sind, ist fraglich. Seit Langem fordern Angehörige von Toten des Spanischen Bürgerkriegs, die an einer anderen Stelle im Tal ruhen, Francos Gebeine zu verlegen. Ebenso wollen sie eine vom Staat eingesetzte Expertenkommission zur Aufarbeitung der Diktatur. Und auch das Parlament sprach sich 2017 mehrheitlich dafür aus. Aber der damalige PP-Premierminister Mariano Rajoy ignorierte das Votum: Es war für ihn nicht bindend. Der PP ist aus einer von einem früheren Franco-Minister gegründeten Partei hervorgegangen.

"Hier werden gerade keine Wunden aufgerissen", sagt Bernecker. "In Spanien wurden jahrelang Wunden offen gehalten, indem man gar nichts gemacht hat."

Sánchez' Sozialisten wollen es anders machen. Allerdings haben sie keine klare Mehrheit der Bürger hinter sich. Zwar sprach sich in zwei landesweiten Umfragen für die Zeitung "El Mundo" und das Webportal "El Español" die Mehrheit der Teilnehmer für Francos Exhumierung aus. Allerdings befürworteten nur 40 beziehungsweise 46 Prozent der Befragten die Umbettung.

Dreieinhalb Jahrzehnte lang hat Franco dieses Land regiert. Er spaltet es bis heute.



insgesamt 33 Beiträge
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Tevje 26.08.2018
1. Das Valle de los Caídos
ist eine Gedenkstätte für alle Opfer des Bürgerkrieges, auch für die Soldaten beider Seiten. Es wurde nicht als Grabmal für Franco gebaut. Es ist gut, dass die Überreste des Diktators und Massenmörders von dort entfernt werden; seine Grabstätte an diesem Ort entehrt die Opfer des Bürgerkriegs - trotzdem kann man bei den Tatsachen bleiben!
nwo_ext 26.08.2018
2. Der richtige Schritt...
...um das Land zu einen. für so etwas ist es nie zu spät. und wenn sie schon dabei sind können sie die Gebeine eines weiteren noch brutaleren Diktator exhumieren und an ein EU Land übergeben welches bis heute faschistische Parolen, Schriften und Hakenkreuze öffentlich vor ehemaligen Konzentrationslagern aufstellt. Kroatien. wäre sehr interessant zu sehen was diese sogenannten Ewiggestrigen daraus machen würden.
Ontologix II 26.08.2018
3. Ein Ehrengrab für einen faschistischen Massenmörder ...
... und von der katholischen Kirche protegiert? So etwas passt nicht in das heutige Europa. Viel Erfolg, Señor Sanchez.
donpedro50 26.08.2018
4.
Gut, das dieses Thema aufgegriffen wird und ME zum würdigen Abschluss findet. Mit der Umbettung des "Generalísimo" wird aus dem Mahnmal des Grauens vielleicht ein Denkmal für Freiheit und Gerechtigkeit.
kajosch55 26.08.2018
5. Franco war nichts anderes als eine Blaupause
für Hitler. Ein elender und perverser Mörder, der sich gnadenlos bereichert hat. Der Kadaver dieser Figur sollte besser heute als morgen in einer Jauchegrube entsorgt werden. Was auch mit Drecksäcken wie Stalin und Mao gemacht werden sollte.
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