Spionage-Panne in Russland Jagd auf den Doppelagenten

Es gab einen Verräter in den eigenen Reihen: Ein Doppelagent der russischen Auslandsaufklärung SWR hat offenbar im Sommer Anna Chapman und weitere elf Undercover-Agenten in den USA auffliegen lassen. Bei den Geheimdiensten geht jetzt die Angst um - denn Moskau sinnt auf Rache.

AFP

Von , Moskau


Russlands Auslandsaufklärer schätzen Ruhe und Verschwiegenheit. Sogar für das Hauptquartier hat sich der Auslandsgeheimdienst SWR, dessen Mitarbeiterzahl der deutsche Verfassungsschutz auf 13.000 Mann schätzt, ein besonders ruhiges Plätzchen ausgesucht. Russlands Pendant zur CIA-Zentrale im amerikanischen Langley liegt in Jaseno am äußersten Stadtrand von Moskau, und wenn sie in die Zentrale beordert werden, dann sagen die Spione des Kreml, es gehe "ab in den Wald".

Doch es ist vorbei mit der Ruhe, seit das amerikanische FBI im Juni die russischen "Deep Cover"-Agenten festnahm, darunter die sich inzwischen recht erfolgreich vermarktende Anna Chapman. Die Spione, die zum Teil Jahrzehnte unter falscher Identität in den USA gelebt hatten, wurden eilends ausgetauscht.

Die Späher, so schwante Russlands Ministerpräsident Putin, habe wohl ein Verräter in den eigenen Reihen auffliegen lassen. "Verräter enden immer auf schlimme Weise", unkte Putin, als ehemaliger KGB-Mann in Dresden mit den Gesetzen der Branche bestens vertraut. "In der Regel krepieren sie entweder im Suff oder im Drogenrausch."

Auf dem Weg ins Jenseits helfen Moskaus Dienste allerdings auch gern einmal nach: So tötete der Sowjet-Agent Ramon Mercader 1940 Stalins Rivalen Leo Trotzki in Mexiko mit einem Eispickel, und 2006 erlag der abtrünnige FSB-Offizier Alexander Litwinenko in London einer Vergiftung mit radioaktivem Polonium.

Laut "Kommersant" ist ein Killer auf der Spur des Verräters

Ein neuer "Mercader" sei in diesen Tagen wieder unterwegs, zitiert die renommierte Moskauer Tageszeitung "Kommersant" nun einen anonymen Mitarbeiter des Geheimdienstes SWR, ein neuer Killer auf der Spur des Verräters.

Der heißt laut "Kommersant" Oberst Scherbakow und war bis vor kurzem ausgerechnet Leiter der SWR-Abteilung "S", die für die Aufklärung in den USA verantwortlich zeichnete - und für die Führung der Undercover-Agenten. Offenbar hatte niemand Verdacht geschöpft, obwohl Scherbakows Tochter in den USA lebte, der Sohn plötzlich fluchtartig Russland verließ und der mutmaßliche Verräter selbst 2009 eine Beförderung ausschlug: Der bescheidene Oberst habe wohl die dann fällige Überprüfung per Lügendetektor gefürchtet, so der "Kommersant". Im Frühjahr dann setzte er sich selbst nach Amerika ab.

Jetzt geht Angst um "im Wald" beim SWR, dass die Affäre manchen Geheimdienstler "Kopf oder Schulterstücke" kosten könnte.

Ohnehin kämpfen Russlands Auslandsaufklärer seit dem Sommer mit einer Serie von Fehlschlägen:

  • Anfang des Monats wurde bekannt, dass in Georgien ein russischer Spionage-Ring mit 13 Mitgliedern ausgehoben wurde. Danach höhnte die georgische Propaganda, Russlands Auslandsspionage sollte ihrer Existenz lieber selbst ein Ende setzen.
  • Im August dann verlor Moskau zudem den stellvertretenden Chef der Militäraufklärung GRU. Der hochdekorierte General Juri Iwanow sei bei einem Badeunfall "tragisch ums Leben gekommen", meldete die Armee-Zeitung "Krasnaja Swesda - Roter Stern" damals.

Tatsächlich ertrank Iwanow ausgerechnet bei einem Tauchausflug vor der Küste Syriens.

Die Russen unterhalten einen Stützpunkt in dem Land und besiegelten jüngst - trotz israelischer Proteste - den Verkauf von "Jahont"-Raketen an Damaskus.

Auf dem Weg zum Super-Geheimdienst

Schon werden in Moskau Stimmen laut, die eine Reform des SWR fordern - oder sogar die Auflösung des Auslandsklärung und ihre Angliederung an den FSB. Dann würde einer machtvoller Super-Geheimdienst entstehen, vergleichbar mit dem sowjetischen KGB, den in den neunziger Jahren Präsident Boris Jelzin zerschlagen hatte. "Die Ausgliederung des SWR aus dem KGB wird immer öfter kritisiert", schreibt der "Kommersant". Vor allem der Vorsitzende des russischen Sicherheitsrats, Nikolai Patruschew, befürworte eine Reintegration. Patruschew diente über viele Jahre als FSB-Chef.

Geheimdienstkenner in der Moskauer Hauptstadt wundern sich gleichwohl über diese Intonation des "Kommersant"-Artikels. Der Grund für die Fehlschläge dürfte in Wahrheit wohl eher in einer grundlegenden Degeneration von Moskaus Diensten liegen. "Wir arbeiten seit 30, 40 Jahren im Grunde mit den gleichen Methoden und Strukturen", kritisiert Andrei Soldatow, Chefredakteur der Web-Seite Agentura.ru und Geheimdienstexperte. "Ich verstehe nicht ganz, inwieweit der Fall Scherbakow für eine Fusion sprechen soll", sagte Soldatow. Der Fall könne "auch Teil einer Intrige zwischen unseren Diensten" sein.

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Erik Mattutat, 11.11.2010
1. .
Na, dann bin ich mal gespannt, wie all die Foristen, die uns hier im Juni erzählt haben, das könnten gar keine echten russischen Agenten gewesen sein und das Ganze sei nur ein PR-Gag des FBI oder der US-Regierung, uns diese neueste Entwicklung deuten. Geht die Macht der USA jetzt schon so weit, dass sie in Russland Liquidationsbefehle für russische Agentenführer geben kann?
marvinw 11.11.2010
2. Interessant finde ich eine Tatsache...
dass hier ständig über "Panne bei dem russischen Geheimdienst" geredet wird. Dass aber diese *eine* Spionin gegen mehrere gescheiterte amerikanische Spionen getauscht wurde, wird hier gerne runtergespielt und verschwiegen. Na dann fragt man sich, wem es jetzt mehr peinlich ist? Oder ist es eine besondere Heldentat eine Frau zu erwischen?
phboerker 11.11.2010
3. ...
Zitat von marvinwdass hier ständig über "Panne bei dem russischen Geheimdienst" geredet wird. Dass aber diese *eine* Spionin gegen mehrere gescheiterte amerikanische Spionen getauscht wurde, wird hier gerne runtergespielt und verschwiegen. Na dann fragt man sich, wem es jetzt mehr peinlich ist? Oder ist es eine besondere Heldentat eine Frau zu erwischen?
Naja, bei Staaten mit so fragwürdiger Rechtssicherheit kann man wohl nicht immer unbedingt davon ausgehen, dass gefangene Spione auch tatsächlich solche sind.
marvinw 11.11.2010
4. Na ja...
Zitat von phboerkerNaja, bei Staaten mit so fragwürdiger Rechtssicherheit kann man wohl nicht immer unbedingt davon ausgehen, dass gefangene Spione auch tatsächlich solche sind.
D.h. Amerika würde den Tausch vollziehen ohne zu wissen ob die Personen tatsächlich Spionen sind? Na ja...
LDaniel 11.11.2010
5. Öhm
Zitat von marvinwdass hier ständig über "Panne bei dem russischen Geheimdienst" geredet wird. Dass aber diese *eine* Spionin gegen mehrere gescheiterte amerikanische Spionen getauscht wurde, wird hier gerne runtergespielt und verschwiegen. Na dann fragt man sich, wem es jetzt mehr peinlich ist? Oder ist es eine besondere Heldentat eine Frau zu erwischen?
Ähm. Es ist ja auch falsch ;) Es wurden mehrere Spione in den USA erwischt. Die Presse hat sich nur auf die gutaussehende Frau eingeschossen. Selbst in der Überschrift steht: "Ein Doppelagent der russischen Auslandsaufklärung SWR hat offenbar im Sommer Anna Chapman und *weitere elf* Undercover-Agenten in den USA auffliegen lassen". Und die ausgetauschten waren Russen - denen VORGWORFEN wurde, für die Amerikaner zu spionieren. Ohne Beweise. Und die USA haben vordergründig deshalb einem Austausch zugestimmt, da die Sache schnell aus der Welt sollte um ein diplomatisches Problem zu vermeiden.
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