Peking - Bisher war die Affäre um Bo Xilai eine Räuberpistole um Mord, Erfolg und Absturz. Nun kommt offenbar ein neues Kapitel dazu: Spionage. Nach Informationen der "New York Times" hat der jüngst suspendierte Politiker seine Konkurrenten in großem Stil bespitzeln lassen. Laut dem Blatt wurden auch Telefongespräche von Top-Funktionären der Kommunistischen Partei abgehört. Dem Land droht ein Spionageskandal.
Die "New York Times" beruft sich dabei auf rund ein Dutzend anonyme Informanten mit besten Verbindungen in Parteikreise. Demnach soll Bo Xilai über Jahre hinweg die Telefongespräche von Politikern mitgeschnitten haben, wenn diese Chongqing besuchten. Die Metropole mit 30 Millionen Einwohnern, in der Bo als Parteichef waltete, gilt als kommende Boom-Region, entsprechend regelmäßig waren die Visiten.
In der offiziellen Begründung für den Sturz des aufstrebenden Politstars fehlt der Spionageaspekt bisher komplett. Der vage Vorwurf lautet auf "schwere Disziplinarvergehen". Ins Detail geht die Partei nicht, diese Formulierung wird in China aber in der Regel im Zusammenhang mit Korruptionsdelikten verwendet. Gegen seine Frau, Gu Kailai, wird wegen der Ermordung eines britischen Geschäftsmanns ermittelt. Laut "NY Times" finden die Abhörpraktiken nur in internen Papieren Erwähnung.
Die gewonnenen Informationen nutzte Bo offenbar gezielt, um seinen eigenen Aufstieg in der Partei voranzutreiben. "Er wollte ganz genau wissen, welche Führer ihm wohlgesonnen waren und welche nicht", zitiert das Blatt einen namentlich nicht genannten politischen Analysten. Demnach habe Bo versucht, die Telefone aller Spitzenpolitiker anzuzapfen, die in den vergangenen Jahren in Chongqing Station gemacht hatten. Unter den abgehörten Personen war auch Staatspräsident Hu Jintao. Allerdings habe dessen Personal im vergangenen August die Abhörmaßnahme bemerkt.
Nach Informationen der Zeitung hatte Bo in der Millionenstadt ein Netzwerk aus Wanzen und Abhöreinrichtungen für Telefone installieren lassen. Dabei stand offiziell der Kampf gegen das organisierte Verbrechen im Vordergrund. Parallel sei das Netz allerdings auch für Bos persönliche Karriereplanung missbraucht worden.
Vom Kronprinzen zum Bösewicht
Denn eigentlich galt der charismatische Bo Xilai als einer der Hoffnungsträger der Partei - und schien für einen Spitzenposten vorgesehen. Noch in diesem Jahr, so die Erwartungen, hätte er in den ständigen Ausschuss des Politbüros aufsteigen sollen, in den Olymp der Macht.
Doch dann geriert der 62-Jährige ins Zentrum eines Machtkampfes innerhalb der Kommunistischen Partei. Bo verkörperte einen linkskonservativen Kurs, der im Widerspruch zum wachstumsorientierten Kurs der restlichen Parteiführung stand. So versprach er als Parteichef von Chongqing die Unterschiede zwischen Arm und Reich einzuebnen.
Zum Verhängnis wurde Bo unter anderem die Affäre um den Polizeichef von Chongqing, Wang Lijun. Dieser hatte Bo lange als rechte Hand im Kampf gegen die Korruption gedient, war Anfang Februar jedoch entlassen worden. Daraufhin war der Polizist in das US-Konsulat in Chengdu geflüchtet. Angeblich soll Wang Lijun um sein Leben gefürchtet und Asyl gesucht haben.
Nach einem Tag begab er sich nach US-Angaben freiwillig in die Obhut der Pekinger Zentralregierung. Laut unbestätigten Berichten soll Wang auch Belastungsmaterial gegen seinen früheren Chef Bo haben, den er als "größten Mafia-Boss" beschrieben haben soll.
jok
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