Spanischer Rückzug aus Irak "Hasta la vista, Baby"

Die Anschläge in Madrid schockierten die Terror gewohnten Menschen in Bagdad nicht. "Jetzt sind wir Brüder", sagen sie und hoffen auf mehr Verständnis im Westen. Der angekündigte Rückzug spanischer Soldaten indes trifft das Land zum ungünstigsten Zeitpunkt - sollten mehr Regierungen dem Beispiel folgen, droht Anarchie.




Das Hauptquartier der Plus Ultra Brigade in Diwanija: Das spanische Kommando soll abrücken
AP

Das Hauptquartier der Plus Ultra Brigade in Diwanija: Das spanische Kommando soll abrücken

Bagdad - "Hasta la vista, baby". Irakische Jugendliche markieren gerne den starken Mann und zitieren dabei vorzugsweise Actionhelden, bekannt aus Funk und Fernsehen und Raubkopien. Der markige Abschiedsgruß auf Spanisch von Terminator Arnold Schwarzenegger hat aber in Bagdad eine neue Bedeutung bekommen. Die Ankündigung nach dem Machtwechsel in Spanien, die iberischen Soldaten aus dem Irak abzuziehen, trifft am Tigris auf ein geteiltes Echo - je nachdem, mit wem man spricht: Bürgern oder politisch und militärisch Verantwortlichen.

Viele Iraker verstehen die Aufregung nicht, die nun in Europa herrscht. Das Attentat in Spanien rutschte in den irakischen Medien schnell wieder in den Hintergrund. Aus Spanien beschäftigte hingegen noch Tage später das Spiel von Real Madrid gegen Bayern München die Gazetten in dem fußballverrückten Land: Beckham statt Bin Laden.

In einer Stadt, in der der Terror allgegenwärtig ist, lösen Bomben in Madrid andere Gefühle aus als in Westeuropa. "Madrid ist nicht Bagdad", sagt Karim Manoura, der in der belebten Sadoun-Einkaufsstraße eine Teestube betreibt. Das meint er wertend, so als gebe es im Leid ein Relativ. Auf einer imaginären Liste der unsichersten Städte der Welt sehen sich die Bagdadis an der Spitze - mit einer seltsamen Mischung aus Furcht und Stolz. Allein am Montag explodierten in der irakischen Innenstadt fünf Bomben, die Zahl der Opfer ist unklar und mancher will sie auch schon nicht mehr zählen. Man hört die Explosion, zuckt kurz zusammen und sucht dann schnell den Blick eines anderen, um sich anzulächeln und mit den Schultern zu zucken. "Vielleicht denken die Menschen jetzt wieder anders über uns", sagt Manoura. Die Nachrichten aus dem Irak über Tote und Attentate hatten bereits einen ähnlichen Gewöhnungseffekt wie die Terror-Pegelstandsmeldungen aus Israel.

Da man auch im Irak zunehmend terrormüde ist und verstärkt glaubt, dass neben den ethnischen, religiösen, kriminellen und Saddam-freundlichen Guerilleros überwiegend al-Qaida-Terroristen das Chaos nähren, hoffen viele nun wieder auf mehr Hilfe und Verständnis durch den Westen. "Jetzt sind wir Brüder", sagt Ali Kohamm, der in Manouras Stube seinen Tee trinkt.

Iraker denken nicht darüber nach, was es bedeuten könnte, wenn Spanien nun aus der Koalition der Willigen ausschert. Die spanischen Soldaten sind im Zweistromland nicht sehr präsent. Sie sind im Osten und Zentralirak stationiert und Schlagzeilen machte Spanien hauptsächlich, als es mit vier Agenten auf einen Schlag in einem Hinterhalt seine komplette geheime "Intelligence" verlor.

Doch Spanien ist aus ganz anderen Gründen unersetzbar. Weil Polen die Amerikaner gegen Saddam Hussein unterstützt und sogar ein militärisch aktives Kontingent in den Golf entsandt hatte, waren die Osteuropäer von den USA im September 2003 für diese Haltung mit dem Kommando über den mittleren Verwaltungsbereich belohnt worden. In diesem zwischen Iran und Saudi-Arabien gelegenen Gebiet, das so groß ist wie ein Drittel Polens, befehligt General Andrzej Tyszkiewicz eine Friedens- und Überwachungstruppe, die sich aus 23 Nationen zusammensetzt.

Spanien war als Nachfolger Polens vorgesehen

Schwere Bürde: Polnische Soldaten in Babylon
REUTERS

Schwere Bürde: Polnische Soldaten in Babylon

Dazu gehören auch die rund 1300 Spanier, die nach den Polen zusammen mit der Ukraine dort die größte Truppe stellen. Für das Kommando multinationaler Truppen gilt in der Regel ein Rotationsprinzip. Als natürlicher Nachfolger Polens wurde bisher allgemein Spanien betrachtet. Die Spanier hatten zur Freude Washingtons mehrere lateinamerikanische Länder dazu gebracht, sich in der multinationalen Truppe zu engagieren und sollten dafür auch beim Wiederaufbau gebührend berücksichtigt und belohnt werden.

1300 Soldaten weniger sind nominell noch kein Beinbruch. Aber die Amerikaner und die irakischen Offiziellen macht die Wende in Spanien dennoch sehr nervös: Sie kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Die Amerikaner sind als Reizfiguren und Zielscheiben zunehmend bemüht, sich aus dem öffentlichen Leben zurück zu ziehen. Sie verbarrikadieren sich in den Kasernen, wollen ihre Truppenstärke schrittweise reduzieren und die Aufgaben zunehmend in multilaterale Hände legen. Sie fürchten nun, die spanische Entscheidung könnte als Präzedenzfall einen Dominoeffekt auslösen - denn Spanien ist keineswegs das einzige Land, indem es große Unterschiede gab und gibt zwischen Regierungshandeln und Bürgerwillen in der Irak-Frage. So mancher Regierungschef in der Koalition der Willigen wird sich fragen, ob das Beispiel des in der Wahl unterlegenen José María Aznar Schule machen wird.

Who's next?

Verlassen können sich die USA weiterhin auf Großbritannien und Italien. Aber das nächste Problemkind war schon absehbar - und spürt durch die spanische Wende erhöhten Druck. Es geht um Polen. Der Irak-Einsatz sei auch nach den Anschlägen von Madrid nicht in Frage gestellt, betont Ministerpräsident Leszek Miller eilig. Die multinationalen Truppen müssten bis zur Stabilisierung der Situation in Irak bleiben. Doch der polnische Nato-Botschafter Jerzy Nowak erklärte bereits, ein spanischer Truppenabzug bereite ihm "ernste Sorgen". Es werde schwierig sein, das spanische Kontingent zu ersetzen. In jedem Fall sei Polen bereit, das Kommando über die multinationalen Truppen im südlichen Zentrum Iraks weiter auszuüben.

Daran haben auch die USA größtes Interesse. In dem Nationenmix der Besatzungstruppen rund um Babylon herrscht großes (Sprachen-)Wirrwarr und Kompetenzgerangel. Dienstsprache ist meist russisch, weil viele osteuropäische Staaten dabei sind. Schon deshalb wäre es den USA lieb und teuer, wenn Polen bliebe.

Aber die polnischen Treueschwüre könnten sich als Lippenbekenntnisse entpuppen. Denn Polen hatte sich bereits darauf eingerichtet, seine Truppen schrittweise zu reduzieren - auch weil der Unmut in der Heimat immer weiter wächst. Denn bisher hatte sich die US-Treue für die Polen kaum ausgezahlt. Im Gegenteil: Der verschärfte Visa-Zwang bei Reisen in die USA, wo viele Polen arbeiten, sorgte für blanke Wut. Und Umfragen zufolge fürchteten schon vor den Terroranschlägen von Madrid 74 Prozent der Polen, auch ihr Land könne ins Visier islamischer Terroristen geraten.

Unmut in Polen

Zwar beruhigte Spionagechef Zbigniew Siemiatkowski, in Polen hätten islamische Terroristen kein Rückzugsgebiet und könnten im Gegensatz zu Spanien, Frankreich oder anderen Ländern mit einer großen Zahl arabischer Immigranten nicht unauffällig untertauchen. Doch Polen im Irak erzählen, dass bereits vor Weihnachten mehrere Verdächtige an den Grenzen der Heimat festgenommen worden sein, die aus "Hochrisikoländern" stammten. Inzwischen bestätigte Miller, dass diese Festnahmen in Zusammenhang mit Terror-Warnungen standen.

Polnische Offizielle im Irak wollen sich nicht öffentlich zu den weiteren Plänen äußern. Auch der Sprecher des irakischen Nationalkongresses, Entifadh K. Qanbar, verweigerte gegenüber SPIEGEL ONLINE eine Stellungnahme zu den Folgen der spanischen Rochade. Aber vielleicht fragen sich irakische Jugendliche schon bald: Was heißt "Hasta la vista, Baby" auf Polnisch.



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