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Spendenaufruf: Obama bootet McCain mit Multimillionen-Trick aus

Von , New York

Als erster Präsidentschaftskandidat seit 1976 verzichtet Barack Obama auf öffentliche Gelder für seinen Wahlkampf. Er will sich lieber ganz mit Privatspenden finanzieren - John McCain wirft ihm jetzt Wortbruch vor, doch für den Demokraten rechnet sich der Trick so richtig.

Es war ein Deal unter Männern. Bevor Barack Obama und John McCain sich die Präsidentschaftskandidaturen ihrer Parteien sicherten, hatten sie gelobt, bei einem künftigen Duell auf private Spendenmillionen zu verzichten. Stattdessen, so die informelle Abmachung, würden sich beide mit staatlicher Wahlkampffinanzierung begnügen, beschränkt auf je höchstens 84,1 Millionen Dollar.

Demokrat Obama: Fast grenzenlos mit Spendengeldern wuchern
AP

Demokrat Obama: Fast grenzenlos mit Spendengeldern wuchern

Das war ehrenvoll. Seit 1976 finanziert sich jeder US- Präsidentschaftskandidat über den öffentlichen Topf, um sich zumindest nach außen hin nach von dem Ruch unbotmäßiger Einflussnahme zu lösen, der die Wahlkämpfe hier längst umweht.

Jetzt hat es sich Obama anders überlegt. Heute wandte er sich in einem Internet-Video an seine Anhänger und Wahlkampfspender: Er werde sich nun doch lieber weiter auf Privatspenden stützen. Zwar unterstütze er "ein robustes System öffentlicher Finanzierung von Wahlkämpfen". Doch sei dieses System gegenwärtig kaputt. Trotz staatlicher Finanzierungsgrenzen würden parteinahe Lobbygruppen vor allem bei den Republikanern weiterhin "Abermillionen Dollar" an unbeschränkten Spenden ausgeben können, um den Gegenkandidaten niederzumachen.

Mit anderen Worten: Ihm bleibe gar nichts anderes übrig, als mit der geballten Macht seiner bisher mehr als 1,5 Millionen Einzelspender dagegen anzutreten. Diese Spender rief er auf, "unsere Unabhängigkeit von einem kaputten System zu erklären".

Schon jetzt ist das diesjährige Rennen ums Weiße Haus das teuerste aller Zeiten - mehr als eine halbe Milliarde Dollar haben willige Spender bisher in die Wahlkampfkassen überwiesen, von Studenten bis hin zu Wall-Street-Häusern. Durch Obamas Schritt dürfte er nun noch teurer werden.

Eiskaltes Kalkül

Es ist ein riskanter, doch enorm lukrativer Schachzug für den Kandidaten der Demokraten. Indem er das nach dem Watergate-Skandal 1976 geschaffene Finanzkorsett als Erster abwirft, bricht er ein voreiliges Versprechen - und läuft damit Gefahr, wie McCain sofort schimpfte, "ein typischer Politiker" zu sein, "der alles tut und sagt, was auch immer vorteilhaft ist". Zugleich jedoch eröffnet ihm das geradezu unbegrenzte Rücklagen gegen den ohnehin spendenarmen McCain und dessen private Flankengruppen, die schon jetzt kräftig die Trommel rühren.

Dahinter steckt eiskaltes Kalkül. Schon im Vorwahlkampf hat sich Obama als regelrechter Geldautomat entpuppt. Mit einer brillanten Internet-Strategie scheffelte er nach Angaben der US-Wahlkampfkommission FEC bisher fast 270 Millionen Dollar - mehr als jeder andere US-Kandidat in der Geschichte. Obamas Trick dabei: Auch finanziell hat er eine historische Grassroots-Bewegung aufgebaut. Er setzt auf Kleinspender, "ganz normale Leute" (Obama), die mal fünf, mal zehn Dollar geben, "was ihr euch auch leisten könnt". Deshalb können sie immer wieder neu aktiviert werden, bis zur Höchstsumme von 2300 Dollar pro Person.

Hillary Clinton dagegen verließ sich auf das bisher bewährte, traditionelle Strickmuster: Möglichst viele fette Großspenden von Milliardären, Konzernen, Instituten. Doch damit erreichte Clinton schnell eine Schallgrenze - während Obamas Füllhorn immer weiter spie.

McCain hängt hinterher

Dasselbe Problem hat nun auch McCain. Er hat seit seinem Eintritt in das Rennen nicht mal 97 Millionen Dollar aufbringen können - nur ein Drittel dessen, was in Obamas Kasse geflutet ist. Ein gemeinsamer Verzicht auf Privatspenden hätte McCain natürlich nur Vorteile gebracht, weil er so mit Obama bei 84,1 Millionen Dollar gleichgezogen hätte. Diese Hoffnung hat sich nun zerschlagen.

Deshalb wird sich McCain fortan - wohl ohne es offen zuzugeben - auf die sogenannten "527-Gruppen" verlassen müssen. Das sind nach einem Paragraf im Spendengesetz benannte Privatvereinigungen, die außerhalb der FEC-Kontrolle unbegrenzt Geld ausgeben können, solange ihre TV-Spots sich nicht namentlich für oder gegen einen Kandidaten aussprechen.

Das ist natürlich eine praktische Grauzone. Etwa im letzten Wahlkampf 2004: Da warfen die berüchtigten "Swift Boat Veterans for Truth" den Demokraten John Kerry mit ihren perfiden Lügenvideos aus der Bahn - derweil sich George W. Bush munter "distanzierte". Auch jetzt sind diese Gruppen schon aktiv, unter anderem mit diffamierenden Spots über Obamas Ehefrau Michelle.

Die durchschnittliche Obama-Spende: 91 Dollar

Doch natürlich ist auch Obamas Behauptung, er stütze sich allein auf ein urdemokratisches Heer aus Kleinsparern, nicht mehr als Wahlkampfrhetorik. Zwar kommt die Mehrheit der Spenden tatsächlich aus den Taschen von Studenten, Rentnern, Arbeitern, die minimale Beträge geben, um so nominell ein Teil seiner Kampagne zu werden. Im April betrug die durchschnittliche Obama-Spende 91 Dollar. Von den 200.000 neuen Spendern desselben Monats gaben 94 Prozent weniger als 200 Dollar. Wobei Obama dazu auch einen cleveren Buchhaltungstrick anwendet: Gelegentliche Eintrittspreise für seine Reden (fünf Dollar) zählen ebenso als "Kleinspenden" wie der Verkauf von Schlüsselanhängern (4,50 Dollar), Baseballmützen und Golfbällen (je 15 Dollar).

Obamas spendabelster Finanzier aber ist, siehe da, die Investmentbank Goldman Sachs, mit bisher 571.330 Dollar. Außerdem auf der Top-Liste: die Großbank UBS (364.806 Dollar), JPMorgan Chase (362.207 Dollar), Citigroup (358.054 Dollar), Lehman Brothers (318.647 Dollar) und Google (309.514 Dollar).

Obama pflegt diese "fat cats" genauso, wie er Kleinspender bei seinen Großveranstaltungen animiert. Er stößt mit Hedgefonds-Managern an, die ihn neuerdings zu ihrem Hoffnungsträger erkoren haben, er bewirtet Bankiers, er hofiert Industrielle. Schon voriges Jahr war er Ehrengast bei einem Dinner im luxuriösen Mark Hopkins Hotel in San Francisco, wo ihn Hunderte Konzernchefs, Investoren und Anwälte feierten. Am Ende des Abends kam mehr als eine Million Dollar für ihn zusammen.

Der Club der Superspender

Rund 30.000 Obama-Finanziers haben die Spendenhöchstgrenze von 2300 Dollar pro Person bereits ausgeschöpft. Darunter findet sich eine Eliteclique von mehr als 300 "Bundlers" - Großspender, die je mindestens 50.000 Dollar "gebündelt" an Obama weitergereicht haben: Anwälte, Musikproduzenten, Silicon-Valley-Unternehmer, Immobilienmagnate, Investmentbanker, Finanzhaie. Mit in diesem Club: Hedgefonds-König Paul Tudor Jones II., Hollywood-Mogule Jeffrey Katzenberg und David Geffen, Musik-Impresario Antonio ("L.A.") Reid und Stardiplomat Anthony Lake.

Auch haben diese Top-Spender offenbar direkteren Einfluss auf Obama als der Rest seiner Fangemeinde. So dürfen die Mitglieder seines "National Finance Committees", das aus den fleißigsten Fundraisern besteht, an den allwöchentlichen Konferenzschaltungen der Wahlkampfzentrale teilnehmen - und haben so wenigsten die Illusion der Mitsprache.

Zu diesem enormen Reservoir kommen nun noch die Clinton-Spender hinzu, die Obama umwirbt, seit die frühere First Lady Anfang des Monats den Kampf aufgab.

Und so wird sich das Rennen um die Dollars nur weiter hochschaukeln. Wie viel dieser Wahlkampf am Ende zusätzlich kostet, bleibt abzusehen. Das Center for Responsive Politics, das Wahlkampfspenden im Detail verfolgt, hat aber schon eine Schätzung: mindestens eine weitere Milliarde Dollar.

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