Spenden für Gaza "Wir wollen kein Geldgeschenk, wir wollen arbeiten"

Trotz der Wirtschaftskrise im eigenen Land wollen die USA 900 Millionen Dollar für den Wiederaufbau des Gaza-Streifens bereitstellen. Wichtiger als finanzielle Hilfe sei jedoch politischer Druck auf Israel, sagt der palästinensische Ökonom Omar Schaban.


SPIEGEL ONLINE: Kommende Woche wird bei einer Geberkonferenz im ägyptischen Scharm al-Scheich Geld für den Wiederaufbau des Gaza-Streifens gesammelt. Hillary Clinton wird für die USA eine Spende in Höhe von 900 Millionen Dollar ankündigen. Ist das genug?

Nelkenproduktion in Gaza: Lieferungen nach ganz Europa
AFP

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Schaban: Zuerst mal: Das ist ein ganz schöner Batzen. Auch, wenn man es mit der üblichen US-Hilfe für Palästina von 300 bis 400 Millionen Dollar vergleicht. Allerdings ist auch das Ausmaß der Zerstörung in Gaza überwältigend. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen und einheimischer Behörden sind mindestens drei Milliarden Dollar Schaden entstanden. Und das ist nur eine erste Zahl: Der Schaden, der dem Bildungssystem zugefügt wurde, indem Schulen und Universitäten zerstört wurden, ist da noch nicht eingerechnet. Auch die Folgen für die Landwirtschaft sind noch nicht absehbar. Von den psychischen Schäden, die die Menschen in Gaza erlitten haben, ganz zu schweigen.

SPIEGEL ONLINE: Mit der angekündigten US-Hilfe könnte nach dieser Rechnung fast ein Drittel des genannten Schadens behoben werden. Ist damit der erste große Schritt zurück zur Normalität im Gaza-Streifen gemacht?

Schaban: Man darf jetzt nicht in Jubel ausbrechen und glauben, dass alles gut wird. Erstens wird auf Geberkonferenzen traditionell viel Geld versprochen, das später nicht unbedingt gezahlt wird. Solange die Hilfe nicht auf der Bank in Gaza angekommen ist, ist die Ankündigung so einer Großspende vor allem erstmal Eigenwerbung der neuen US-Regierung. Ein PR-Erfolg. Dieses Geld macht nur Sinn, wenn die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit es wirklich helfen kann.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedingungen sind das?

Schaban: Wenn die USA wirklich helfen wollen, müssen sie Druck auf Israel ausüben, die Grenzübergänge zu öffnen. Wie soll sonst Baumaterial zu uns gelangen? Nach Zählungen der Uno wurden 5000 Häuser komplett zerstört, weitere 17.000 beschädigt. 500 öffentliche Gebäude haben Schaden genommen, dazu die Kanalisation, Trinkwasserleitungen, Straßen, Felder. Um Gaza instandzusetzen, braucht es offene Grenzen.

SPIEGEL ONLINE: Israel hat deutlich gemacht, dass es die Grenzen erst wieder permanent öffnen will, wenn die Hamas nicht mehr Alleinherrscherin über Gaza ist. Wie soll das gehen?

Schaban: Die verfeindeten palästinensischen Parteien müssen dazu gebracht werden, sich auszusöhnen. Was Palästina braucht, ist eine Einheitsregierung von Technokraten. Europa und die USA können das durchsetzen. Die palästinensische Politik ist stark von außen beeinflusst. Der Westen hat es in der Hand, eine Versöhnung zwischen Hamas und Fatah zu befördern oder zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Jahren sind Milliarden Dollar an Hilfsgeldern in die palästinensischen Gebiete geflossen. Wann wird Palästina wieder auf eigenen Füßen stehen?

Schaban: Wenn die Menschen wieder wirtschaften können. "Wir wollen keine Geldgeschenke, wir wollen wieder arbeiten können, wir können uns unseren Wohlstand selbst erarbeiten, wenn man uns nur lässt", das ist es, was die Menschen in Gaza sagen. Gaza war bis zur Blockade hoch entwickelt, das Bildungsniveau ist auch heute noch sehr hoch. Was die Welt vergessen hat, ist, dass Gaza noch vor zehn Jahren ein prosperierender Landstrich war. Im Jahr 2000, vor der zweiten Intifada, war Gaza geradezu reich. Das Bruttosozialprodukt betrug 2000 Dollar pro Kopf, heute sind es gerade noch 700 Dollar. Zwei Drittel der Einwohner sind auf Hilfe der Uno angewiesen. Im Jahr 2000 betrug das Wachstum in Gaza acht Prozent, ein Boom. Die Hamas hatte damals weniger als zehn Prozent Unterstützung. Jetzt geht es den Leuten schlecht und sie wählen radikal.

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