Russlands Spezialeinheiten Bluthunde des Kreml

Es gibt die russische Armee. Und es gibt die "Speznas": Elitekämpfer für Spezialeinsätze wie jetzt den Schutz von Olympia in Sotschi. Hier berichten fünf Veteranen, wie die Geheimtruppe operiert.


Dmitry Beliakov/ DER SPIEGEL

Nach den Anschlägen von Wolgograd fürchtet Russlands Präsident Putin um die Sicherheit bei Olympia in Sotschi. Gegen potentielle Attentäter aus dem Kaukasus bietet der Kreml deshalb nun die Elitekämpfer der "Speznas" auf. Im Bild: das Aufklärungs-Batallion 242. Die Männer sind alle Veteranen der Tschetschenien-Kriege:...

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"Wiktor Baldej" möchte nicht mit seinem echten Namen genannt werden, weil er gegenwärtig im Großraum Sotschi im Einsatz ist, um Terroranschläge zu verhindern. Im Herbst 2000 geriet er in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny in einen Hinterhalt und verlor dabei sein rechtes Auge. Er flehte seinen Kommandeur an, weiter im Dienst bleiben zu dürfen. Der ließ sich erweichen. "Baldej" übte so lange auf dem Schießstand, bis er trotz seiner Behinderung seine alte Treffsicherheit als Scharfschütze wiedererlangt hatte.

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Sergej Juschkow, Oberst a. D. von der Eliteeinheit des Innenministeriums, wurde von Präsident Wladimir Putin mit dem Orden "Goldener Heldenstern Russlands" für seine Verdienste im Kampf gegen islamistische Rebellen in der Kaukasusrepublik Dagestan ausgezeichnet.

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Wassilij Dawydow, Oberstleutnant der Spezialeinheiten des Innenministeriums, wurde während des Tschetschenien-Kriegs schwer verletzt, als sein Panzerwagen auf eine Mine fuhr. 2009 wurde er zum Kommandanten einer Elitetruppe ernannt, die in der kaukasischen Unruheprovinz Inguschien stationiert ist.

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Sergej "Alligator" möchte seinen Nachnamen nicht gedruckt sehen. Er wurde während seiner Einsätze in beiden Tschetschenien-Kriegen zweimal verwundet. Ein Foto, das er zur Erinnerung aufbewahrt, zeigt ihn mit blutiger Nase an einer Straße in der tschetschenischen Siedlung Starye Atagi, nachdem er die Explosion einer von Untergrundkämpfern selbstgebastelten Bombe überlebt hat.

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Alexander Michailow von der Geheimdienst-Eliteeinheit "Alfa" kommandierte einen Stroßtrupp, als der Befehl zur Befreiung von 900 Geiseln in einem Moskauer Musical-Theater kam. Die Aktion hätte ein Triumph werden können, endete aber im Desaster. Die erste Panne: Die Ankunft seiner Einheit wurde im Fernsehen übertragen - und auch die Terroristen guckten zu.

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Sergej Illariononow diente in der Eliteeinheit "Rossitsch" des Innenministeriums und hätte für seinen Todesmut bei einer Schlacht um das tschetschenische Dorf Komsomolskoye den Tapferkeitsorden verdient. Stattdessen muss der Major a. D. seine Familie mit einer Rente von 125 Euro und Gelegenheitsjobs durchbringen. - Seine ganze Geschichte erfahren Sie unten (bitte hinunterscrollen).

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Wladimir Tregubow von der Geheimdienst-Einheit "Wimpel": Als ihn im September 2004 beim Sturm auf die von Terroristen besetzte Schule von Beslan eine Kugel in die Brust traf, wurde er durch die Luft geschleudert wie in einem US-Action-Streifen. Tregubow baut gerade ein Haus in Noginsk, einer kleinen Stadt östlich von Moskau. Das Schönste für ihn ist, wenn er im Sommer nach Weltkriegsdevotionalien gräbt. "Dann leben wir wieder im Wald, in Zelten, wie bei unseren Einsätzen in Tschetschenien", sagt er.

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Andrej Pelichow von der Eliteeinheit "Rus" des Innenministeriums verlor seinen linken Unterschenkel, als er bei der Verfolgung tschetschenischer Untergrundkämpfer auf eine Mine trat. Die Mine war von einem russischen Hubschrauber ausgelegt worden, keiner aber hatte das Minenfeld in die Karte von Pelichows Truppe eingetragen.

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Andrej Algorow gehörte von 1995 bis 2003 zur Eliteeinheit "Wimpel" des Inlandsgeheimdienstes FSB. Im August 1996 hielt er während des Tschetschenienkrieges einer viertägigen Belagerung der FSB-Residentur in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny stand. Algorow nahm auch an der Befreiungsaktion beim Geiseldrama im Moskauer Musicaltheater Dubrowka im Oktober 2002 teil.

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Alexander Musijenko verlor seinen Job als Oberst beim Militärgeheimdienst GRU, als er sich mit seinen Generälen anlegte, die er für den Tod von sechs Kameraden verantwortlich machte. In den Bergen des Kaukasus waren sie dem tschetschenischen Warlord Ruslan Gelajew auf den Fersen, als ihre billigen Seile aus Hanf rissen. Die Generäle im Stab schickten Musijenkos Einheit zu Weihnachten eine Kiste Mandarinen, darin ein Zettel. "Erfolg im Kampf gegen die virtuellen Kämpfer", stand da.

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Sergej Koslow, ehemaliger Major des Militärgeheimdienstes GRU, hat mehrere Bücher geschrieben, in denen er sich mit der Geschichte der geheimen Eliteeinheiten des Kreml befasst. Über seinem Schreibtisch hängen Heiligenbilder, an der Wand im Wohnzimmer ausgestopfte Trophäen, darunter ein Wildschweinkopf.

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Wladimir Kwatschkow war einst ein loyaler Sowjetoffizier. Er kämpfte in Afghanistan und Tschetschenien. In den neunziger Jahren half er im Auftrag des Kreml, den Bürgerkrieg in Tadschikistan zu beenden, indem er einen moskaufreundlichen Präsidenten an die Macht brachte. Inzwischen sitzt der radikale Nationalist und Judenhasser hinter Gittern - die Anklage lautet auf Vorbereitung eines Militärputschs. - Seine ganze Geschichte erfahren Sie unten (bitte hinunterscrollen).

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Wladimir Kowtun war der Mann, der die USA brüskierte: In den achtziger Jahren erbeute in Afghanistan die erste amerikanische Stinger-Rakete von den Mudschahidin - und lieferte damit den Beweis, dass das Weiße Haus die Kämpfer gegen die Sowjetunion mit modernsten Waffen unterstützte. - Seine ganze Geschichte erfahren Sie unten (bitte hinunterscrollen).

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Wjatscheslaw Jarzew, ehemaliger "Alfa"-Offizier, trägt einen langen Vollbart. Beinahe scheint es, als hätte er das Aussehen der Mudschahidin angenommen, die er damals in den Bergen Afghanistans bekämpfte. Jarzew ist einer der wenigen Veteranen, die dem Thema Kriegsverbrechen nicht ausweichen. "Man musste ein Dorf säubern. Man schmiss Granaten, Zivilisten starben. Flugzeuge warfen Bomben, der Pilot sah nicht immer, auf wen", bekennt er. - Seine ganze Geschichte erfahren Sie unten (bitte hinunterscrollen).

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Walerij Jemyschew, Mitbegründer der KGB-Spezialeineinheit "Alfa", verlor beim Sturm auf den afghanischen Präsidentenpalast eine Hand. Später sollte seine Truppe den ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin töten.





"Speznas" heißen sie, spezialnowo nasnatschenija, Einheiten zur besonderen Verwendung. Eingesetzt werden sie vom russischen Geheimdienst, der Armee und vom Innenministerium - immer dann, wenn die Missionen nicht bekannt werden sollen, wenn die Operationen extrem heikel sind.

Die Spezialkräfte selbst sehen sich auf Augenhöhe mit dem britischen SAS und den amerikanischen Navy Seals, die 2011 Osama Bin Laden liquidierten. "Auch wir haben für den Kreml viele kleine Bin Ladens erledigt", sagt ein Offizier, "Islamistenführer und Terroristen."

Mehr Details erfährt man nur selten, denn die Speznas unterliegen einem Schweigegebot. Für einen Moment sind sie jetzt aus dem Schattenreich ihrer Geheimeinsätze getreten - als bekannt wurde, dass Eliteeinheiten zu den Olympischen Winterspielen nach Sotschi abkommandiert worden sind. Sie sollen das zum Teil unübersichtliche Gelände vor dem Angriff durch Terroristen aus dem Kaukasus schützen. Aber sie trainieren nach den schweren Anschlägen von Wolgograd auch für den Ernstfall: Blitzeinsätze und Geiselbefreiung.

Heldenmut und Kriegsverbrechen

In Russland ranken sich zahlreiche Legenden um die geheimnisumwitterten Eliteeinheiten, sie sind ein Mythos und immer wieder Gegenstand von Spielfilmen und Fernsehserien.

Der russische Fotograf Dmitrij Beljakow hat mehr als 40 Speznas-Kämpfer in seinem Fotostudio porträtiert, der Moskauer SPIEGEL-Korrespondent Matthias Schepp traf ein Dutzend von ihnen zu langen Gesprächen. Die Männer, die oft über Jahrzehnte geheim halten mussten, was sie taten, scheuten zunächst den Kontakt. Dann aber berichteten sie umso bereitwilliger. So als hätte sich eine Schleuse geöffnet für das, was viel zu lange in ihnen aufgestaut war.

Erstmals erzählen sie nun ihre Geschichte, enthüllen Details des Geiseldramas im Moskauer Musical-Theater Dubrowka 2002, sprechen über ihre geheimen Einsätze im Afghanistan-Krieg und brutale Scharmützel in den Bergen Tschetscheniens, das sich nach dem Zerfall der Sowjetunion von Russland abspalten wollte.

Es sind Geschichten von großem Heldenmut und einzigartiger Opferbereitschaft, aber auch von Kriegsverbrechen und der Enttäuschung über einen Staat, der die Spezialtruppen in schwierigste Einsätze schickt, ihre Soldaten und Offiziere mit Orden dekoriert - und dann die Veteranen der Elitegruppen einfach vergisst, als hätten sie nie existiert.

Fünf ehemalige Kämpfer erzählen auf SPIEGEL ONLINE von den heiklen Operationen der Geheimtruppe:

"MEINE ABGESCHNITTENE HAND FIEL IN EINEN BLECHEIMER"

Walerij Jemyschew: "Blut schießt aus meinem Arm, und Fetzen meiner Hand baumeln herunter"
Dmitry Beliakov/ DER SPIEGEL

Walerij Jemyschew: "Blut schießt aus meinem Arm, und Fetzen meiner Hand baumeln herunter"

Der Mann, der am Anfang der Geschichte der legendären Spezialeinheiten steht, wohnt 60 Kilometer vom Stadtzentrum Moskaus entfernt, im Dorf Tagankowo. Dort hat in einigen Straßenzügen das alte Russland überlebt: Holzhäuser stehen da wie auf einem Gemälde Ilja Repins aus dem 19. Jahrhundert. Ein alter Mann füttert Hühner in seinem Gärtchen, der rechte Ärmel hängt schlaff herunter, ein Invalide, wie es viele gibt in Russland. "Finanzkrise oder Wirtschaftsboom", sagt der Alte, "ich spucke darauf. Ich hänge nicht vom Staat ab und kann mich mit meinen Tomaten, Gurken und Kartoffeln selbst versorgen." Nichts deutet darauf hin, dass Walerij Jemyschew, 71, zu den Gründern der legendären Spezialeinheit "Alfa" des KGB gehörte.

Jemyschew 1978 bei einer Übung
Archiv Valery Yemyshev

Jemyschew 1978 bei einer Übung

Jemyschew war der Erste, der 1979 den afghanischen Präsidentenpalast stürmte, als der Kreml Hafisullah Amin stürzte, der mit den Amerikanern Verhandlungen aufnehmen wollte. Und "Alfa"-Kommandos befreiten 1989 Geiseln in Saratow und 2004 in Beslan. Heute sind Offiziere der Truppe für den Schutz des tschetschenischen Diktators Ramsan Kadyrow zuständig und "gleichzeitig die Garantie, dass er auf einen Wink des Kreml aus dieser in die andere Welt übergeht", wie ein Alfa-Veteran bei einem wodkaseligen Saunaabend preisgibt.

"Für einen kurzen Moment lag sogar das Schicksal der Sowjetunion in unseren Händen", erzählt Jemyschew. Am 19. August 1991, als die alte Garde gegen den auf der Krim urlaubenden Sowjetpräsidenten Michail Gorbatschow putschte, hatte KGB-Chef Wladimir Krjutschkow "Alfa" den Befehl gegeben, Boris Jelzin, der ein unabhängiges und demokratisches Russland wollte, "festzunehmen oder zu liquidieren". Jelzin entkam, und Jemyschew ist anzusehen, dass er das nicht unbedingt für einen Segen hält. "Keiner liebt Gorbatschow und Jelzin", sagt er abfällig. "Sie sind für Niedergang und Sittenlosigkeit verantwortlich."

Nicht einmal seine Frau wusste von seinem Job

Auch auf Putin und Medwedew schaut er herab. Wie viele ältere Speznas-Veteranen wünscht er sich die Sowjetunion zurück. Sein Held ist der KGB-Chef (1967-1982) und spätere KP-Generalsekretär Jurij Andropow, "dieser weise Führer". Jemyschew verehrt ihn bis heute wie einen Vater. Andropow hat die Anti-Terror-Gruppe 1974 unter dem Eindruck des Palästinenser-Anschlags auf die Olympischen Sommerspiele in München gegründet und den Elitesoldaten sogar erlaubt, den in der Sowjetunion verpönten fernöstlichen Kampfsport Karate zu trainieren.

So geheim war die Einheit, dass Jemyschews Frau lange den Beteuerungen ihres Mannes glaubte, er arbeite als Schlosser für die Stadtverwaltung, auch wenn er hin und wieder auf längere Dienstreisen verschwand. 1979 flog er nach New York, als fünf sowjetische Dissidenten gegen zwei Spione ausgetauscht wurden. Aus Kuba, wo er als Kampfschwimmer die sozialistischen Weltjugendspiele bewachte, brachte er zwei Kokosnüsse mit und flunkerte der Familie vor, er habe sie in einem Devisengeschäft in Moskau gekauft.

"Er hat seinen Arm fürs Vaterland geopfert"

Jemyschews Frau Galina stellt dampfende Kartoffeln und eingelegte Gurken auf den Tisch. "Mein Mann hat mir vorgemacht, alles sei nur ein Unfall bei einem Ausflug mit Freunden in die Berge gewesen", seufzt sie, "dabei hat er den Arm fürs Vaterland geopfert." Es war eine bleierne Zeit. Kein normaler Sowjetbürger sollte von den Schwierigkeiten der Invasion in Afghanistan erfahren. Auf den Grabsteinen der Soldaten, die in Afghanistan fielen, aber in Russland beerdigt wurden, stand "tragisch gestorben".

Jemyschew hätte um ein Haar zu den ersten Todesopfern gezählt. Als Erster robbt er am 27. Dezember 1979 über die Schwelle des Präsidentenpalasts, gerät im Innenhof sofort unter Beschuss. Er spürt einen Schlag am rechten Arm, er stürzt, seine Kalaschnikow fällt auf den Marmorboden. "Blut schießt aus meinem Arm, und Fetzen meiner Hand baumeln herunter", erinnert er sich. In der Feldklinik schreiten die Ärzte zur Amputation. "Ich hörte ein metallisches Klacken", erzählt Jemyschew.

Der Handstumpf mit dem Ehering war auf den Boden eines Blechbottichs gefallen.


DER MANN, DER AMERIKA BRÜSKIERTE

Wladimir Kowtun: Spezialoperationen für den Militärgeheimdienst GRU in Afghanistan
Dmitry Beliakov/ DER SPIEGEL

Wladimir Kowtun: Spezialoperationen für den Militärgeheimdienst GRU in Afghanistan

In einer idyllischen Einöde inmitten endloser Wälder, Seen und Wiesen hat sich der Offizier ein neues Leben aufgebaut, der die wichtigste Trophäe der Sowjetunion im Afghanistan-Krieg erbeutete.

Wladimir Kowtun, ein Hüne mit braunen Haaren, ist der Mann, der im Afghanistan-Krieg in den achtziger Jahren das Weiße Haus in Washington und seine obersten Dienstherrn brüskierte. Mit dem Lächeln eines Siegers führt er durch seine Hühnerfabrik in Nurejewo, einem Dorf, das 240 Kilometer nordöstlich von Moskau liegt.

Eine Kugel durchschlägt seinen Kiefer

Der 53-Jährige hat in Afghanistan an mehr als 100 Sonderoperationen des Militärgeheimdienstes GRU teilgenommen und sieben Schusswunden überlebt. Einmal hielt er mit einem Dutzend Speznas-Kämpfern einem Angriff von 200 Mudschahidin stand. Eine Kugel durchschlug seinen Kiefer.

Wladimir Kowtun
Archiv Vladimir Kovtun

Wladimir Kowtun

Die Morgensonne lässt den Raureif auf Birken- und Tannenzweigen golden glitzern. In drei Hallen mit 250.000 Hühnern blitzen moderne Legebatterien und Sortiermaschinen aus Deutschland, Holland und Italien. Kowtun reist gerne in die Länder des einstigen Klassenfeindes. "Ich mag den Kapitalismus", sagt er. "Dort ist der Kunde immer König."

Der Geheimdienstveteran spricht Englisch, Französisch und seit seinem Einsatz in Seoul Anfang der neunziger Jahre auch Koreanisch.

Der Kreml kauft Eier bei ihm

Kowtun ist einer der wenigen Veteranen der Speznas-Eliteeinheiten, die es nach ihrem Militärdienst zu etwas gebracht haben. Seine Farm verkauft Eier bis nach Moskau. Auch die Kreml-Verwaltung zählt zu seinen Abnehmern, erzählt er.

Statt ewig nach dem Staat zu rufen, ein Sowjeterbe des neuen Russland, hat Kowtun die löchrige Dorfstraße auf eigene Rechnung asphaltieren lassen. Sein Optimismus ist amerikanisch. Sein Haus aus weißlackierten Holzplanken könnte an der amerikanischen Ostküste stehen. Mitten in Russland lebt er den "American Way of Life".

Dabei handelt es sich bei Kowtun um den Mann, der den Amerikanern im Kalten Krieg eine ihrer gefürchtetsten Waffen entwandte.

Am 5. Januar 1987 führt Kowtun ein Kommando aus 16 GRU-Kämpfern an. Mit zwei Mi-24-Hubschraubern suchen sie nach einem Standort für einen Hinterhalt, von dem aus sie Karawanen attackieren wollen, die aus Pakistan Waffen für die Mudschahidin bringen. Sie fliegen knapp über der Erde, als zwei Boden-Luft-Raketen vom Typ Stinger an ihnen vorbeizischen, abgefeuert von Aufständischen.

Mit Maschinengewehrfeuer töten sie die Angreifer und landen ihre Hubschrauber. Ein Mudschahid versucht, auf seinem Motorrad zu entkommen. Unter dem Arm hält er etwas unter einer Decke verborgen. Kowtun tötet ihn mit einem einzigen Schuss aus 300 Metern. Unter der Decke kommt eine weitere, nicht abgeschossene Stinger-Rakete zum Vorschein. Ein Aktenkoffer, der neben dem toten Rebellen zu Boden gefallen ist, enthält die Gebrauchsanleitung und den Versandort in Amerika.

Es war der vom Kreml verzweifelt ersehnte hundertprozentige Beweis, dass Washington die islamischen Untergrundkämpfer mit seinen modernsten Waffensystemen unterstützt. Die Stinger-Raketen brachen die Lufthoheit der Sowjets und trugen entscheidend zur Niederlage des Kreml in Afghanistan bei.

"Die Nato verliert in Afghanistan"

"Es war ein Fehler, dass dieser alte Stinker, Generalsekretär Leonid Breschnew, uns in den Hindukusch gehetzt hat", sagt Kowtun. "Es ist sinnlos, gegen die Afghanen Krieg zu führen. Sie haben sich uns nicht unterworfen, und sie unterwerfen sich jetzt dem Westen nicht. Die Invasion der Nato wird so enden wie unsere sowjetische - mit einer Niederlage."

Nach einer kurzen Irrphase, als Kowtun sich Mitte der neunziger Jahre als Sicherheitsberater bei Geschäftsleuten mit zweifelhafter Reputation verdingte, hat er sich selbst und seine Aufgabe gefunden. Er ist mit sich und der Welt im Großen und Ganzen zufrieden - und damit eine Ausnahme unter den Speznas-Veteranen der Eliteeinheiten. Präsident Putin, dem die meisten Speznas-Leute skeptisch gegenüberstehen, lobt er: "Unter ihm hat unsere Gesellschaft wieder angefangen, die Armee mit dem Gesicht anzuschauen statt mit dem Arsch."


MILITÄRPUTSCH GEGEN PUTIN

Wladimir Kwatschkow: "Wir sind Russen. Gott ist mit uns"
Dmitry Beliakov/ DER SPIEGEL

Wladimir Kwatschkow: "Wir sind Russen. Gott ist mit uns"

Wenige Tage bevor Wladimir Kwatschkow wegen Vorbereitung eines Staatsstreichs festgenommen wird, steht er in seiner Altbauwohnung am Moskau-Fluss. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Wir sind Russen. Gott ist mit uns". Kwatschkow ist in Kreisen der Eliteeinheiten von Geheimdienst und Innenministerium eine Legende. Er war zunächst Kommandeur in Afghanistan, während des Tschetschenien-Krieges lieferte sich seine Truppe Scharmützel mit den berüchtigtsten Rebellen.

In den neunziger Jahren half er im Auftrag des Kreml, den Bürgerkrieg in Tadschikistan zu beenden, indem er einen moskaufreundlichen Präsidenten mit an die Macht brachte. Auf eigene Faust beriet er den serbisch-bosnischen Kriegsverbrecher Ratko Mladic. Aus dem Oberst, der einst ein loyaler Sowjetoffizier gewesen war, war da schon ein Aufrührer geworden.

Er ist stolz, Antisemit zu sein

Als Kwatschkow SPIEGEL ONLINE kurz vor seiner Verhaftung im Dezember vor drei Jahren die Türen zu seiner Wohnung öffnete, holte er hinter einer mit Ikonen vollgepfropften Schrankwand ein Gemälde hervor. Es zeigte den liberalen Spitzenpolitiker Anatolij Tschubais auf dem elektrischen Stuhl. Im Hintergrund jubeln die Volksmassen. Tschubais war in den neunziger Jahren Architekt der Privatisierung der Staatswirtschaft unter Jelzin. Die Mehrheit der Russen hasst ihn bis heute, weil sie ihn für die Massenarmut zu Beginn der Reformen verantwortlich macht. "Russland befindet sich unter jüdischer Besatzung, und Tschubais ist einer der Anführer", sagte Kwatschkow.

Wladimir Kwatschkow
Archiv Vladimir Kvachkov

Wladimir Kwatschkow

Er ist stolz darauf, ein Antisemit zu sein. Der Nationalist hat eine Hetzschrift herausgegeben. Sie trägt das Hinrichtungsbild von Tschubais als Cover und heißt "Die wichtigste Spezialoperation steht noch bevor".

Weil Kwatschkow offenkundig versucht hatte, diesen Aufruf zur Lynchjustiz in die Tat umzusetzen, war er 2005 schon einmal für drei Jahre im Gefängnis gelandet. Ein Moskauer Gebietsgericht verurteilte ihn als Hintermann eines Sprengstoffattentats auf Tschubais im März 2005. "Mein Auto war nur zufällig in der Nähe des Tatorts", bestreitet Kwatschkow bis heute seine Verwicklung. Den Anschlag aber preist er als "ersten Akt des nationalen Befreiungskriegs".

Der 65-Jährige hat eine Doktorarbeit über den Partisanenkrieg geschrieben. Als er wegen des Tschubais-Attentats in Haft saß, teilte er einen Monat lang die Zelle mit Michail Chodorkowski. Den militanten Nationalisten mit dem Ende Dezember freigelassenen jüdischen Oligarchen zusammenzulegen, war eine besondere Schikane des Kreml. Heute spricht Kwatschkow mit Respekt von Chodorkowski. Dieser habe sein "Leben untrennbar mit Russland verknüpft", sie beide seien Opfer des "internationalen Kapitals".

"Putin - ein parasitärer Wurm"

Als er in einem zweiten Prozess, diesmal wegen Vorbereitung eines Militärputsches, vor Gericht stand, beschimpfte er Wladimir Putin als "parasitären Wurm". Die Anklagebank nutzte er, um zu einer Philippika gegen die Regierung anzusetzen. Zwei Drittel der Moskauer Lebensmittel seien importiert, Russland betreibe Landwirtschaft wie am Ende des 19. Jahrhunderts mit Traktoren aus den dreißiger Jahren. "Jeder Speznas-Offizier hasst die gegenwärtigen Machthaber", sagt er.

Bei vielen Speznas-Kämpfern genießt der Extremist hohes Ansehen. Die Mehrheit trauert dem verlorenen Sowjetimperium nach, selbst wenn sie es allenfalls als Kleinkinder erlebt haben. Sie hassen Amerika, die Nato und "all die verrückten Liberalen in Moskau". Von Demokratie halten sie wenig, dafür aber viel von der Führung durch einen starken Mann. So stehen ausgerechnet diejenigen, die Russland gegen Terroristen und Aufständische verteidigen sollen, dem neuen Staat ablehnend gegenüber.


STURM AUF DAS DUBROWKA-THEATER IN MOSKAU

Alexander Michailow: "Wenn ich den Kameramann zu fassen bekommen hätte, hätte ich ihn mit eigenen Händen erwürgt"
Dmitry Beliakov/ DER SPIEGEL

Alexander Michailow: "Wenn ich den Kameramann zu fassen bekommen hätte, hätte ich ihn mit eigenen Händen erwürgt"

Terroristen aus dem kaukasischen Untergrund haben im Herzen der russischen Hauptstadt mehr als 900 Geiseln genommen. Wie ein finsterer Bunker liegt der Betonbau des Dubrowka-Theaters vor Alexander Michailow. Zusammen mit seinem Offizierskameraden Sergej soll Michailow einen Weg ins Innere auskundschaften, um die Geiseln zu befreien. Im Nachtclub an der Ostseite des Theaters entdecken die beiden einen zugemauerten Mauerdurchschlupf.

Scharfschütze Michailow im Afghanistan-Krieg mit seinem "Dragunow"-Gewehr.
Archiv Alexander Mikhailov

Scharfschütze Michailow im Afghanistan-Krieg mit seinem "Dragunow"-Gewehr.

Spezialisten der Anti-Terror-Einheit bohren ein Loch durch die Wand und installieren eine Kamera. Die Einsatzleiter können nun in den Zuschauerraum des Theaters schauen, Terroristen und Geiseln beobachten. Sie sehen Minen und verdrahtete Sprengsätze.

Ein Foto aus den achtziger Jahren zeigt den Offizier während seiner KGB-Ausbildung am Schießstand mit einer Makarow-Pistole. Er sah aus wie eine Mischung aus Roger Moore und der amerikanischen Schwimmlegende Mark Spitz. Später waren seine Haare lang wie die eines Rockmusikers, Zeichen "seines Rebellencharakters", sagen Freunde.

"Wir standen da wie Idioten"

Als sich Michailow kürzlich mit Kameraden vor dem Theater traf, um der Toten von damals zu gedenken, trug er Cowboystiefel, Jeans und Lederjacke. Alles in Schwarz. So wie damals in jener Nacht zum 24. Oktober 2002.

Michailow zu Beginn der achtziger Jahre vor einem Einsatz in Afghanistan.
Archiv Alexander Mikhailov

Michailow zu Beginn der achtziger Jahre vor einem Einsatz in Afghanistan.

Es war der Einsatz, der wie kein anderer Glanz und Elend der "Speznas" zeigte. Niemals in ihrer mehr als 40 Jahre langen Geschichte lagen Triumph und Scheitern, genialer Plan und dilettantische Ausführung so nahe beieinander.

"Die Welt hätte uns als Helden bewundert", seufzt Michailow. "Am Ende aber standen wir Russen da wie Idioten."

Michailow und Sergej erkunden die Rückseite des Theaters. In einer Ecke des Dachstuhls entdecken sie sechs verängstigte Angestellte, die sich vor den Terroristen geflüchtet hatten. Einer der Theaterleute bekommt einen epileptischen Anfall, Michailow legt ihn auf eine Trage und lässt ihn zur Erde herab.

Dann kündet das Klingeln seines Mobiltelefons von der ersten Panne. Ein anderer Offizier ist am Apparat: "Du, deine angegraute Mähne ist gerade im Fernsehen zu sehen. Toll, wie du da auf dem Dach herumturnst."

Es endet im Desaster

Auch die Terroristen schauen TV. Das Gerät steht an der Pausenbar. Sie verminen den Zugang zum Dachstuhl. Nun bleibt dem Kommando nur der Weg durch die Kellerbar. "Wenn ich den Kameramann zu fassen bekommen hätte, hätte ich ihn mit eigenen Händen erwürgt", regt sich Michailow auf.

Michailow bei einer Übung seiner KGB-Eliteeinheit "Alpha" bei Moskau.
Archiv Alexander Mikhailov

Michailow bei einer Übung seiner KGB-Eliteeinheit "Alpha" bei Moskau.

Michailow mag keine Journalisten. Noch weniger mag er Politiker. Er verachtet sie als ahnungslose Schreibtischtäter. Im ersten Tschetschenien-Krieg hat der Kreml, in dem damals Boris Jelzin saß, Michailows Einheit im August 1994 nach Grosny gejagt, um die Rädelsführer festzunehmen. "Dabei kontrollierten die Rebellen die halbe Stadt, und wir waren gerade zwei Dutzend Mann", sagt er. "Was für ein dummer Befehl. Wir bekamen sie nicht zu fassen und waren froh, überlebt zu haben."

Der Sturm des Theaters hingegen verhieß einen Triumph, eine geheime Wunderwaffe sollte eingesetzt werden, ein einschläferndes Aerosol. Tatsächlich endete er im Desaster.

Die Operation "Baikal" beginnt um 4.58 Uhr. Michailows Leute bekreuzigen sich. Die Gasmasken aber reichen nicht für alle der rund 150 Männer der Eliteeinheiten "Alfa" und "Wimpel" des Inlandsgeheimdienstes FSB. Das ist die zweite schwere Panne der Operation.

"Wir sind nur ein Instrument in den Händen der Politik"

Die Speznas leiten das Betäubungsmittel ins Theaterinnere, sprengen die Wand des Nachtclubs. Im Saal liegen die bewusstlosen Menschen wie in einem Picasso-Gemälde aus dem spanischen Bürgerkrieg: mit verrenkten Gliedmaßen und wirr zur Decke gedrehten Augen. Einige haben Schaum vor dem Mund, manche lächeln selig.

Die Personalakte des Oberst a. D. Michailow. Sie trägt links oben den Vermerk "geheim".
Archiv Alexander Mikhailov

Die Personalakte des Oberst a. D. Michailow. Sie trägt links oben den Vermerk "geheim".

Die Elitekämpfer liquidieren die Terroristen mit Kopfschüssen, fangen an, den bewusstlosen Geiseln ein Gegenmittel zu spritzen. Die Medizin reicht aber nicht für jedes Opfer, die nächste Panne. "Es war wie bei einer Lotterie, reines Chaos", erinnert sich Michailow, "die Organisation war eine Katastrophe".

Der Offizier trägt ein Dutzend Geiseln auf seinen Schultern nach draußen. "Das war eigentlich nicht unser Job", sagt er. Ärzte und Krankenschwestern aber weigern sich, die Evakuierung durchzuführen, solange die Minen nicht entschärft sind. Vier Stunden bergen die Elitesoldaten etwa 800 regungslose Geiseln, die meisten bewusstlos, manche schon tot. Draußen fehlen Krankenwagen, mehr als 130 Geiseln sterben, obwohl die meisten bei rechtzeitiger medizinischer Versorgung gerettet hätten werden können.

"Wir sind nur ein Instrument in den Händen der Politiker", erklärt Michailow verbittert. "Die Geiseln ihrer Entscheidungen. So war es immer, so wird es bleiben."


"SIE STIESSEN MIR EINE PISTOLE IN DEN MUND"

Sergej Illarionow: "Ich habe schon das Paradies gesehen"
Dmitry Beliakov/ DER SPIEGEL

Sergej Illarionow: "Ich habe schon das Paradies gesehen"

Sergej Illarionow wollte immer ein Held sein. Als Jugendlicher hat er sich selbst eine Tätowierung geritzt. Sie zeigt einen Totenschädel mit Messer zwischen den Zähnen. Er genoss die harte Ausbildung, die jedes Mitglied der Eliteeinheit des Innenministeriums "Rossitsch" hinter sich bringen musste, so wie andere junge Männer gerne zum Fußballtraining gehen. "Wer beim 15-Kilometer-Lauf vor dem Frühstück zu langsam war, bekam eben nichts zu essen", erinnert er sich.

Noch vor fünf Jahren war Illarionow im Kaukasus im Einsatz. Heute lebt der 38-Jährige in einem Ein-Zimmer-Backsteinhäuschen am Rand der südrussischen Stadt Nowotscherkassk. Seine Rente von umgerechnet 125 Euro bessert der Major a. D. auf, indem er als Leibwächter für einen Geschäftsmann jobbt.

Im Wohnzimmerschrank bewahrt Illarionow ein Video vom 6. Juli 1998 auf. An diesem Tag besteht er die brutale Prüfung, die ihm erlaubt, das bordeauxrote Barett zu tragen, die höchste Ehre für die Spezialeinheiten des Innenministeriums.

Seine Uniform fing Feuer

Mit 23 Kilo Ausrüstung, kugelsicherer Weste, Kalaschnikow und Helm legt Illarionow bei brütender Hitze beinahe 30 Kilometer im Dauerlauf zurück. In einem Sumpf verliert er den Boden unter den Füßen und ertrinkt beinahe. "Ein Vorgesetzter zog mich raus", erzählt er. "Ich habe schon das Paradies gesehen. Im Jahr davor ist dort einer ersoffen." Am Ziel warten Offiziere auf den Barett-Anwärter, setzen ihm einen Kopfschutz auf und prügeln zwölf Minuten auf ihn ein. Immer wieder geht er zu Boden, immer wieder steht er auf. Nach den Strapazen hat Illarionow sieben Kilo verloren. Fortan aber gehört er zur Elite der Elite.

Sergej Illarionow 2001 in Tschetschenien
Archiv Sergey Illarionov

Sergej Illarionow 2001 in Tschetschenien

Seine größte Heldentat vollbringt er am 6. März 2000 in Tschetschenien. Hunderte Soldaten und Speznas sollen das Dorf Komsomolskoje einnehmen, in dem sich der Rebellenführer Ruslan Gelajew mit Hunderten Kämpfern verschanzt. Frauen flüchten mit ihren Kindern, in der Hand eine weiße Fahne. Barfuß laufen sie durch den Schnee.

Ein Trupp mit 22 Speznas-Soldaten gerät im Hof eines Hauses in einen Hinterhalt. Innerhalb von zwei Minuten sind alle tot. "Mutter, Mutter", schreit einer, "es tut so weh". Seine Uniform hat Feuer gefangen.

Illarionow meldet sich als Freiwilliger, um mit den tschetschenischen Rebellen über den Austauch der Leichname zu verhandeln. Die Tschetschenen sind beleidigt, dass kein hoher Offizier kommt, einer stößt Illarionow eine Pistole in den Mund, so dass zwei Schneidezähne herausfliegen. Heute prangen Goldzähne in seinem Mund.

Dann erlaubt der Stabschef des Rebellenkommandeurs den Austausch von Verwundeten und Toten. Illarionows gefallene Kameraden liegen im Hof. Einem Freund nimmt er den Helm ab. "Da fiel der Schädel auseinander, und sein Gehirn floss über meine Hände", erzählt er.

Verdrängte Todesangst und verdrängte Schuldgefühle

Mehr als ein Jahrzehnt musste seine Rolle ein Geheimnis bleiben, Verhandlungen mit dem tschetschenischen Feind, wie sie Illarionow führte, galten als Verrat. Jetzt erst ist er bereit zu erzählen. Dass Illarionow für seinen Todesmut nicht den Tapferkeitsorden erhielt, für den ihn Kameraden vorschlugen, hat ihn so getroffen, dass er selbst einen Orden entworfen hat. "Für alle vergessenen Helden der Speznas-Einheiten", sagt er.

Vor drei Jahren starb sein Sohn Artjom. Ein Foto von ihm hat er auf sein Mobiltelefon geladen. Es zeigt den Kinderkopf, auf den Illarionow das rote Barett gesetzt hat. "Zukunft und Vergangenheit sollte das symbolisieren", sagt er. Es ist eine Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Manche Speznas-Veteranen quälen Alpträume, manche leiden am posttraumatischen Stress-Syndrom (PTSS), ohne dass sie diesen Namen für ihre depressiven oder aggressiven Launen kennen würden. Alle hatten sie gehofft, dass die Jahre in den Eliteeinheiten die besten ihres Lebens sein würden, vielen aber haben sie nur Unglück gebracht: verdrängte Todesangst und verdrängte Schuldgefühle. Aber auch Erinnerungen an Opferbereitschaft und echte Kameradschaft. "Einmal Speznas, immer Speznas", sagt Illarionow. Keiner kommt los von den Jahren in Uniform.

Ein Speznas-Kamerad ruft an. Vom Handy tönt ein melancholisches Kampflied als Klingelton. Der Liedermacher Sergej Trofimow singt es. "Wir sind Russlands letzte Soldaten, halten durch bis zum Tod", heißt es darin. "Aber Russland gönnt uns weder Ruhm noch Geld."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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bernhard 14.01.2014
1. Die Bluthunde des Kreml
Das ist wieder einmal Propaganda pur. Jeder Staat hat seine eigenen Bluthunde. Stellen Sie die der USA doch einmal genau so kritisch vor! Oder die Deutschlands ... Ansonsten kann der Eindruck haften bleiben, dass Sie ein unkritisches Organ des westlichen Dienstes sind.
peter.stein 14.01.2014
2. Anderer Artikel
Zitat von bernhardDas ist wieder einmal Propaganda pur. Jeder Staat hat seine eigenen Bluthunde. Stellen Sie die der USA doch einmal genau so kritisch vor! Oder die Deutschlands ... Ansonsten kann der Eindruck haften bleiben, dass Sie ein unkritisches Organ des westlichen Dienstes sind.
Sie müssen einen anderen Artikel gelesen haben. In den, den ich gelesen habe, wird wertungsfrei die Geschichte von Soldaten erzählt bzw. ihnen die Möglichkeit gegeben, sie selbst zu erzählen. Weder wird Russland oder Sowjetunion verunglimpft, noch der Westen verherrlicht. Hat irgendjemand behauptet, dass die westlichen Dienste keine solchen Einheiten haben oder diese weniger moralisch fragwürdige Aktionen durchführen? Ich fand es unglaublich spannend zu lesen, insbesondere weil man über die westlichen Eliteeinheiten (GSG9, Seals, Marines) viel häufiger Informationen bekommt als über die Speznas.
JerryFletcher 14.01.2014
3. Überschrift
Zitat von sysopDmitry Beliakov/ DER SPIEGELEs gibt die russische Armee. Und es gibt die "Speznas": Elitekämpfer für Spezialeinsätze wie jetzt den Schutz von Olympia in Sotschi. Hier berichten fünf Veteranen, wie die Geheimtruppe operiert. Speznas-Einheiten in Russland: Die Bluthunde des Kreml - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/speznas-einheiten-in-russland-die-bluthunde-des-kreml-a-942049.html)
Finde die Überschrift arg unglücklich. Bluthunde??!! Es handelt sich um eine Eliteeinheit, wie sie in den USA, UK, Deutschland und Frankreich ebenso existieren. Allerdings würde man wohl nie schreiben 'Bluthunde des Weißen Hauses' oder 'Bluthunde von Mutti' oder auch 'Die Bluthunde Frankreichs'. China ist momentan nicht mehr Ziel der Redakteure, momentan ist es Russland. Und man bedient wieder jedes Klischee, macht vor Falschmeldungen nicht halt.
Da Ge 14.01.2014
4.
Zitat von peter.steinSie müssen einen anderen Artikel gelesen haben. In den, den ich gelesen habe, wird wertungsfrei die Geschichte von Soldaten erzählt bzw. ihnen die Möglichkeit gegeben, sie selbst zu erzählen. Weder wird Russland oder Sowjetunion verunglimpft, noch der Westen verherrlicht. Hat irgendjemand behauptet, dass die westlichen Dienste keine solchen Einheiten haben oder diese weniger moralisch fragwürdige Aktionen durchführen? Ich fand es unglaublich spannend zu lesen, insbesondere weil man über die westlichen Eliteeinheiten (GSG9, Seals, Marines) viel häufiger Informationen bekommt als über die Speznas.
Seit wann muss man hier Artikel gelesen haben, um zu kommentieren? ;) Für mehr als genug Foristen hier scheint alleine die Tatsache, dass die USA nicht in jeder einzelnen Überschrift mit Dreck beworfen werden, schon Affront genug, um entsprechend zu kommentieren. Seien wir froh, dass solche Leute im wirklichen Leben keine Mehrheit haben. Da ist nämlich Differenzieren angesagt. Und das lernt man weder bei Augstein, noch bei Fleischhauer.
AlbertCamus 14.01.2014
5. Echte Soldaten
Das sind noch echte Soldaten! Musste unwillkürlich an den Spiegel Artikel mit vdL und der familienfreundlichen Bundeswehr denken das Foto mit den pausbäckigen Soldaten und den Partymäusen in Uniform ist ein anderes Soldatenbild. Irgendwie habe ich dass Gefühl das diese Truppe im Ernstfall nicht zu gebrauchen ist. Warum nicht das Schweizer Modell für die Bundesrepublik , in jedem Haushalt ein Sturmgewehr?
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