Spuren des Despoten Schöner Fliegen mit Gaddafi-Air

Spartanisch leben wie die Beduinen, immer im Zelt wohnen? Von wegen. Wenn Libyens Despot Gaddafi auf Reisen ging, stieg er in seinen luxuriös ausgestatteten Airbus. SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer hat den Flieger mit den Rebellen inspiziert - und gestaunt.

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Als Diktator wurde er bis zuletzt gefürchtet - doch auf seinen Reisen ins Ausland schätzte Muammar al-Gaddafi eher softe Unterhaltung. In der DVD-Schublade im Schlafzimmer seines Privatjets finden sich seichte Blockbuster wie "Mr. Bean" oder Zeichentrickfilme wie "Madagaskar" sowie unzählige arabische Schnulzen. Vom seidenbezogenen Bett der großzügigen, gegen störendes Sonnenlicht abgedunkelten VIP-Suite hatte der Machthaber auf 10.000 Metern Höhe per Fernbedienung Zugriff auf alle elektronischen Annehmlichkeiten. Unter dem DVD-Player samt Plasmafernseher hatten Techniker für den hartnäckigsten Diktator der Welt eine High-End-Musikanlage und kabelloses Internet installiert.

Die Reichen und Mächtigen dieser Welt gönnen sich schon einmal ein Plus an Bequemlichkeit, aber bei Gaddafi musste es offenbar noch etwas mehr sein: Seinem Größenwahn angemessen fällt die Privatmaschine etwas geräumiger aus - er orderte einen vierstrahligen Airbus A340, der normalerweise rund 290 Passagiere befördert.

Von außen wirkt der A340 wie ein normaler Linienjet der libyschen Airline "Afriquia". Doch der Großraumflieger mit der Kennung 5A-ONE war bis vor einigen Tagen ausschließlich für Muammar al-Gaddafi und seinen Hofstaat reserviert, wenn er die - von ihm mit Milliarden geschmierten - afrikanischen Despoten besuchte oder nach Europa flog, wo er wegen der libyschen Ölreserven als Gast stets gern gesehen war.

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Muammar al-Gaddafi: Bruder Führers Luxusflieger
In der sengenden Hitze vor dem Airport in Tripolis steht der Jet nun als eines der Relikte des gestürzten Regimes. Er dient als weiterer Beweis, wie abgehoben der Despot von seinem Volk lebte und regierte. Öffentlich gab er gern den bescheidenen Sohn der Beduinen und ließ sich als "Bruder Führer" titulieren. Tatsächlich genoss er Saus und Braus wie die reichsten Ölscheichs.

Für die Rebellen, die den Flughafen nach Tagen der erbitterten Kämpfe Ende vergangener Woche einnahmen, ist der Jet deshalb ein Symbol ihres Erfolgs. In roter Schrift haben sie "Eigentum der Revolutionskämpfer von Zintan" an den Rumpf gekritzelt. Stolz rasen sie mit ihren Pick-ups auf dem Vorplatz des Airports herum, der seit dem Flugverbot über Libyen verwaist war.

Rasch ist eine wackelige Stahlleiter gefunden und die Bordluke erreicht. Dann stehen zwei der jungen Aufständischen in Gaddafis Superjet. Ungläubig sehen sie sich um. Der edle rote Perserteppich auf dem Boden ist vorsorglich mit Plastikmatten geschützt, "Welcome to Gaddafis Air Force One" steht darauf. In der Kabine des Großraumjets ist es brüllend heiß und dunkel. Im VIP-Bereich vorne sind die Fenster mit Klebefolie verdunkelt, doch ohne Bordstrom läuft die Klimaanlage nicht.

Plastikblumen in Kristallvasen

Mit einer Taschenlampe erkunden die Kämpfer, die viele Monate lang gegen das Gaddafi-Regime anrannten, den fliegenden Luxustempel. In der Mitte des Jets biegen sie nach links ab und erreichen das Schlafzimmer. Auf der einen Seite steht ein bequemes, in weiches graues Leder gekleidetes Sofa, auf der anderen das Doppelbett mit gestreiften Seidenbezügen.

Arabische Despoten sind für die exzentrische Ausstattung ihrer VIP-Jets durchaus bekannt, der Innendekorateur von Gaddafi allerdings baute ein sündhaft teures Interieur von erstaunlicher Stillosigkeit zusammen. Hinter dem Bett hängt ein protzig großer Spiegel, der eher zu einem Bordell passt als zu einem Regierungsjet, in den Kristallvasen stehen Plastikblumen. In der Schublade liegt ein Koran, in die Schutzhülle ist ein Kompass eingenäht. Gaddafi gab stets den braven Muslim. Auch das war wohl nur gespielt - wie viele seiner Potentaten-Posen.

"Gaddafi is in the toilet"

Die Gemächer des Machthabers geben einen Einblick in die Welt eines der Realität entrückten Diktators: meterweise Wandschränke für seine berühmte Garderobe der bunten Roben und schrillen Uniformen samt glitzernden Orden, dazu die hellen maßgeschneiderten Anzüge für zivilisiertere Auftritte im Ausland. Nun, nach Gaddafis Sturz, tapsen schwitzende Rebellen durch die Gänge und posieren für Fotos. Mit dem Victory-Zeichen, landesweit das Symbol der Revolution gegen Gaddafi, grinsen sie in die Kamera. "Gaddafi is in the toilet", stottert einer der beiden.

Zum verschwenderisch ausgestatteten Reisevehikel gehört auch eine Kommandozentrale - ein "Situation room" mit zahlreichen Bildschirmen und einer Batterie von Telefonen. Am Tisch ist Platz für vier Berater und den "Oberst" - sein Stuhl überragt die anderen. Die Fachliteratur auf dem Tisch kommt etwas leichter daher: arabische Boulevardblätter mit ihren Geschichten über einheimische Filmstars und Schlagersängerinnen. Auch ein Dauerrevolutionär muss sich schließlich einmal entspannen. Für den Hofstaat und das Dutzend afrikanischer Leibwächterinnen sind übrigens nur herkömmliche Business-Class-Liegesitze im hinteren Teil des Luxusjets vorgesehen.

Gaddafis Air Force One ist der Höhepunkt der Erkundungstour in die abgeschottete Welt des entrückten Despoten, die nach dem Fall von Tripolis plötzlich zu bestaunen ist. Nun können Libyen und die ganze Welt sehen, wie Gaddafi und sein Clan mit den Milliarden aus dem Ölgeschäft geprasst haben. Vor allem seine Söhne Hannibal und Muatassim, beide Sportwagenliebhaber und Gernegroß, bauten sich pompöse Villen, wahre Marmortempel und ausgestattet mit großer Verschwendungslust und Stillosigkeit. Was en vogue und vor allem teuer war, wurde eingeflogen und in ihren Palästen gehortet.

Nach ihrem Sieg über Gaddafis Truppen haben die Rebellen die Tempel des Konsums und der Maßlosigkeit für alle Libyer zum Plündern freigegeben - schließlich sei das Beutegut ja Eigentum des libyschen Volks.

Der schon jetzt legendäre Jet Gaddafis wird nun den Chef des Übergangsrats und seine Minister befördern. Die Entgleisungen und der Exzess werden die neuen Machthaber noch viele Jahre an ihren einstige Diktator erinnern. Er selbst bleibt nach dem Fall von Tripolis weiter spurlos verschwunden.

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
KT712 29.08.2011
1. Was soll das?
Man kann ja an Gaddafi vieles aussetzen, aber so ein Flugzeug ist bei allen Staatschefs Standard und die Flieger, die die Saudis haben, sind noch drei Nummern größer. Irgendwie wirds langsam irrational.
heribertX 29.08.2011
2. Aha
Zitat von sysopSpartanisch leben wie die Beduinen, immer im Zelt wohnen? Von wegen. Wenn Libyens Despot Gaddafi auf Reisen ging, stieg er in seinen luxuriös ausgestatteten Airbus.*SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer hat den Flieger mit den*Rebellen inspiziert - und gestaunt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,783041,00.html
Und was ist daran nun so besonders? Praktisch jedes Land hat derartige Regierungsflieger.
dr. phibes 29.08.2011
3. Besser bei Ebay einstellen?
"Der schon jetzt legendäre Jet Gaddafis wird nun den Chef des Übergangsrats und seine Minister befördern." Na dann ist ja gut.
gunman, 29.08.2011
4. Freude
Zitat von sysopSpartanisch leben wie die Beduinen, immer im Zelt wohnen? Von wegen. Wenn Libyens Despot Gaddafi auf Reisen ging, stieg er in seinen luxuriös ausgestatteten Airbus.*SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer hat den Flieger mit den*Rebellen inspiziert - und gestaunt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,783041,00.html
Geschmack war ja noch nie eine orientalische Stärke. Abgesehen freuen sich die neuen Machthaber sicher, schon bald ähnlich "kutschieren" zu dürfen.
zeres_br 29.08.2011
5. Hässlich...
Ich wusste schon, dass Gaddafi keinen Geschmack hatte. Bin trotzdem von den Bilder überrascht. So hässlich habe ich auch nicht erwartet...
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