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Spekulationen um Hinrichtung: Übergangsrat will Gaddafis Tod nicht untersuchen

Wurde Gaddafi durch Kopfschüsse hingerichtet? Der Übergangsrat wehrt sich gegen Spekulationen, seine Kämpfer hätten den verwundeten Ex-Diktator aus nächster Nähe getötet. Einer unabhängigen Obduktion hat die Regierung bislang nicht zugestimmt: "Hauptsache, die Leiche verschwindet."

Tripolis/Sirt - Am Tag nach dem Ende von Libyens langjährigem Diktator Muammar al-Gaddafi sind die genauen Umstände seines Todes ungeklärt: Der Leichnam ist nach Misurata gebracht worden, doch ob es eine unabhängige Untersuchung geben wird, ist zweifelhaft.

Wie starb der 69-Jährige also wirklich? Wer hat die tödlichen Schüsse auf Gaddafi abgegeben? Was geschieht mit der Leiche?

Der Nationale Übergangsrat wehrt sich gegen Vorwürfe, seine Kämpfer hätten den bereits verwundeten Gaddafi hingerichtet. Ministerpräsident Mahmud Dschibril erklärte, Gaddafi sei in Sirt ins Kreuzfeuer von Regierungskämpfern und eigenen Anhängern geraten und habe dabei einen tödlichen Kopfschuss erlitten. Ein Gerichtsmediziner konnte demnach nicht feststellen, von welchen Kämpfern das Geschoss stammte. Doch die Kugeln, berichtet die "New York Times", sind laut Forensikern aus nächster Nähe gefeuert worden, was darauf hindeute, dass Anti-Gaddafi-Kämpfer den früheren Machthaber hingerichtet hätten.

Es gibt mehrere weitere Versionen: Ein angeblicher Augenzeuge sagte der Nachrichtenagentur Reuters, einer von Gaddafis eigenen Leuten habe auf ihn geschossen. Anderen Angaben zufolge wurde der Despot bereits bei einem Gefecht in seinem letzten Unterschlupf in Sirt verletzt, flüchtete dann in dem Konvoi und starb an den ursprünglichen Verletzungen, als er in einem Krankenwagen weggebracht wurde.

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Letztes Gefecht in Sirt: Ende eines Diktators
"Ziemlich egal, Hauptsache, er verschwindet"

Laut Dschibril hat der Übergangsrat Kontakt mit dem Internationalen Strafgerichtshof aufgenommen. Das Gericht habe die Libyer gebeten, Gaddafi vorerst nicht zu begraben, damit der Leichnam untersucht werden könne. Der Übergangsrat habe jedoch anders entschieden. Allerdings hätten Ärzte Haar- und Gewebeproben von der Leiche genommen, um keine Zweifel an der Identität des Getöteten aufkommen zu lassen.

Gaddafi werde in Kürze an einem unbekannten Ort nach islamischem Ritus begraben, sagte Ministerpräsident Dschibril. Was mit Gaddafis Leiche geschehe, sei "ziemlich egal, Hauptsache, er verschwindet". Offenkundig will der Übergangsrat damit verhindern, dass das Grab des früheren Machthabers zu einem Wallfahrtsort für Gaddafi-Anhänger wird.

Nach einem Bericht der "New York Times" wurde Gaddafis Leichnam in Misurata von Hunderten Menschen beäugt. Feiernde Soldaten der Übergangsregierung gaben die "ultimativen Trophäen dieser Revolution" von Hand zu Hand weiter - Gaddafis goldene Pistole, sein Satellitentelefon, seinen braunen Schal und einen schwarzen Stiefel.

Wurde Gaddafi lebend gefangen?

Außer Gaddafi sollen auch dessen Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi und Verteidigungsminister Abu Bakr Junis getötet worden sein. In der Nacht zum Freitag wurde auch der Tod der Gaddafi-Söhne Saif al-Islam und Mutassim vom staatlichen Fernsehen bestätigt. Beide sollen wie ihr Vater in Sirt getötet worden sein.

Es scheint so, als sei Gaddafi zunächst lebend, wenn auch verletzt in Gewahrsam genommen worden. Verwackelte Videoaufnahmen, die am Donnerstag vom arabischen TV-Sender al-Dschasira verbreitet wurden, zeigen eine Gruppe von Milizionären, die Gaddafi an den Haaren ziehen und auf ihn einschlagen. Zwar sind die Aufnahmen unscharf, trotzdem kann man deutlich erkennen, dass Gaddafi plötzlich zusammensackt. Möglicherweise hat ihn einer der Rebellen in dieser Situation getötet, jedenfalls sind deutlich Schüsse zu hören.

Welche Rolle spielte die Nato?

Frankreichs Verteidigungsminister Gérard Longuet sagte, französische Kampfflugzeuge hätten am Morgen einen Konvoi von rund 80 Fahrzeugen "gestoppt", die Sirt zu verlassen suchten. Erst Gaddafi-Gegner hätten die Fahrzeuge zerstört und Gaddafi herausgeholt. Laut einem US-Vertreter feuerte auch eine US-Drohne eine Rakete auf den Konvoi. Daraufhin soll sich Gaddafi mit seinen Getreuen in einen Abwasserkanal unter einer sechsspurigen Schnellstraße geflüchtet haben. Am Tod Gaddafis war die Nato angeblich nicht beteiligt.

fab/dpa/Reuters/AFP

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Muammar al-Gaddafi: Stationen eines Diktators

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