SPIEGEL TV exklusiv: Iraker in US-Haft zu Tode gefoltert

Nach dem Schock über die Misshandlungsbilder kommt aus dem Irak ein neuer schlimmer Verdacht gegen die US-Truppen. SPIEGEL TV liegen schriftliche und mündliche Belege vor, wonach ein 47-jähriger Iraker in amerikanischer Haft zu Tode gefoltert wurde. Die Amerikaner sollen versucht haben, den Fall zu vertuschen.

Jaleels Leiche: Deutliche Spuren von Gewalteinwirkung
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Jaleels Leiche: Deutliche Spuren von Gewalteinwirkung

Berlin - Für die amerikanischen Truppen war der Fall des Irakers Asad Abdul Kareem Abdul Jaleel reine Routine. Nachdem der 47-jährige Familienvater am 9. Januar 2004 in der amerikanischen Militärbasis Al Asad westlich des Ortes Khan Al Baghdadi gestorben war, füllte ein US-Mediziner einen Totenschein aus. Offenbar ohne detaillierte Untersuchungen und laut Dokument auch ohne Obduktion diagnostizierte der Pathologe Luis A. Santiago, dass der Mann im Schlaf gestorben ("died in sleep") sei. Samt dem Totenschein übergaben die US-Truppen die Leiche kurz darauf dem Internationalen Roten Kreuz.

Zuvor hatten amerikanische Truppen den angesehenen Stammes-Ältesten auf offener Straße festgenommen und zur amerikanischen Militärbasis Al Asad westlich des Ortes Khan Al Baghdadi gebracht. Angeblich bestand der Verdacht, der Festgenommene gehöre dem irakischen Widerstand an. In dem Gefängnis innerhalb der Basis sollen die Soldaten Asad Abdul Kareem Abdul Jaleel massiv unter Druck gesetzt haben. Ein Mitgefangener beschrieb gegenüber SPIEGEL TV detailliert, wie der 47-Jährige fünf Tage lang auf sadistischste Weise gefoltert wurde. Von den Misshandlungen hätten US-Soldaten auch Fotos gemacht, so der Zeuge.

Am 9. Januar dieses Jahres starb Asad Abdul Kareem Abdul Jaleel in der US-Haft. An der Version eines natürlichen Todes jedoch gibt es erhebliche Zweifel. Ein irakischer Gerichtsmediziner, der den Leichnam des Mannes von den US-Streitkräften übernahm, bestätigte gegenüber SPIEGEL TV in Bagdad eindeutig Folterspuren am Körper des Verstorbenen diagnostiziert zu haben. Bilder des Toten belegen zudem, dass der Mann entgegen den US-Angaben sehr wohl obduziert wurde. Die Narben auf dem Oberkörper deuten daraufhin, dass dies westliche Ärzte durchgeführt haben.

Tiefdunkle Blutergüsse am ganzen Körper

Familienvater Asad Abdul Kareem Abdul Jaleel mit seinen Angehörigen: An bestialischer Folter gestorben?
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Familienvater Asad Abdul Kareem Abdul Jaleel mit seinen Angehörigen: An bestialischer Folter gestorben?

Die Bilder der Leiche lassen auch den Laien deutliche Gewalteinwirkung leicht erkennen: An beiden Körperseiten sind großflächige, dunkle Blutergüsse zu sehen, die von Schlägen stammen könnten. An den Handgelenken und an den Unterschenkeln sieht man ebenfalls Blutergüsse, die vermutlich auf tagelange Fesselungen zurückgehen. Auf dem Rücken zeugen Wunden von Schlägen oder anderen Arten von Gewalteinwirkungen. Auch andere Schnittwunden im Brustbereich deuten auf Verletzungen hin, die kaum "natürlich" zu nennen sind.

Stellen sich die Verdachtsmomente gegen die US-Truppen als wahr heraus, bekäme der Folter-Skandal um US-Soldaten eine dramatische Wendung. Geht es bisher um gewaltsame Misshandlungen von Gefangenen und erniedrigende Verhörmethoden, müsste plötzlich wegen unterlassener Hilfeleistung, Totschlags oder gar Mord ermittelt werden. Auf die beteiligten Soldaten und deren Vorgesetzte kämen harte Strafen zu und die US-Armee im Irak wäre noch mehr Hass und Rachgelüsten als bisher schon ausgesetzt. Zwar gibt es schon jetzt mehrere Ermittlungsverfahren wegen ungeklärter Todesfälle im Irak und auch in Afghanistan - doch die US-Armee beharrt darauf, dass in keinem der Verfahren die Schuld von Soldaten habe nachgewiesen werden können.

Den SPIEGEL TV-Recherchen zufolge ist der Fall des Familienvaters Jaleel im besetzten Irak keine Seltenheit. Angestellte des Gerichtsmedizinischen Instituts in Bagdad bestätigten, dass sich unter den Toten, die das Internationale Rote Kreuz im Auftrag der Amerikaner an sie übergebe, immer wieder auch Folteropfer befinden würden. Allerdings sei es den irakischen Gerichtsmedizinern untersagt, eigene Untersuchungen anzustellen, sobald ein amerikanischer Totenschein vorliege - auch, wenn die Angaben über die Todesursache offensichtlich falsch seien.

US-Armee schweigt

Allein in Bagdad, so Mitarbeiter des Instituts, würden wöchentlich etwa fünf Leichen mit Totenscheinen der US-Streitkräfte eingeliefert. Gängige Praxis der Amerikaner sei, dass beispielsweise Leichen aus dem Gefängnis Abu Ghureib als Opfer von Granatenangriffen auf das Straflager deklariert würden. So sei dies allein in der vergangenen Woche bei 26 Leichen von Häftlingen geschehen, obgleich nur ein Teil dieser Leichen die für Granatenangriffe typischen Verletzungen aufgewiesen habe, so die Mitarbeiter.

Im Fall des 47-jährigen Asad Abdul Kareem Abdul Jaleel scheint es mittlerweile auch eine interne Ermittlung der US-Truppen zu geben. Zeugen berichteten, dass sie von US-Soldaten zu den Vorgängen in der amerikanischen Militärbasis Al Asad befragt worden sein. Seit mehreren Tagen versuchte SPIEGEL TV zudem, eine Stellungnahme von den zuständigen Stellen der Armee in Bagdad zu bekommen. Bisher allerdings blieben sowohl mündliche als auch schriftliche Anfragen unbeantwortet.

SPIEGEL TV zeigt den Bericht am Sonntag, 16. Mai, um 22.55 Uhr auf RTL

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