Srebrenica-Schlächter Mladic Massenmörder, Flüchtling, Häftling

Als Junge war er der "bosnische Supermann". Ratko Mladic war immer der Beste beim Schwimmen, Tauchen, Schießen. Als General vollstreckte er die serbische Kriegspolitik in Bosnien - mit Grausamkeiten und Massakern. Porträt eines Mannes, der sich vom eifrigen Militär zum hasserfüllten Verbrecher wandelte.

Ratko Mladic (im Juli 1995): "Heinrich Himmler seiner Generation"
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Ratko Mladic (im Juli 1995): "Heinrich Himmler seiner Generation"

Von Renate Flottau


Wer ist Ratko Mladic? Wer ist dieser Mann, der nun endlich verhaftet ist und zum Uno-Kriegsverbrechertribunal nach Den Haag überstellt wird? Die Anklage lautet auf Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995.

Ratko Mladic, 68 Jahre, Ex-General und Ex-Oberbefehlshaber der Armee der bosnischen Serben, ist mutmaßlich einer der größten Massenmörder der Gegenwart. Während der fast zweijährigen Belagerung von Sarajevo soll er Scharfschützen angewiesen haben, aus dem Hinterhalt auf Zivilisten zu schießen. Das wohl grausamste Verbrechen, das ihm zur Last gelegt wird: die Beteiligung am Massaker von Srebrenica im Juli 1995. Rund 8000 muslimische Männer und Jungen wurden in der Uno-Schutzzone getötet.

Der britische Politiker Lord Owen nannte Mladic einen Massenmörder; der serbische General Jovan Divjak eine Person, auf welche das Wort Mensch nicht angewandt werden dürfe. Der ehemalige US-Botschafter Jugoslawiens sah in ihm den "Heinrich Himmler seiner Generation". Für viele Serben aber war Mladic zweifellos ein Held und einer der wenigen serbischen Führer, die sich im Krieg nicht persönlich bereicherten.

Sarajevos Einwohner zu Todeskandidaten gestempelt

Ratko Mladic wurde im März 1943 im Dörfchen Bozinovic nahe Kalinovnik geboren, etwa 50 Kilometer südlich von Sarajevo. In einer idyllischen Landschaft mit armen Bauern und der Legende, dass in den nahen Ruinen einer österreichischen Befestigungsanlage als Soldat auch Hitler stationiert gewesen sei. Mladics Vater Nedja wurde 1945 von den mit Hitler kollaborierenden kroatischen Ustaschen getötet. Mladic stritt aber stets ab, dass er deswegen antideutsch eingestellt sei.

Ehemalige Kameraden erinnern sich an den jungen Ratko als den bosnischen "Superman". Er sei in allem der Beste gewesen: beim Schwimmen, Tauchen, Rennen und später im Schießen. Steil aufwärts ging es für den überzeugten Kommunisten auch beim Militär.

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Mladic: Der "Schlächter von Bosnien"
Nach der Sezession Sloweniens und Kroatiens vom jugoslawischen Bundesstaat im Jahr 1991 flammten die Kämpfe auf. Mladic wurde nach Knin zu den aufständischen Serben in der zu Kroatien gehörenden Krajina beordert. Als dann Serbiens Präsident Slobodan Milosevic einen Vollstrecker für seine Kriegspolitik in Bosnien suchte, fiel die Wahl auf den damals 49-jährigen Mladic. Im Mai 1992 wurde dieser zum Leiter des Generalstabs der Armee der bosnischen Serben.

Noch bevor er seinen Dienst offiziell antrat, stempelte er die Einwohner Sarajevos zu Todeskandidaten. Er wollte die Stadt peinigen und die bosnische Metropole am Ende des Kriegs dem serbischen Volk als Trophäe überreichen. Der grausame General bombte die Serben von Sieg zu Sieg. Im Jahr 1994 hatte er bereits 70 Prozent des bosnischen Territoriums eingenommen.

Beim Haager Kriegstribunal liegen heute Hunderte von Dokumenten und Zeugenaussagen vor, die belegen sollen, dass Mladic nicht nur seinen Sold, sondern auch seine Befehle aus Serbiens Hauptstadt Belgrad erhielt. Während der Ereignisse von Srebrenica soll er in ständigem Kontakt sowohl mit Milosevic als auch mit dem Generalstabschef der jugoslawischen Armee, Momcilo Perisic, gestanden haben. Der Angriff auf die Uno-Schutzzone sei auf Befehl Milosevics von beiden Militärchefs gemeinsam geplant worden, heißt es in Den Haag. Auch während der Aktion habe man Milosevic konstant über den Fortgang informiert.

Tiefe Feindschaft zwischen Mladic und Karadzic

Mindestens bei einer Massenexekution der insgesamt 8000 in Srebrenica getöteten Muslime soll Mladic laut Unterlagen des Tribunals persönlich anwesend gewesen sein. Zahlreiche andere Liquidierungen hätten 15 Minuten nach seiner Abfahrt begonnen. Mladic hatte mehrmals gedroht, Srebrenica in Schutt und Asche zu bomben, falls die muslimische Bevölkerung ihre Waffen nicht abgebe. Als die Uno ankündigte, die Zahl ihrer Soldaten um die Schutzzonen aufzustocken, riet Mladic zum schnellen Handeln. Jetzt sei die Zeit gekommen, sich für jahrhundertelange Besetzung durch die Muslime zu rächen, sagte er in einem Fernsehinterview kurz vor dem Angriff auf die Enklave.

Mit dem politischen Führer der bosnischen Serben, dem in Pale residierenden Radovan Karadzic, der bereits seit Juli 2008 in Den Haag in Untersuchungshaft sitzt, verband Mladic von Beginn an tiefe Feindschaft. Die für die Öffentlichkeit inszenierten Fotos, die die beiden friedlich vor einem Schachbrett zeigten, sollten die Realität vor der Öffentlichkeit verbergen. Mehrmals hatte Karadzic während des Kriegs vergeblich versucht, seinen Generalstabschef abzusetzen, war jedoch an der Solidarität anderer Generale mit Mladic gescheitert. Mladic seinerseits fühlte sich zusehends von Verrätern umgeben. Er wollte dem Feind gewaltige Niederlagen bescheren. Stattdessen akzeptierte die politische Führung in Pale Friedensinitiativen und Waffenstillstände, die sein Heer "in Agonie stürzten", wie er meinte.

Und noch etwas entzweite die beiden Kriegsverbrecher Karadzic und Mladic: Es sei für eine Armee schwer gewesen, den "Hexenkult" von Karadzic zu akzeptieren, erinnert sich Oberst Milan Milutinovic, Mladics ehemaliger Chef für die Öffentlichkeitsarbeit: "Karadzic brachte stets die Wahrsagerin 'Baba Stane' aus Bijeline mit an die Front. Sie musste Felder und Bäume beschwören, bevor es in die Schlacht ging. Ganze Territorien wurden mit Kreuzen abgesteckt als serbische Grenzlinie", so Milutinovic. Und weiter: "Einmal fuhr unsere Militärkolonne auf eine Anhöhe, als dort überraschend die Kroaten aus dem Hinterhalt auftauchten und unsere Armee floh. Später wurde der Verlust von Karadzic darauf zurückgeführt, dass dieses Gebiet nicht mit serbischen Kreuzen abgesteckt war."

Konflikte mit Milosevic

Bei Mladic wuchsen die militärischen Sorgen. Die mittlerweile auf 1600 Kilometer angewachsene Grenzlinie, welche die Serben innerhalb Bosniens kontrollierten, ließ sich immer schwerer militärisch absichern. Nicht nur die Munition wurde knapper - auch die Zahl der Soldaten reichte nicht aus. Viele junge Männer flohen mit dem Boot aus der Republik Srpska über die Drina nach Serbien, um nicht zum Kanonenfutter in einem immer sinnloseren Krieg zu werden.

Über das Verhältnis Mladics zu Milosevic gegen Ende des Kriegs gibt es widersprüchliche Aussagen. Der militärpolitische Analytiker Ljubodrag Stojadinovic, der 25 Jahre als aktiver Offizier bei der jugoslawischen Armee war und Mladic häufig begleitete, behauptet, Milosevic habe mit Mladic zahlreiche Konflikte gehabt. Im Juli 1994 soll er ihm sogar mit Erschießung gedroht haben. Eines dieser Gespräche wurde vom Geheimdienst offenbar aufgezeichnet. Darin habe der serbische Präsident getobt und den General zum sofortigen Rapport nach Belgrad einbestellt. Der soll nach kurzer Zeit den Hörer mt den Worten auf die Gabel geworfen haben: "Wenn Sie etwas zu sagen haben, kommen Sie hierher. Aber hören Sie auf, mir Anweisungen aus Ihrem Kabinett zu erteilen."

Am Ende musste Mladic mit Gewalt von seinem Posten entfernt werden. Auch noch elf Monate nach dem Friedensschluss zwischen Serben, Kroaten und Bosniern im Dezember 1995 hatte sich Mladic geweigert, das Oberkommando an die Karadzic-Nachfolgerin Biljana Plavsic abzugeben. Polizeibeamte zerstörten daraufhin die Kommunikations-Relais zwischen dem Zentralkommando Mladics in Han Piesak und den Militäreinheiten im Land. Mladic aber blieb weiter im Dienst der serbischen Armee in Belgrad. Erst 2001, sechs Jahre nach der gegen ihn erhobenen Anklage als Kriegsverbrecher durch das Haager Tribunal, wurde er von Serbiens damaligem Präsidenten Vojislav Kostunica endgültig pensioniert.

Mord an den Verfolgern

Während die Internationale Gemeinschaft eine Auslieferung des Generals mit Druck und Drohungen, mit Finanzblockaden und Verzögerung einer engeren EU-Bindung erzwingen wollte, war in Belgrad niemand ernsthaft dazu bereit. Man suchte immer nur dort, wo man sicher war, dass Mladic sich nicht befand. So beschreibt es der ehemalige Vizepremier Miroljub Labus. Er werde teuer sein, prophezeite ein arroganter Mladic in einem Interview mit dem Magazin "NIN" im März 1996 seinen Jägern. Eine Warnung, die nicht allein seinen Verfolgern galt, sondern auch jenen, die in seine zahlreichen Verstecke eingeweiht waren.

Mladic drohte allen Mitwissern, sich an ihnen und selbst ihren Verwandten fünften Grades zu rächen, wenn sie seinen Aufenthaltsort verrieten, das bestätigte ein hoher Belgrader Politiker. Der ehemalige serbische Premier Zoran Djindjic war dennoch bereit. Anfang März 2003 kündigte er der damaligen Chefanklägerin des Haager Tribunals, Carla Del Ponte, die Auslieferung Mladics an. Er werde um Serbiens Zukunft willen das Risiko einer Verhaftung auf sich nehmen. Zwei Wochen später wurde er ermordet - von der sogenannten "Antihaager Lobby".

Immer wieder versuchten die Verantwortlichen in Serbien, die internationale Gemeinschaft mit billigen Täuschungsmanövern von Mladics Spur abzubringen. Er sei vermutlich nach Moskau geflohen, hieß es einmal. Serbische Medien spekulierten später, Mladic habe für den Fall seiner Aufgabe zehn Millionen Euro für seine Familie gefordert. Die montenegrinische Zeitschrift "monitor" behauptete dagegen, er habe für den Fall seiner Verhaftung gedroht, über die Beteiligung Serbiens in den Kriegen in Kroatien und Bosnien zu sprechen. Dann gab es noch die Suizid-Variante: Er trage immer eine Giftpille bei sich, hatte Mladic früher posaunt. Ein ehemaliger Offizier aus Mladics Armee wollte sich sogar an eine konkrete Anweisung seines Chefs erinnern: Falls dieser nicht mehr in der Lage sei, sich selbst zu töten, müssten dies seine Begleiter vollstrecken.

Nun ist es anders gekommen.

insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
onkel hape 26.05.2011
1. Endlich!
Eine wirklich gute Nachricht, dass dieser skrupellose Massenmörder endlich gefasst wurde u. nun bald seine hoffentlich lebenslange Strafe erfährt. Seine Aburteilung erfolgt in Den Haag. Das ist insofern pikant, als ein niederländisches UN-Blauhelm-Battaillon während des Massackers in Srebrenica dort stationiert war und nichts unternommen hat, die grausame Tötung der 8 000 Männer/Jungen zu verhindern. Was für ein schändliches Verhalten. Ich weiß sehr wohl, dass das UN-Mandat dem Kommandeur offiziell das Eingreifen nicht gestattete. Aber was ist das für ein armseliger, gewissenloser militärischer Führer, der vor seinen Augen u. mit ca 900 gut bewaffneten, ausgebildeten Soldaten solche Verbrechen zulässt? Der Mann hätte ein weltweit geachteter, respektierter Held sein können, wenn er eingegriffen hätte. Statt dessen ist er ein verachtenswerter Feigling, der Schande über sich u. die NL-Armee gebracht hat. Jammervoll!
Micirio 26.05.2011
2.
Als ehemaliger Kfor-Soldat bin ich froh, dass dieser Mann endlich ausgeliefert wird (verhaftet hätte er bestimmt schon früher werden können, dass nur nebenbei. Ich habe während meines Einsatzes 2001 einen kleinen Teil davon gesehen, was die Serben angerichtet haben. Das Ausmass des Massakers Srebrenica kann ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen. Nun ein möglichst schneller, eindeutiger und harter Prozess bevor Mladic den "Milosevic macht" und die Opfer ein wenig Gerechtigkeit erleben. Darüberhinaus muss die Aufarbeitung des Konflikts begonnen werden. Nicht nur aber besonders in Serbien ist dies nötig. Eine EU-Aufnahme darf nur dadurch errungen werden.
oliveras999 26.05.2011
3. Fehler
"...fast zweijährige Belagerung von Sarajevo"? Falsch, Sarajevo wurde 900 Tage belagert, also fast drei Jahre
HeBru, 26.05.2011
4.
Zitat von oliveras999"...fast zweijährige Belagerung von Sarajevo"? Falsch, Sarajevo wurde 900 Tage belagert, also fast drei Jahre
Wenn Sie schon andere korrigieren, dass 900 Tage nicht fast zwei sondern fast drei Jahre sind, dann rechnen Sie doch einfach mal nach... 900 Tage sind nämlich genau 2 Jahre plus 170 Tage - also knapp zweieinhalb Jahre. Was ist an Ihrer korrigierten Aussage (fast 3 Jahre) jetzt soooo viel besser, als der vom ersten Poster? *kopfschüttel*
lensenpensen 26.05.2011
5. So nicht richtig...
Zitat von onkel hapeEine wirklich gute Nachricht, dass dieser skrupellose Massenmörder endlich gefasst wurde u. nun bald seine hoffentlich lebenslange Strafe erfährt. Seine Aburteilung erfolgt in Den Haag. Das ist insofern pikant, als ein niederländisches UN-Blauhelm-Battaillon während des Massackers in Srebrenica dort stationiert war und nichts unternommen hat, die grausame Tötung der 8 000 Männer/Jungen zu verhindern. Was für ein schändliches Verhalten. Ich weiß sehr wohl, dass das UN-Mandat dem Kommandeur offiziell das Eingreifen nicht gestattete. Aber was ist das für ein armseliger, gewissenloser militärischer Führer, der vor seinen Augen u. mit ca 900 gut bewaffneten, ausgebildeten Soldaten solche Verbrechen zulässt? Der Mann hätte ein weltweit geachteter, respektierter Held sein können, wenn er eingegriffen hätte. Statt dessen ist er ein verachtenswerter Feigling, der Schande über sich u. die NL-Armee gebracht hat. Jammervoll!
das DutchBat Kontingent hatte nicht die von Ihnen beschrieben Stärke und auch keine "gute Bewaffnung". Schwere Waffen wie Haubitzen, Mörser oder Kampfpanzer, sowie Luftunterstützung wurde nicht genehmigt. 600 Niederländer gegen eine mindestens 10 fache Übermacht? Diese Männer wurden von ihrer Regierung und der UN aufs schändlichste im Stich gelassen und verraten. Hätten sie sich in den Weg gestellt, VIELLEICHT hätte sich etwas geändert. Denn wenn erstmal 50 Niederländer gefallen wären, hätte die Luftwaffe sicherlich eingegriffen und es wären schlagkräftige Entsatztruppen entsendet worden.
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