Spion für Russland "Es ist ein Dauerritt auf Messers Schneide"

Jahrelang spionierte der Este Herman Simm für den russischen Geheimdienst die Nato aus. Er lieferte Informationen über Verschlüsselungstechnik, Militärstrategien und Erkenntnisse der Spionageabwehr. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der schädlichste Spion in der Bündnis-Geschichte über sein Doppelleben.

Sicherheitspolizei Estland

SPIEGEL ONLINE: Herr Simm, Sie sitzen im Gefängnis von Tartu Ihre Haftstrafe ab. Wieso findet dieses Gespräch unter Aufsicht von zwei Beamten bei der estnischen Sicherheitspolizei in Tallinn statt?

Simm: Im SPIEGEL stand, ich sei ein "dicker Fisch". Ein Gespräch unter anderen Umständen ist deshalb wohl nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sprechen sie so gut Deutsch?

Simm: Wir haben zu Hause sehr viel Deutsch geredet, und ich habe Verwandtschaft in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden als nichteheliches Kind geboren. Ihre Eltern sollten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges deportiert werden. Warum?

Simm: Weil mein Vater ein Großgrundbesitzer war und meine Mutter ein Kind von ihm hatte. Aber sie entgingen dem Gulag. Mein Vater konnte sich rechtzeitig nach Taschkent absetzen, mit meiner Mutter hatten sie wohl Mitleid.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sind Sie trotzdem in die Dienste der Sowjetunion getreten?

Simm: Ich wollte Polizist werden. Ich war 25 Jahre bei der Miliz und fünf bei der Polizei. Ich lege Wert darauf, nie beim KGB gewesen zu sein. Ich war Oberst der Polizei, nicht des KGB.

SPIEGEL ONLINE: So steht es in einer geheimen Nato-Schadensanalyse.

Simm: Es ist aber nicht wahr. Bis 1983 war es dem KGB sogar verboten, Angehörige der Polizei zu werben.

SPIEGEL ONLINE: Soll das heißen, dass Sie bis zur Wende keinen Kontakt zum KGB hatten?

Simm: Natürlich kannten wir die Leute. Sie nahmen an Dienstbesprechungen teil, bestimmte Operationen waren ohne den KGB gar nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie das Gefühl, die Seiten zu wechseln, als Sie mit der Unabhängigkeit Ihres Landes estnischer Polizist wurden?

Simm: Ich habe mich immer als Este gefühlt und war in Hinblick auf Estlands Zukunft sehr optimistisch. Mit Russland habe ich mich nie identifiziert.

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben Sie sich dann 1995 vom SWR, der Nachfolgeorganisation des KGB, als Spion anwerben lassen?

Simm: Ich hatte damals durch falsche Beschuldigungen meinen Job als Polizeichef verloren. Ich hatte unter anderem für 93.000 Kronen vier russische Panzerwagen für die Polizei gekauft, und plötzlich hieß es, ich hätte nicht zahlen dürfen, weil die Wagen ohnehin Estland gehörten. Dabei haben Russen ihr gesamtes Material außer Landes geschafft, und wir brauchten die Wagen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann sind Sie nach Tunesien geflogen?

Simm: Ich war frustriert und brauchte Abstand. Vor dem Hotel Kaiser in Sousse, wo ich abgestiegen war, sprach mich mein späterer Führungsoffizier Walerij Senzow an. Ich kannte ihn vom Sehen aus alten Tagen in Tallinn. Er sagte, er sei im Urlaub, und wir sind ein Bier trinken gegangen. Ich war erstaunt, wie gut er über mich informiert war.

SPIEGEL ONLINE: Hat er sie gleich rekrutiert?

Simm: Nein, erst beim nächsten Treffen. Er sagte, wir brauchen deine Hilfe, du wirst bezahlt, und denk daran, wir haben auch andere Möglichkeiten. Er hat nicht direkt gedroht, Gewalt gegen meine Tochter anzuwenden, aber ich kannte ihre Methoden und hatte keinen Zweifel daran.

SPIEGEL ONLINE: Wunderten Sie sich über die Anwerbung, wo Sie gerade ihren Posten verloren hatten?

Simm: Das habe ich auch Senzow gefragt, aber er meinte, wir sollten warten, was die Zukunft bringe.

SPIEGEL ONLINE: Und plötzlich machten Sie Karriere im Verteidigungsministerium.

Simm: Was heißt schon Karriere. Am Anfang saß ich allein in einem Büro...

SPIEGEL ONLINE: ...und stiegen auf zum Chef der Nationalen Sicherheitsbehörde. Fiel es Ihnen schwer, gleichzeitig für die Russen zu arbeiten?

Simm: Am Anfang war es sehr schwierig, Informationen herauszuschmuggeln. Aber je höher ich aufstieg, desto leichter wurde es.

SPIEGEL ONLINE: Wie lebt ein Spion, was fühlt er?

Simm: Es ist wie ein dauernder Ritt auf des Messers Schneide. Ich wurde schon nervös, wenn ich denselben Menschen zweimal an einem Tag getroffen habe.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie diese Belastung ausgehalten?

Simm: Ich habe mich entspannt mit guter Musik und Filmen, mit Kunst und Kultur, mit allem, was schön ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihr größter Scoop war die Lieferung aller enttarnten russischen Spione innerhalb der Nato, quasi das gesamte Wissen der Spionageabwehr.

Simm: Das waren doch nur die Namen, keine militärischen Geheimnisse.

Er schaut zu den beiden Sicherheitspolizisten, die das Gespräch überwachen.

Haben Sie die 141 Seiten des geheimen Nato-Berichts über mich gelesen?

SPIEGEL ONLINE: Wir kennen den Bericht.

Simm: Haben Sie den Bericht gelesen, oder haben Sie davon gehört?

Ein Polizist sagt etwas auf Estnisch zu dem Gefangenen.

Simm: Bis zu welcher Geheimhaltungsstufe haben Sie Zugang?

SPIEGEL ONLINE: Zu gar keiner. Wir sind Journalisten.

Simm: Wie kommen Sie an solche Dokumente?

SPIEGEL ONLINE: Herr Simm, was soll das?

Simm: Entschuldigen Sie, aber ich musste das fragen, diese Herren (er deutet auf die beiden Polizisten) wollten das so.

SPIEGEL ONLINE: Wie liefen die Treffen mit Ihrem Führungsoffizier ab?

Simm: Ach, diese Führungsoffiziere. Sie sagen immer, alles sei sicher, mach dir keine Sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie diese Treffen beschreiben? Gab es geheime Treffen, tote Briefkästen...

Simm: Es gab da ein System per Telefon....

Ein Sicherheitspolizist unterbricht und gibt Anweisungen auf Estnisch. Daraufhin schweigt Simm.

SPIEGEL ONLINE: Dann sagen wir es für Sie. Sie haben den Pager ihres Führungsoffiziers von einem öffentlichen Telefon aus angerufen, Ihre Identifizierungsnummer 242 eingegeben und den Zahlencode 55, wenn das Treffen stattfinden kann, und 77...

Simm: (lacht) ...wenn nicht. Aber von mir haben Sie das nicht!

SPIEGEL ONLINE: So steht es im Nato-Bericht. Wie liefen die Treffen ab?

Simm: Natürlich sind wir uns nicht in die Arme gefallen. Wir mussten sehr vorsichtig sein und darauf achten, dass uns niemand gefolgt ist.

SPIEGEL ONLINE: Und wie haben Sie Informationen übergeben?

Simm: Am Anfang benutzten wir tote Briefkästen, also vereinbarte Plätze, später fand die Übergabe immer bei den Treffen statt...

Ein Sicherheitspolizist unterbricht erneut. Simm lacht sarkastisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind auf dieses Interview vorbereitet worden. Was dürfen Sie uns denn erzählen?

Simm: Ich musste die Zusage machen, überhaupt nichts zu sagen. Entschuldigen Sie, aber das ist nicht meine Schuld. Ich habe gerade 46 Tage Einzelhaft hinter mir...

SPIEGEL ONLINE: ... nachdem wir ein Interview mit Ihnen beantragt haben. War das ein Zufall?

Simm: Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Offiziell wurde wegen irgendwelcher Finanzdinge gegen mich ermittelt.

SPIEGEL ONLINE: Was verbindet Sie mit Deutschland?

Simm: Ich habe deutsche Vorfahren, mein Onkel lebt in Deutschland. Ich nenne ihn zumindest so. Er ist der Sohn des Bruders meines Großvaters. Wir haben uns häufig getroffen, in Deutschland und in Estland. Außerdem hatte ich viele Bekannte dort. Ich war mehrfach an der Hochschule der Polizei in Münster.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch für den deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) gearbeitet.

Simm: Das habe ich im SPIEGEL gelesen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es etwa nicht?

Simm: Ich weiß es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie Kontakt zum BND bekommen?

Simm: Ich weiß es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum wurden Sie 2002 abgeschaltet?

Simm: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Estland 2002 Beitrittskandidat der Europäischen Union wurde...

SPIEGEL ONLINE: ... und der BND keine Agenten in der EU führt. Der BND soll hohe Stücke auf Sie gehalten haben.

Simm schweigt lange. Er ringt mit sich, dann kreuzt er die Hände über dem Kopf, so als trage er Handschellen. Einer der Polizisten sagt auf Estländisch etwas zu Simm.

SPIEGEL ONLINE: Nun gut, wir müssen akzeptieren, dass dieses Gespräch unter besonderen Bedingungen stattfindet.

Simm: Dankeschön, Sie haben mich verstanden.

SPIEGEL ONLINE: Aber rein hypothetisch: Wenn Sie für den BND gearbeitet hätten, hätten Sie dem deutschen Geheimdienst dann falsche Informationen der Russen untergejubelt?

Simm: Ich hätte nie falsches Material geliefert.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zu Ihrer Verteidigung gesagt, sie hätten den Russen nur solche Information gegeben, die der Nato nicht schadeten. Wie sollen wir das verstehen?

Simm: Ich musste immer darauf achten, dass die Schweine gefüttert und Wölfe nicht hungrig waren, wenn Sie verstehen, was ich meine. Außerdem teile ich die Einschätzung des einstigen deutschen Verteidigungsministers Volker Rühe, dass eine Mitgliedschaft Russlands in der Nato den Frieden auf der Welt sicherer machen würde.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie etwa sagen, sie hätten aus Verantwortung für den Weltfrieden spioniert?

Simm: Zumindest hatte dieser Gedanke etwas Tröstliches. Ich hätte den Russen durchaus liefern können, was sie unbedingt haben wollten.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen Krypto-Technik, die Verschlüsselung der Nato-Kommunikation?

Simm: Ja, genau.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch haben Sie der Nato den größten Schaden in ihrer Geschichte zugefügt.

Simm: Es wird viel geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Hat ihre Festnahme Sie überrascht?

Simm: Nein. Ich hatte schon zwei Jahre vorher aus Nato-Sicherheitskreisen gehört, dass aus Estland bestimmte Informationen an die Russen geflossen sind. Es gab offenbar auch Lecks auf der anderen Seite.

SPIEGEL ONLINE: Und wann wurde Ihnen klar, dass es aus ist?

Simm: Wenige Tage vor meiner Festnahme rief mich Sergej Jakowlew, der seit 2002 mein Führungsoffizier war, auf meinen Handy an und sagte, er habe Kopfschmerzen und könne nicht kommen. Das war nicht nur eine ungewöhnlich blöde Ausrede, sondern gegen alle Regeln der Konspiration. Er hätte dieses Telefon nie anrufen dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie an Flucht gedacht?

Simm: Ja, aber wo sollte ich hin? Im Westen hätte man mich gesucht, und den Russen habe nicht getraut.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist Jakowlew jetzt?

Simm: Das müssen Sie diese Herren fragen (er deutet auf die Sicherheitspolizisten).

SPIEGEL ONLINE: Die wissen es angeblich nicht.

Simm: Er ist bei Onkel Sam.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie darauf?

Simm: Das ist meine Theorie. Auf jeden Fall ist er nicht in Russland.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie so sicher?

Simm: Ich weiß es. Ihm geht es heute mit Sicherheit besser als mir.

Das Interview führten Fidelius Schmid und Andreas Ulrich

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
mainstream02 02.07.2010
1. finde die Spiegel Journalisten brutal
brutal in ihrer Kälte, was das schicksal dieses Menschen betrifft. als ob sie einen Politiker befragen über das aktuelle Tagesgescshehen
Kniefall 02.07.2010
2. ?
Zitat von mainstream02brutal in ihrer Kälte, was das schicksal dieses Menschen betrifft. als ob sie einen Politiker befragen über das aktuelle Tagesgescshehen
Das ist was Ihnen bei dieser Geschichte als erstes einfällt? Das ist nicht Ihr Ernst, oder?
derSchuft 02.07.2010
3. @mainstream02
Zitat von mainstream02brutal in ihrer Kälte, was das schicksal dieses Menschen betrifft. als ob sie einen Politiker befragen über das aktuelle Tagesgescshehen
Das sind nunmal Journalisten und keine Sozialarbeiter.
rainer_d 02.07.2010
4. Eben
Zitat von derSchuftDas sind nunmal Journalisten und keine Sozialarbeiter.
"Spion" ist ja nicht so wie ein Schöffen-Amt, das man schlecht ablehnen kann.
Johann Siedler 02.07.2010
5. Spione
Zitat von mainstream02brutal in ihrer Kälte, was das schicksal dieses Menschen betrifft. als ob sie einen Politiker befragen über das aktuelle Tagesgescshehen
Spione, Politiker und Reporter sind doch überraschend ähnlich, wenn man sich die Sache genau anschaut.
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