Spionage Israel soll iranische Atom-Wissenschaftler ermordet haben

Merkwürdige Unfälle, manipulierte Technik, tote Wissenschaftler: Israels Geheimdienst soll ein umfassendes Sabotage-Programm gegen Irans Atomprogramm betreiben, berichtet der "Daily Telegraph". Die Mossad-Agenten sind nicht die einzigen, die verdeckt in Iran operieren.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es waren bedrohliche Töne, die der Präsident ausstieß: Schon bald, so tönte er, würden seine Waffen "jede Stadt in Israel zerstören". Der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad fackelte nicht lange: Mit Einschüchterungen, und wo das nicht half, mit Briefbomben versuchten die Agenten, die Wissenschaftler von dem Projekt abzubringen. Am Ende kam es zu einer Reihe mysteriöser Unfälle; fünf Menschen starben.

Uran-Anreicherung im iranischen Natans: Sabotiert durch den Mossad?
REUTERS

Uran-Anreicherung im iranischen Natans: Sabotiert durch den Mossad?

Die Mossad-Operation mit dem Namen "Damokles" führte zum gewünschten Ergebnis: Ägypten, damals regiert von Präsident Gamal Abd al-Nasser, gab sein seit Anfang der sechziger Jahre mit Hilfe deutscher Wissenschaftler betriebenes Raketenbauprogramm innerhalb eines Jahres auf.

Natürlich kann man die ägyptischen Raketenpläne von vor über vierzig Jahren nur bedingt mit dem möglichen iranischen Atomwaffenprogramm der Gegenwart vergleichen. Sicher, auch Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat Israel gedroht. Aber während Ägypten damals ohne Zweifel offensive Ambitionen hegte, sind die Nachrichtendienste der USA und anderer Staaten heute nicht einmal überzeugt, dass Iran überhaupt (noch) an einer Atombombe baut. Erst im Dezember 2007 erklärten 16 US-Geheimdienste im "National Intelligence Estimate" "mit großer Überzeugung", dass "Teheran im Herbst 2003 sein Programm zur Produktion von Nuklearwaffen gestoppt hat".

Doch eine Parallele gibt es womöglich: Mit ähnlichen Methoden wie damals versucht der Mossad offenbar auch heute, eine Bedrohung aufzuhalten. So jedenfalls berichtet es der britische "Daily Telegraph".

Hat Israel "Schlüsselpersonal eliminiert"?

Dem Blatt zufolge hat Israels Geheimdienst in der jüngsten Vergangenheit Irans Atomprogramm nicht nur technisch sabotiert, sondern auch durch die Ermordung von Wissenschaftlern zu stoppen oder zu verzögern versucht.

Die Zeitung zitiert Reva Bhalla, einen Analysten der Firma Stratfor, die eng mit US-Regierungsbehörden zusammenarbeitet, mit einer brisanten Aussage: "In Kooperation mit den USA haben verdeckte israelische Operationen sowohl darauf abgezielt, Schlüsselpersonal zu eliminieren, das in das Nuklearprogramm involviert ist, als auch die nukleare Versorgungskette Irans zu sabotieren."

Und ein namentlich nicht genannter europäischer Geheimdienstler sekundiert laut "Daily Telegraph": "Israel hat keine Hemmungen gezeigt, Waffenforscher feindlicher Regimes in der Vergangenheit zu ermorden. Sie haben es im Falle Iraks getan und werden es im Falle Irans tun, wenn sie es können."

Der Verdacht, der Mossad habe iranische Nuklearexperten ermordet, ist nicht neu. Schon im Falle des Anfang 2007 bei einem mysteriösen Unfall in der Uran-Anlage Isfahan gestorbenen Top-Wissenschaftlers Ardeshire Hassanpour gab es entsprechende Gerüchte. Neu ist jedoch, dass der "Telegraph" eine Reihe von - freilich teils anonymen - Quellen präsentiert, die solches Vorgehen des Mossad als Tatsache darstellen.

So behauptet das Blatt unter Berufung auf "westliche Geheimdienst-Analysten" weiter, dass gleich mehrere kürzliche Todesfälle von Personen, die für das iranische Atomprogramm eine gewisse Bedeutung hatten, das Resultat israelischer Anschläge gewesen seien - und zwar sowohl auf europäischem Boden, wie auch in Iran selbst. Namen werden allerdings nicht genannt.

Auch die CIA sabotiert Irans Atomprogramm

Für einen Geheimdienst ist es immer peinlich, wenn eine Operation ruchbar wird, umso mehr, wenn sie das enthält, was man im Spionage-Jargon "nasse Sachen" nennt - also Ermordungen.

Auf der anderen Seite ist das angebliche Mossad-Vorgehen zwar in den Details interessant, aber als solches kaum überraschend. Israel nimmt die potentielle Bedrohung durch eine iranische Atombombe sehr ernst und dürfte dem Mossad schon lange Anweisungen gegeben haben, entsprechend zu agieren.

Zudem ist der Versuch, Irans Projekt zu sabotieren, weder originell noch neu. Schon lange ist bekannt, dass der US-Auslandsgeheimdienst CIA und vermutlich auch sein britisches Pendant MI6 genau das versuchen. So ließ die CIA eine angeworbene Schweizer Ingenieursfamilie fehlerhaftes Material für das Atomprogramm an Iran liefern.

Anfang 2006 explodierten in der Atom-Einrichtung Natans 50 Zentrifugen, vermutlich, weil die CIA die Stromversorgung manipuliert hatte. Zusammen mit dem Mossad wiederum, berichtet der US-Journalist James Risen in seinem Buch "State of War", hat die CIA versucht, Computersysteme Irans zu manipulieren. Risen berichtet überdies von abenteuerlich fehlgeschlagenen Sabotageversuchen.

Irans Atomprogramm
Streit
AP
Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Anlagen
Arak : geplanter Schwerwasserreaktor
Buschehr : Atomkraftwerk, im Mai 2011 nach mehrfachen Terminverschiebungen in Betrieb genommen - zunächst zu Testzwecken. Im September 2011 ging der Reaktor in Regelbetrieb, allerdings noch nicht auf voller Leistung
Isfahan : Forschungsreaktor
Jasd: Uranminen
Natans : Anlage zur Urananreicherung, angeblich mit 6000 Zentrifugen in Betrieb. Im Herbst 2009 gab Iran bekannt, nahe der Stadt Ghom eine zweite Anlage zur Urananreicherung zu besitzen.
Teheran : Forschungsreaktor
Geschichte
1974: Unter Beteiligung von Siemens beginnt bei Buschehr der Bau eines Kernkraftwerks.
1979: Nach der Revolution und der Ausrufung der Islamischen Republik wird das Atomprogramm nicht weiter betrieben.
1980-1988: Im Irak-Iran-Krieg wird der Atomreaktor in Buschehr mehrfach bombardiert und dabei schwer beschädigt.
Neunziger Jahre: Deals auf dem Schwarzmarkt mit Abdul Qadir Khan , Pakistans "Vater der Atombombe"
1995: Abkommen mit Russland zum Wiederaufbau des Atomreaktors von Buschehr
2002: Iranische Oppositionelle im Exil berichten über ein geheimes Atomprogramm.
2003: Iran unterzeichnet das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (bislang aber nicht vom Parlament ratifiziert).
2006: Der Uno-Sicherheitsrat verlangt in seiner Resolution 1696 erstmals den Stopp der Urananreicherung .
Juli 2008: Iran droht bei einem Angriff auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen. Das Regime testet Schahab-3-Raketen, die auch Ziele in Israel erreichen könnten.
November 2008: Iran hat nach eigenen Angaben die Zahl seiner für die Urananreicherung benötigten Zentrifugen auf 5000 erhöht.
Juni 2009: Iran hat laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA weitere tausend Gaszentrifugen im Atomzentrum Natans in Betrieb genommen und bisher knapp 1,4 Tonnen niedrig angereichertes Uran produziert.
Mai 2010: Nach Verhandlungen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula und dem türkischen Regierungschef Erdogan erklärt sich Iran bereit, schwach angereichertes Uran im Ausland zu tauschen. Wenig später kündigt Teheran an, an der umstrittenen Urananreicherung auf 20 Prozent festhalten zu wollen.
Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat, die EU und die USA beschließen neue Sanktionen gegen Teheran. US-Präsident Obama spricht von den bisher härtesten Sanktionen überhaupt - doch Beobachter bleiben skeptisch, ob die Strafmaßnahmen Erfolg bringen.
Sanktionen
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Uno-Sanktionen: Verbot von Waffen- und Nuklearhandel, Einfrieren von Konten, Reisebeschränkungen, verhängt in Resolution 1737 (23.12.2006), Resolution 1747 (24.03.2007), Resolution 1803 (03.03.2008)

Sanktionen der USA: Vollständiger Handels- und Investitionsboykott, beruhend auf Executive Order 12959 von 1995, neue Sanktionen im Juni 2010

Sanktionen der EU: Einschränkungen für Handel und Investitionen, Einfrieren von Vermögen, Reisebeschränkungen, beruhend auf Verordnung (EG) Nr. 423/2007 des Rates (19.04.2007)

Nahost
dpa
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad erklärt, das israelische "Besatzungsregime" müsse "aus den Annalen der Geschichte verschwinden".
Israelische Politiker, darunter auch Kabinettsmitglieder, sprechen sich für präventive Militärschläge gegen Iran aus.
Personen
Said Dschalili , Atomunterhändler seit Oktober 2007
Yukiya Amano , Generaldirektor der IAEA
Der Verhandlungspoker um die Urananreicherung
Oktober 2009: Vertreter Irans, Deutschlands und der fünf Vetomächte im Sicherheitsrat kommen zu Atom-Gesprächen in Genf zusammen.
November 2009: Die IAEA kritisiert in einer Resolution die jahrelang geheim gehaltene iranische Urananreicherungsanlage bei Ghom. Teheran reagiert mit der Ankündigung, zehn neue Uran-Anlagen zu bauen.
Dezember 2009: Iran testet die Mittelstreckenrakete Sedschil 2. Diese habe größere Zielgenauigkeit als das Vorgängermodell Schahab 3.
2. Februar 2010: Ahmadinedschad zeigt sich bereit, auf einen Vorschlag der IAEA einzugehen, der eine Anreicherung iranischen Urans auf 20 Prozent im Ausland vorsieht. Wenige Tage später rudert er wieder zurück.
7. Februar 2010: Iran verkündet, man habe niedrig angereichertes Uran von 3,5 auf 20 Prozent gebracht und sei in der Lage, es auf 80 Prozent anzureichern. Damit könnten Atomwaffen hergestellt werden.
11. Februar 2010: US-Präsident Barack Obama kündigt als Reaktion umfangreiche neue Sanktionen gegen Iran an.
1. April 2010: Nach langem Widerstand gegen neue Sanktionen ist China bereit, sich an den Verhandlungen über den Text einer verschärften Uno-Resolution zu beteiligen.
25. April 2010: Zur Abwehr neuer Sanktionen besucht Irans Außenminister Manutschehr Mottaki Österreich. Gespräche mit dem Chef der IAEA, Yukija Amano, und Österreichs Außenminister Michael Spindelegger bringen jedoch keinen Durchbruch.
17. Mai 2010: Nach Verhandlungen mit Brasilien und der Türkei lenkt Iran ein und will Uran im Ausland anreichern lassen. Doch die internationale Gemeinschaft reagiert skeptisch auf die Ankündigung.
9. Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat beschließt schärfere Sanktionen gegen Iran. Sie beinhalten weitere Hürden für die iranische Finanzbranche und eine Ausweitung des Waffenembargos. Auch die USA und die EU setzen schärfere Maßnahmen gegen Iran in Kraft.
Januar 2011: Die Atomgespräche zwischen Iran und den westlichen Mächten in Istanbul scheitern. Teheran hatte weiterhin "ein Recht auf Urananreicherung" gefordert.

Das gemeinsame Ziel dieser wie der aktuell enthüllten mutmaßlichen Mossad-Operationen ist klar: Irans Nuklearprogramm wenigstens aufzuhalten. So gesehen ist das Geheimdienstvorgehen eine Alternative zu einem Angriff auf die Atomanlagen. Ein solcher schien im vergangenen Jahr schon einmal kurz bevorzustehen.

Denn wie die "New York Times" im Januar dieses Jahres enthüllte, hatte Israel die USA 2008 bereits um die Lieferung spezieller bunkerbrechender Bomben gebeten, um Iran angreifen zu können. Die damals noch von George W. Bush geführte Regierung lehnte allerdings ab - und verwies zur Beruhigung auf ihr eigenes, laut "New York Times" "massives" Sabotage-Programm, das sie Anfang 2008 gestartet habe.

Über Ermordungen ist aus dem CIA-Programm öffentlich nichts bekannt. Aber die übrigen Maßnahmen dürften denen des Mossad ähneln. Es geht um Sabotage, Abwerbungen, wahrscheinlich auch Erpressungen, den Diebstahl von Unterlagen und Hardware, das Abhören von Gesprächen und den Einsatz von Spionage-Satelliten.

Neue US-Spionage-Operation seit Anfang 2008

Iran ist, seit sein Atomprogramm 2002 bekannt wurde, das heißeste Ziel in der Welt der Geheimdienste. Zwar ist die CIA in dem Land eher schlecht aufgestellt, weil die USA dort seit der Revolution 1979 nicht einmal eine Botschaft betreiben; aber offenbar, so jedenfalls die "New York Times", hat Bush versucht, dies durch andere, zum Teil "experimentelle" Ansätze zu kompensieren.

Allerdings ist der ausgiebige und skrupellose Einsatz von Agenten nicht nur eine Alternative zum Krieg, sondern auch zu ehrlicher Diplomatie. Schon im Januar warf die "New York Times" die Frage auf, wie der neue US-Präsident Barack Obama mit diesem speziellen Bush-Erbe umgehen werde. Denn Obama hat angekündigt, dass er den Dialog mit Teheran suchen werde. Sollte es zu iranisch-amerikanischen Konsultationen kommen, könnte ein überaggressiver Agenten-Einsatz ein Problem sein.

Ob CIA oder Mossad dabei hinter einer spezifischen Operation stehen, dürfte dem Iran derweil egal sein. Beide Dienste werden dort ohnehin in einen Topf geworfen - und angesichts der langen Zusammenarbeit der beiden Spionage-Behörden ist das nicht einmal völlig abwegig. So ist durch die "New York Times" beispielsweise bekannt geworden, dass die Bush-Regierung nach der israelischen Bomben-Anfrage den Austausch zwischen CIA und Mossad über Iran intensivieren ließ.

Dass automatisch auch die CIA über die laufenden Mossad-Operationen informiert wäre, kann man daraus aber nicht schließen. Es gehört zur israelischen Staatsräson, mit Partnern zusammen zu arbeiten, wo es geht, und darauf zu verzichten oder diese sogar hinters Licht zu führen, wenn es für nötig erachtet wird.

Mit Sicherheit aber sind die Israelis nicht die einzigen, die versuchen, Irans Atomprogramm zu sabotieren. Die Frage ist eher, wie effektiv dies überhaupt sein kann. Der "Daily Telegraph" zitiert in seiner Geschichte auch Vince Canastraro. Der ehemalige Terror-Abwehrchef der CIA sagt: "Man kann mit verdeckten Operationen nicht außenpolitische Ziele verfolgen. Man kann nicht einfach ein paar Leute loswerden und hoffen, damit Irans nukleare Kapazitäten zu beeinflussen."

Verhandlungen und Abkommen, soll das wohl heißen, sind letztlich verlässlicher als "nasse Sachen".



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