Steinmeier bei syrischen Flüchtlingen: "Wir haben Ratten in den Zelten"

Aus Zaatari berichtet Horand Knaup

Steinmeier im Zaatari: 120.000 Menschen im jordanischen Staub Fotos
H. Schwarz

Das Lager wird von kriminellen Banden kontrolliert, die Anti-Assad-Kämpfer rekrutieren hier ihren Nachwuchs - aber immerhin haben die 120.000 Flüchtlinge das Nötigste zum Überleben. SPD-Fraktionschef Steinmeier macht sich in Zaatari ein Bild von der Lage an der jordanisch-syrischen Grenze.

Vor sieben Monaten kam Abu Safi mit seinen zwei Frauen und neun Kindern aus Syrien. Zu Hause herrsche Krieg, sein Haus sei völlig zerstört, sagt er. Schmuggler hätten ihm über die Grenze geholfen.

Frank-Walter Steinmeier will sich ein Bild verschaffen von der Lage der syrischen Flüchtlinge, von der politischen Situation, von dem Druck auf Syriens Nachbarn - und da steht der SPD-Fraktionschef nun im Staub des Camps in Zaatari. "Uns geht es schlecht", sagt eine der Frauen von Safi. "Wir haben kein Wasser in den Waschräumen. Es gibt keine Medikamente. Wir haben Ratten in den Zelten, große Ratten." Und sie hätte gerne einen Container statt einem Zelt. So wie andere auch.

Zehn Kilometer weiter verläuft die Grenze zu Syrien, 120 Kilometer weiter zerfällt gerade Damaskus. Mehr als 120.000 Flüchtlinge haben sich bereits in das Camp gerettet, täglich kommen neue hinzu, manchmal 200, manchmal 2000.

Über eine halbe Million Flüchtlinge sind im Land, zu viele für sechs Millionen Einwohner. Das wäre, als ob Deutschland innerhalb eines halben Jahres von rund acht Millionen Flüchtlingen überrannt würde. "Nicht auszudenken, wie bei solchen Zahlen die Reaktionen bei uns wären", sagt Steinmeier.

Erst versuchte Jordanien, Zaatari allein zu managen. Doch dann geriet die Situation außer Kontrolle, und die Regierung rief das Uno-Flüchtlingskommissariat UNHCR zu Hilfe. Das Kommissariat schickte Kilian Kleinschmidt, einen 50-jährigen Troubleshooter aus Berlin, der schon im Kongo, im Sudan und in Sri Lanka mit der Flüchtlingsproblematik zu tun hatte, in Somalia Selbstmordkommandos überlebt hat und als einer der Erfahrensten gilt, den das UNHCR überhaupt hat.

Beim Gang durchs Lager gewährt der Uno-Mann Steinmeier einen Schnellkurs in humanitärer Hilfe unter Extrembedingungen. Die 45 Grad im Schatten sind noch das harmloseste. Zweieinhalb Monate ist Kleinschmidt nun in Zaatari, und er spricht vom "schwierigsten Einsatz meines Lebens". Das Lager wird kontrolliert von kriminellen Banden, die jordanische Polizei, die tagsüber zu sehen ist, verzieht sich in der Dämmerung, donnerstags warten teure Autos am Lager-Eingang, um junge Frauen in die Bordelle der Hauptstadt Amman zu schaffen.

Nichts ist sicher in dem Lager

Die syrischen Rebellen rekrutieren im Lager Kämpfer, heißt es. Nichts ist sicher. Zelte verschwinden, Matratzen verschwinden, Wassertanks verschwinden - und finden sich wieder auf den Dächern der jordanischen Häuser in der Umgebung. "Das ist so knallhart hier", stöhnt Kleinschmidt. "Hier hat keiner kapiert, was wirklich los ist." Zweimal schon musste er sich von Kindern schlagen lassen, andere warfen Steine.

Der Frust unter den Lagerbewohnern gärt, 55 Prozent sind unter 18 Jahre alt, immer wieder rücken Sicherheitskräfte an, gerne auch mit Tränengas.

Und dennoch funktioniert es irgendwie. Vier Millionen Liter Frischwasser gibt es am Tag, von Technikern des deutschen THW aus dem Boden gepumpt und von weither herangefahren, täglich werden Hunderte von Zelten durch feste Container ersetzt, es gibt Gesundheitsstationen und genügend Verpflegung. Und in guten Stunden bringt Kleinschmidt sogar Verständnis auf für seine Klienten: "Wir Helfer sind hier der Sündenbock für alles, was die internationale Gemeinschaft in Syrien verpennt hat."

Aber hat sie wirklich etwas verpennt? Und wo ist die Lösung für einen Konflikt, der keine Sieger kennt - und bei dem sich zunehmend eines offenbart: Präsident Baschar al-Assad wird sich nicht aus dem Amt hebeln lassen. Von den Rebellen nicht und auch nicht von US-Außenminister John Kerry, der sich gerade um ein bisschen Frieden in der Region bemüht.

Den Preis zahlen neben den Flüchtlingen, denen immerhin mit dem Nötigsten geholfen wird, vor allem die Gastgeber, die Jordanier. Das Land gehört zu den wasserärmsten Staaten der Welt, den Bewohnern im Norden des Landes wurde die Trinkwassermenge, um die Flüchtlinge zu versorgen, kürzlich halbiert. Die Krankenstationen in der Umgebung des Lagers sind voller syrischer Flüchtlinge, die Mieten selbst in der Hauptstadt Amman deutlich gestiegen, die Schulen überfüllt. "Die Jordanier werden in absehbarer Zeit sagen, es reicht", sagt ein internationaler Helfer.

Denn absehbar ist auch, dass Zigtausende nie mehr zurückkehren werden in ihr zerstörtes Land.

Neues Lager soll noch weiter in die Wüste

In Zaatari versucht die internationale Gemeinschaft derweil, die Lagerbedingungen zu verbessern. Daran hat wiederum die jordanische Regierung wenig Interesse. Das lockt nur weitere Flüchtlinge an, sagt sie. Und hat deshalb das Gelände für ein weiteres Lager, das angelegt werden soll, noch weiter hinaus in die Wüste, ins Niemandsland verlegt, so dass die Versorgung noch schwieriger wird.

Das erkennt auch SPD-Mann Steinmeier, der vor allem zuhört und sehr zurückhaltend ist mit schnellen Forderungen. Das hat er gelernt in seiner Amtszeit als Außenminister. Und er hat registriert, dass die eilige Zusage von Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), 5000 zusätzliche Syrien-Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen, die Jordanier nicht wirklich erfreut hat. Sie befürchten einen weiteren Flüchtlingsstrom in ihr Land.

Steinmeier weiß, dass Politikern gerne schnelle Lösungen abverlangt werden. Aber die gibt es in diesem Fall nicht. Er nennt es "ein Armutszeugnis", dass sich drei europäische Außenministertreffen "ausschließlich mit Waffenlieferungen" für die Rebellen beschäftigen, "anstatt Waffenlieferungen zu verhindern, die in Hände von Leuten fallen, die wir nicht kennen". Deutschland müsse mehr tun, sagt er. "Das gilt für die Politik und für die Bürger." Aber was?

Jordanien effizienter helfen? Humanitär? Politisch? Mehr Flüchtlinge aufnehmen?

In jedem Fall muss auch die deutsche Politik helfen zu verhindern, dass die Krise auf Jordanien übergreift. Also ruft Steinmeier erst einmal nach einer "großen gemeinsamen Spendenaktion" in Deutschland. Das hört sich gut an, es hört sich generös an. Aber es wird nicht reichen.

Schon gar nicht, wenn Steinmeier im September in Berlin wieder Teil einer Regierung sein sollte.

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insgesamt 73 Beiträge
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1.
alnemsi 30.05.2013
Es bleibt nur zu hoffen, dass die SPD bis zum Regierungsantritt ein schlüssiges Konzept zur Positoinierung Deutschlands in der Syrienfrage entwickelt haben wird. Einiges spricht dafür: Immerhin waren jetzt sowohl Steinmeier als auch Gabriel innerhalb weniger Monate vor Ort.
2. ....
poisen82 30.05.2013
---Zitat--- Wir haben Ratten in den Zelten, große Ratten. ---Zitatende--- Naja, sooo groß ist der Steinmeier auch nicht und er war ja schnell wieder weg.
3.
telefoner 30.05.2013
Zitat von sysopEndlich mal kann ich SPON schon bei der Überschrift hundertprozentig zustimmen.
LOOOl jo .... wie nennt sich das, wenn man aus versehen mal die wahrheit schreibt?
4. ...
ein anderer 30.05.2013
Zitat von sysopDas Lager wird von kriminellen Banden kontrolliert, die Anti-Assad-Kämpfer rekrutieren hier ihren Nachwuchs - aber immerhin haben die 120.000 Flüchtlinge das Nötigste zum Überleben. SPD-Fraktionschef Steinmeier macht sich in Zaatari ein Bild von der Lage an der jordanisch-syrischen Grenze. SPD-Mann Steinmeier zu Besuch in jordanischem Flüchtlingslager - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/spd-mann-steinmeier-zu-besuch-in-jordanischem-fluechtlingslager-a-902762.html)
Dieses Flüchtlingslager in Jordanien ist ein Mahnmal internationalem Versagen. Nicht weil in Syrien Krieg herrscht, denn auch das humanitäre Völkerrecht sieht den Krieg als dem Menschen eigen. Sondern weil wir es tatsächlich zulassen, dass die Armut dermassen grassiert und der Frauenhandel in dem Lager blüht. Familien ohne Geld verheiraten ihre Töchter für wenig Geld an Ausländer. Diese Ausländer nutzen die Situation aus und wollen nur Sex um sich danach wieder scheiden zu lassen. Die Frauen und Mädchen landen so in der Prostitution. Es ist 2013 und wir lassen solch ein Flüchtlingselend zu, aber daneben gibt man Millionen für die Rebellen aus weil man doch so human sei. Völlig Irr.
5. Da staunt der Herr !
Bördeknüppel 30.05.2013
Es sollte der GEWALTSAME Sturz der legitimen Regierung durch einige Wenige werden und wurde - auch durch deutsche Unterstützung ( kein Protest von der SPD an die Regierung ) - ein ausgewachsener Bürgerkrieg mit all seinen grausamen Folgen für die Zivilisten ! Und ein Ende ist nicht abzusehen ! Man könnte ja `mal aus der Geschichte lernen ! Wenn man nur wollte !
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