Sperrung des Gaza-Streifens Frontberichte aus zweiter Hand

Israel verwehrt Journalisten den Zugang zum Gaza-Streifen - unabhängige Berichterstattung über den Konflikt mit der Hamas wird unmöglich. Jetzt soll der Oberste Gerichtshof in Jerusalem entscheiden.

Aus Jerusalem berichtet Ulrike Putz


Jerusalem - "Lieber Leser", beginnt der offene Brief des Verbands der Auslandspresse in Israel. "Der Gaza-Streifen ist für die ausländische Presse nicht zugänglich. Dies ist eine nie da gewesene Beschneidung der Pressefreiheit." Israel, das die Grenzen kontrolliere, müsse Journalisten in das Gebiet lassen - damit sie selbst herausfinden können, "was in Gaza los ist".

Aus dem Brief vom Montag spricht mühsam beherrschte Verärgerung. Die rund 400 Mitglieder des Journalistenverbandes sind die Korrespondenten der führenden Medien der Welt, auch jene des SPIEGEL. Sie wollen ihre Leser möglichst aus erster Hand über das Geschehen informieren - und können es wegen der israelischen Blockade des Gaza-Streifens nicht.

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Dabei gibt es im Kampf um Gaza viele offene Fragen: Wurden bei den Bombardements viele Zivilisten getötet - was die palästinensische Seite behauptet? Oder war fast jeder Tote ein Hamas-Mann - wie es Israel darstellt? Wurde wirklich eine normale Moschee in Schutt und Asche gelegt? Oder versteckte die Hamas darin doch Männer und Material? Fakten werden in diesen Tagen zur Glaubensfrage.

Die Bilder und Meldungen, die derzeit aus dem Landstrich kommen, werden ausschließlich von palästinensischen Mitarbeitern der Nachrichtenagenturen und arabischen Fernsehsender produziert, die dort ihre Büros haben. Aus israelischer Sicht stehen deshalb alle Nachrichten aus Gaza unter dem Generalverdacht der Parteilichkeit. Außenministerin Zipi Livni beklagte am Montag in einem Interview mit dem panarabischen Sender al-Dschasira, dessen Berichterstattung sei "einseitig". Seine Korrespondenten in Gaza wollten "Wut und Feindschaft" säen, Israel "eine bessere Zukunft für die Region".

Seit Anfang November ist es auch für internationale Journalisten kaum noch möglich, in den Gaza-Streifen zu gelangen. "Ich bin empört", sagt Ethan Bronner, Korrespondent der "New York Times". "Israel verstößt gegen seine eigenen Grundsätze der Informations- und Pressefreiheit." Zu den Hintergründen der Aussperrung sagt er nur so viel: "Sie (die Israelis, d. Red.) sagen, dass sie Sicherheitsbedenken haben - haben aber auch klargemacht, dass sie mit der Berichterstattung der internationalen Medien nicht glücklich sind."

Schlomo Dror, Sprecher des israelischen Verteidigungsministeriums, sagte kürzlich der "New York Times" ganz offen, er vergieße keine Tränen angesichts der Frustration der Journalisten. Israel habe den Großteil der früheren Berichterstattung aus Gaza für unfair gehalten.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Drors Aussagen provozierten Protest - der Verband der Auslandspresse hat Klage an Israels Obersten Gerichtshof eingereicht. An diesem Mittwoch werden die Richter entscheiden, ob die Weltpresse Zugang nach Gaza bekommt.

Ein erstes Ersuchen vom Sonntag, angesichts der eskalierenden Lage mittels einer einstweiligen Verfügung Reporter schon vorher ins Kriegsgebiet zu lassen, wurde allerdings abgelehnt. Im Gegenteil hat sich das Problem sogar verschärft. Seit diesem Montag kommen Reporter und Fernsehteams nicht mal mehr in die Nähe des Gaza-Streifens: Ein mehrere Kilometer breiter Streifen wurde zum militärischen Sperrgebiet erklärt.

Israels Regierung betreibt zeitgleich eine "Operation Public Relations" - so nennt die israelische Tageszeitung "Haaretz" den neuen Schritt im Kampf um die Deutungshoheit der Ereignisse. Eine "aggressive" Kampagne sei gestartet worden, die weltweit Sympathien für Israels Offensive wecken solle. Das Außenministerium wolle dafür Leute einstellen, die mehrere Sprachen beherrschen; besonders gefragt: Spanisch, Italienisch, Deutsch.

Einstweilen bleibt internationalen Reportern nur, sich auf Informationen aus zweiter Hand aus Gaza zu stützen - und ansonsten über die israelische Seite des Dramas zu berichten.

Für Letzteres engagieren sich inzwischen auch private Organisationen. Per SMS fordert zum Beispiel "The Israel Projekt" Reporter auf, nach Aschkelon zu kommen. In der neuen unterirdischen Notaufnahme des Krankenhauses stünden Verletzte zum Interview bereit, die Opfer von Raketen aus dem Gaza-Streifen geworden seien. Am Montag wurde dieses Angebot gut genutzt. Auch das ein Resultat der Schließung Gazas.

Natürlich versucht auch die Hamas, die Berichterstattung zu manipulieren. Wie, das wird allerdings erst berichtet werden können, wenn die internationale Presse wieder Zugang zum Gaza-Streifen hat.

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