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SPIEGEL ONLINE exklusiv: US-Firmen-Website für Qaida-Botschaft gehackt

Von Yassin Musharbash

Erstmals hat al-Qaida ihre Botschaften offenbar nicht auf einer einschlägigen Internetseite hinterlegt, sondern eine private Webadresse missbraucht: Das Video, das die US-Geisel in Saudi-Arabien zeigt, wurde auf der Seite eines Landvermessungsunternehmens in den USA abgelegt. Im Internet wurde der entsprechende Link dann verbreitet.

Al-Qaida-Video des Entführungsopfers Johnson: "Vorzügliche Qualität"

Al-Qaida-Video des Entführungsopfers Johnson: "Vorzügliche Qualität"

Hamburg - "Download des Films über den gefangenen Amerikaner. Vorzügliche Qualität": Mit solchen und ähnlichen Worten wird in islamistischen Internetforen jenes Video angepriesen, das den in die Hände der saudischen al-Qaida gefallenen US-Bürger Paul Marshal Johnson zeigt. Das Erstaunliche an den dort beworbenen Links ist jedoch: Sie führen nicht, wie gewöhnlich bei Bekennerschreiben und Videos der al-Qaida, auf islamistische Internetseiten, sondern direkt auf ein Unterverzeichnis auf der Webseite eines US-amerikanischen Unternehmens im Silicon Valley.

Die Webseite der "Silicon Valley Landsurveying Inc." im kalifornischen San Jose ist zu diesem Zweck augenscheinlich eigens gehackt worden. Für diese Annahme spricht, dass das Unterverzeichnis, auf dem sich das Video befindet, erst vorgestern eingerichtet wurde - und zwar noch bevor die Nachrichtenagenturen AFP, Reuters und AP das Video später auf einer islamistischen Webseite entdeckten und eine entsprechende Meldungen verbreiteten.

Angepriesene Links in einem islamistischen Internetforum: Privatseite eigens gehack

Angepriesene Links in einem islamistischen Internetforum: Privatseite eigens gehack

Dem Unterverzeichnis ist zu entnehmen, dass der betreffende Film in zwei verschiedenen Datensätzen am Dienstag, den 15. Juni, um 13.08 Uhr beziehungsweise 13.22 Ortszeit in Kalifornien abgelegt wurde. Das entspricht, die Zeitdifferenz in die USA eingerechnet, einem Zeitpunkt kurz nach 22 Uhr deutscher Zeit. Die Agenturen meldeten die Existenz des Films auf einer islamistischen Webseite erst ab 23.00 Uhr.

Nach gegenwärtigem Recherchestand ist das Video damit nirgendwo früher aufgetaucht als in dem gehackten Unterverzeichnis von "Silicon Valley Landsurveying Inc." Sollte sich diese Annehme erhärten, ist davon auszugehen, dass der Hacker in sehr engem Kontakt zu den Geiselnehmer der al-Qaida in Saudi-Arabien steht. Anders wäre nicht zu erklären, wie er an das Filmmaterial gelangt ist.

Dafür, dass es sich bei dem Hacker zumindest um einen Qaida-Sympathisanten handelt, spricht, dass außer dem Film, der Johnson zeigt, auch Videos von weiteren Qaida-Anschlägen sowie eine Auswahl von Online-Magazinen des Terrornetzwerks hinterlegt wurden, zum Teil auch schon früher. Der früheste Eintrag in dem Unterverzeichnis datiert vom 10. Juni.

Ungewolltes Unterverzeichnis: Zwischenzeitlich vom Netz genommen

Ungewolltes Unterverzeichnis: Zwischenzeitlich vom Netz genommen

Tim Redd, der Vorsitzende der "Silicon Valley Landsurveying Inc.", einem Landvermessungsunternehmen, wollte den Vorfall SPIEGEL ONLINE gegenüber nicht kommentieren. Er zeigte sich aber überrascht über die Entdeckung. Gestern Abend war das Unterverzeichnis, das seiner Webseite unfreiwillig hinzugefügt worden war, gelöscht. Heute Nachmittag war es wieder verfügbar.

Täglich werden Hunderte Internetseiten auf ähnliche Weise gehackt; der Fachbegriff lautet "Subdirectory defacement". Es ist allerdings das erste Mal, dass das Terrornetzwerk al-Qaida von solchen Techniken für seine Propaganda Gebrauch gemacht und eine private Webseite gehackt hat.

Al-Qaida nutzt das Internet schon seit längerem intensiv. Zum einen betreiben Qaida-Sympathisanten, die offenbar mit aktiven Terroristen in Kontakt stehen, quasi offiziöse Internet-Groups, in denen regelmäßig Bekennerschreiben und Ankündigungen von Videos und Tonbotschaften einlaufen. Sogar ein "Globales islamisches Informationszentrum" und einen "Beobachtungsposten für die Nachrichten der Mudschahidin und die Anstachelung der Gläubigen" schreibt sich das Terrornetzwerk zu. Dort veröffentlichtes Material wiederum wird dann von Qaida-Sympathisanten in von Islamisten frequentierten Internetforen weiterverbreitet.

Außerdem veröffentlicht al-Qaida alle zwei Wochen zwei verschiedene Online-Magazine, zu deren Autoren auch hochrangige Kader zählen, wie beispielsweise der mutmaßliche Qaida-Chef in Saudi-Arabien, Abd al-Aziz al-Mukrin. In der letzten Ausgabe des Internet-Magazins "Ma'askar al-Battar" bedankte sich al-Qaida ausdrücklich für die Unterstützung, die ihr via Internet zuteil wird. Auch dies sei Teil des Dschihad, hieß es.

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