Erfahrungen mit radikalen Schiiten Herzlich, Ihre Hisbollah!

Jedes Jahr bekam ich eine Neujahrskarte von der Hisbollah. Bis ich auf der schwarzen Liste der radikalen Schiiten landete. Beirut bleibt eine meiner Lieblingsstädte - trotz der gewaltigen Probleme, vor denen die Menschen dort stehen.

Von Erich Follath

DER SPIEGEL

Das waren Zeiten, als die Hisbollah mich noch mochte. Acht Jahre ist es jetzt her, dass ich in Beirut bei der Hisbollah um ein Interview mit einem Spitzenmann der Organisation nachgesucht hatte - und in die Mühlen einer gut geölten Bürokratie geriet. Die Pressestelle, genannt "Media Relation Department", ließ mich einen Fragebogen ausfüllen.

Das Übliche: wie lange schon im Beruf, wo und wie ausgebildet, dazu noch "bitte genaue Angaben" zur Nationalität und Religionszugehörigkeit, auch von Vater und Mutter, Geburtsdatum und Geburtsort. Eher außergewöhnlich: Waren Sie schon einmal zu Besuch im "zionistischen Gebilde"? Dass die radikalschiitische "Partei Gottes" so Israel umschrieb, war mir klar. Ob ich wahrheitsgemäß antworten sollte, schon weniger. Doch dann entschloss ich mich, meine Jerusalem-Besuche nicht zu verleugnen. Außerdem hatte ich Jahre zuvor ein Buch über Israel veröffentlicht, das auch auf Arabisch erschienen war. Wenn diese "Feindberührung" für die Hisbollah ausreichte, um ein Interview abzusagen, dann sollte es so sein.

24 Stunden später erhielt ich einen Anruf, ich sollte mich am Spätnachmittag im Hauptquartier im Stadtteil Hureik einfinden. Dort wartete eine junge Dame in Jeans und Rollkragenpullover und sagte, man habe meine Angaben geprüft. Mein Buch über den Mossad enthielte "neben ausführlicher Propaganda des Feindes auch einige wahre Stellen". Welche das waren, konnten wir nicht vertiefen. Dann wurde es ernst. Die Frau von der Hisbollah-PR legte eine schwarze Abaya über das westliche Outfit, wir wurden ins Büro des Hisbollah-Vize Mahmud Kumati geführt. Erst da fiel mir auf, dass ich mein Buch in dem Fragebogen gar nicht erwähnt hatte.

Das Interview verlief, nun ja, wenig überraschend. "Die Juden" hatten arabisches Land besetzt und mussten militärisch geschlagen werden. Terror gegen Zivilpersonen sei der Hisbollah unbekannt. Eine kühne Aussage, angesichts der Mitte der neunziger Jahre in Argentinien verübten Anschläge. Man kämpfe nur "im eigenen Land und um das eigene Land", was freilich ganz Israel einschloss. Im Übrigen sei man eben nicht nur eine Miliz, sondern auch eine soziale Organisation und ganz normale politische Partei, die sich dem demokratischen Prozess stelle. Iran und Syrien stünden an der Seite der Hisbollah, aber von Waffenlieferungen wüsste er nichts. Der SPIEGEL druckte Auszüge.

Vier Monate später bekam ich vom "Hisbollah Media Relation Department" eine Neujahrskarte. Und dann, im nächsten Januar, wieder Post mit guten Wünschen. Ich zeigte sie herum, hielt mich für privilegiert. Bis ich Neil MacFarquhar traf, den langjährigen Korrespondenten der "New York Times" im arabischen Raum. Er reichte mir wortlos seine Hisbollah-Karte - einen persönlich gehaltenen Glückwunsch zum Geburtstag.

Jahre vergingen. Nichts zu meinem Wiegenfest (hatte ich das Geburtsdatum unleserlich aufgeschrieben?), aber die Neujahrsgrüße der Truppe kamen immer pünktlich. Dann geriet ich auf die Abschussliste der radikalen Schiiten, was mit dem Mord an dem langjährigen sunnitischen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri zu tun hatte. Der Fall wurde auf Antrag des libanesischen Parlaments von einem unabhängigen Uno-Gremium untersucht.

Gerüchte über ein Killerkommando

Aus Kreisen dieses Sondertribunals für den Libanon (STL) wurden mir im Sommer 2009 Dokumente zugespielt. Den Richtern lagen demnach Beweise für die Verwicklung der Hisbollah vor, vier ihrer Mitglieder würden angeklagt. Der SPIEGEL veröffentlichte die Informationen, einschließlich der Namen der mutmaßlichen Terroristen. Die Hisbollah dementierte empört. Das STL bestätigte über ein Jahr später den SPIEGEL aber vollständig - mit einer Schuldzuweisung an die "Partei Gottes" und Haftbefehlen gegen die im SPIEGEL als Hauptverdächtige genannten hochrangigen Mitglieder der Organisation.

Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah kündigte in einer Fernsehansprache an, mir als Autor des Berichts sowie der Chefredaktion wegen "Verleumdung" im Libanon den Prozess zu machen. Selbstverständlich würden die Beschuldigten, "verdienstvolle Kämpfer", nicht an das Tribunal ausgeliefert. Jedem, der das versuche, drohte er, die Hand abzuhacken.

Im darauffolgenden Januar fehlte der Hisbollah-Neujahrsgruß.

Nasrallahs Ankündigung macht es mir seitdem unmöglich, in das Land der Zedern zu fahren; Beirut, eine meiner Lieblingsstädte, wurde zur persönlichen No-go-Area. Ein westlicher Geheimdienst wollte sogar von einem Killerkommando wissen, das dort auf mich wartete. Das schien mir weit hergeholt, aber angesichts früherer blutiger Racheaktionen gegen "Verräter" auch nicht ganz auszuschließen.

Krieg in Syrien wird zum Problem

Heute steht die Hisbollah vor existentiellen Fragen, was vor allem am Konflikt in Syrien liegt. Sie hat am Anfang der Auseinandersetzung zwischen den Rebellen und der Assad-Regierung wohl wirklich versucht, sich herauszuhalten. Der bewaffnete Kampf der Schiiten-Miliz sollte sich ja, wie bei meinem Interview im Beiruter Hauptquartier betont, ausschließlich gegen "zionistische Besatzer" richten. Nasrallah war zweifellos klar, dass der Hisbollah und ihm persönlich ein Waffengang in einem arabischen Land gegen arabische Gegner Sympathien kosten musste. Als sein syrischer Unterstützer immer mehr an Boden verlor, schickte er dennoch seine Kämpfer.

Erst Ende Mai 2013 gab die Hisbollah öffentlich zu, an der Seite Assads zu den Waffen zu greifen. In der strategisch so wichtigen Schlacht um die Stadt Kusair übernahmen die Gotteskrieger aus dem Libanon sogar das Oberkommando und verhalfen den Assad-Kräften zum Sieg.

Da trat auch wieder die PR-Truppe der Hisbollah auf den Plan. Die Medienabteilung organisierte für ganze Busladungen internationaler Journalisten Trips an die Front. Die Reporter wurden sogar einige hundert Meter auf syrisches Staatsgebiet geführt und durften dort, mit Rauchsäulen im Hintergrund, ihre Aufsager machen. "Hisbollywood" nannte die "Süddeutsche Zeitung" die ebenso filmreife wie makabre Roadshow.

Hisbollah landet auf der Terrorliste der EU

Die Gesamtsituation der Hisbollah ist nicht ganz so lustig. Die israelische Luftwaffe hat in den vergangenen Monaten mehrfach Transporte moderner Waffen für die Gotteskrieger im syrisch-libanesischen Grenzgebiet bombardiert. Als Reaktion auf den Hisbollah-Einsatz in Kusair haben Rebellen mit Raketen vereinzelte Ziele in Südbeirut angegriffen. Bei den libanesischen Mitbürgern wächst der Unmut - schon lange nicht mehr war die Hisbollah so unbeliebt. In Den Haag wird das Libanon-Tribunal noch diesen Herbst das peinliche Hariri-Verfahren gegen die vier verschollenen Hisbollah-Mitglieder beginnen, "in absentia".

Und die Europäische Union hat am Montag "den militärischen Arm" der Hisbollah auf ihre Terrorliste genommen, Konten eingefroren. Sechs israelische Touristen waren im vergangenen Juni im bulgarischen Burgas durch einen Selbstmordattentäter ums Leben gekommen. Die Spur ließ sich lückenlos zur Hisbollah-Zentrale nach Beirut zurückverfolgen.

Showtime an der Levante

Immerhin ein Gutes hat die PR-Offensive der "Partei Gottes": Wohl um nicht den Eindruck von Sippenhaft zu erwecken, haben Nasrallahs Leute meine SPIEGEL-ONLINE-Kollegin Ulrike Putz ausdrücklich von einer Strafverfolgung ausgenommen. Noch immer, erzählen meine Freunde und Bekannten, sei Beirut die freieste und lebenslustigste Stadt im Nahen Osten. Ein Ort, an dem jeden Abend, wenn die Sommerhitze nachlässt, sich die Schönen am Strandboulevard treffen: Showtime an der Levante.

So habe ich Beirut in Erinnerung. Von meinem ersten Trip vor 45 Jahren, als ich mit dem Rucksack in den Bus von Damaskus stieg und mit Stopp in Baalbek nach Beirut fuhr, "Schweiz des Ostens" nannte man den Libanon damals. Und auch 2009, bei meinem letzten Besuch, präsentierte sich Beirut als Stadt wie keine andere. Um als Beispiel nur die jungen Frauen zu nennen: in knallengen Jeans, Highheels und mit superknappen Tops flirteten junge Christinnen mit gebräunten Beachboys. Züchtiger, in lässig geschlungenen bunten Kopftüchern und Designerjeans, promenierten die jungen Sunnitinnen. Dazwischen waren nur einige Totalverschleierte, von den Jungs "Ninjas" oder "Black Moving Objects" genannt - aber allgemein respektiert.

Der Kampf könnte in den Libanon schwappen

Diese Stadt kann in ihren besten Momenten ein Ort der ewigen Avantgarde sein, der Unvereinbares locker zusammenbringt. Ein blaublütiger Bastard, Kind westlicher Väter und arabischer Mütter. Nach Vergnügungen süchtig, für Katastrophen anfällig, aber widerstandsfähig, sehr widerstandsfähig. Die Gefahr, dass sich die schlimmsten aller Zeiten wiederholen könnten, schien bei meinem letzten Besuch gebannt - jetzt ist sich da keiner mehr sicher. Es sieht so aus, als könnte der syrische Kampf in den Libanon herüberschwappen, mit der hochgerüsteten Hisbollah als unberechenbarem Staat im Staate.

Vielleicht kommt als Nächstes doch mal eine Geburtstagskarte von der Hisbollah-Medienabteilung, mit der Nachricht, mein "Fall" würde nicht mehr verfolgt, mit einer beigefügten Einladung. Ich würde sofort losfahren.

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