Srebrenica-Veteranen "Wir wurden im Stich gelassen"

Hätte der Völkermord in Srebrenica verhindert werden können? Das Massaker der Serben an 8000 Muslimen ist für die Niederlande auch zehn Jahre danach ein Trauma, denn die Enklave stand unter dem Schutz der holländischen Blauhelm-Soldaten. Die "Dutchbat"-Veteranen müssen seither mit dem Vorwurf der Feigheit leben.

Aus Venlo berichtet


"Dutchbat"-Soldat Verhaegh (in Srebrenica): Helm und schusssichere Weste an die Serben
Gerald Verhaegh

"Dutchbat"-Soldat Verhaegh (in Srebrenica): Helm und schusssichere Weste an die Serben

Venlo - Gerald Verhaegh, 34, war vor zehn Jahren dabei, als 370 niederländische Soldaten die muslimische Enklave Srebrenica in Bosnien schützen sollten. Er war einer von denen, die tatenlos zusahen, wie die Serben die Muslime zusammentrieben und abtransportierten. Später erfuhr die holländische Friedenstruppe, dass sie mit ihrem passiven Verhalten den Anfang des größten Völkermords in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ermöglicht hatte. Seitdem werden sie nicht nur in den Niederlanden als Feiglinge beschimpft.

Zu Unrecht, findet Verhaegh. Er kann nicht verstehen, dass die Männer von "Dutchbat" in der Heimat immer noch beschuldigt werden. "Es ist nicht korrekt, dass uns Vorwürfe gemacht werden", sagt er. "Wir haben getan, was wir konnten."

Um das, was sich im Juli 1995 auf dem Balkan ereignete, zu verarbeiten, benötigten 40 Prozent des "Dutchbat" zum Teil jahrelange psychologische Hilfe. Verhaegh, der Mann aus dem kleinen Ort Panningen bei Venlo im Süden Hollands, verzichtete darauf. "Ich konnte das gut verarbeiten, und ich war mit 24 damals auch etwas älter als die meisten anderen Soldaten."

Heute arbeitet Verhaegh als Verkaufsmanager bei einem Kosmetikunternehmen. Ein Schuldgefühl spürt der Srebrenica-Veteran nicht. Dafür seien die Kräfteverhältnisse in der Enklave zu eindeutig gewesen: Hier 370 niederländische Uno-Soldaten, auf der anderen Seite Tausende entfesselte Serben. "Auch dreimal so viele Blauhelme hätten nicht gereicht, um die Serben zu stoppen", sagt er.

Verhaegh heute: "Wir haben getan, was wir konnten"
SPIEGEL ONLINE

Verhaegh heute: "Wir haben getan, was wir konnten"

Anfang des Jahres 1995 war Verhaegh auf den Balkan beordert worden, um zusammen mit seinen Kameraden die fast 60.000 Muslime in der Enklave zu schützen. Die niederländische Regierung mit Ministerpräsident Wim Kok hatte sich um den Auftrag förmlich gerissen, um das kleine Polderland in der Rolle als Friedensstifter international aufzuwerten.

Bis zum März spürten Verhaegh und die anderen Blauhelme auch kaum etwas von der heraufziehenden Gefahr. Aber dann führten sich die Serben mit ihrem Anführer Ratko Mladic gegenüber der kleinen niederländischen Truppe immer dominanter auf, ließen keine Transporter mit frischen Lebensmitteln mehr in die Enklave, die ja eigentlich unter dem Schutz der Uno stand. Der Anfang der Tragödie.

"Ein Gefühl der Ohnmacht"

Am Morgen des 11. Juli war es dann so weit: "Den ganzen Tag über holten serbische Busse die Muslime aus Srebrenica ab", berichtet Verhaegh. Jeder habe zwar gespürt, dass irgendetwas in der Luft liegt. Aber dass er den Anfang eines Massenmordes erlebte, kam auch Verhaegh nicht in den Sinn. Er habe vereinzelt Leichen von muslimischen Männern liegen sehen. "Aber ich ging davon aus, dass sie bei Gefechten mit den Serben getötet worden waren."

Erst Monate später, in der Heimat, erfuhr Verhaegh wie die ganze niederländische Bevölkerung das ganze Ausmaß der Katastrophe: Bis zu 8000 muslimische Männer wurden von den Serben aus der "sicheren Zone" geholt und getötet. Verhaegh sagt, er habe "ein Gefühl der Ohnmacht" gespürt.

"Herinneringen aan Srebrenica": 170 Soldaten befragt

"Herinneringen aan Srebrenica": 170 Soldaten befragt

Die harmlosen "Dutchbats" wurde von den Serben zum Schluss immer wieder gedemütigt. Verhaegh musste seinen Helm und seine schusssichere Weste an sie abgeben. Angst um sein Leben habe er aber nicht gehabt. Andere wurden sogar gezwungen, alles bis auf die Unterhose auszuziehen. Denn als Uno-Soldaten verkleidet konnten die Serben die Muslime beim Abtransport in Sicherheit wiegen. "Und als wir mitbekamen, dass die Serben schöne muslimische Frauen in ein Gebäude brachten, verwehrten sie uns den Zutritt", berichtet Verhaegh. Was dort an Gräueln und Verbrechen geschah, lässt sich nur erahnen.

Gedemütigt wurde von den Serben aber auch der "Dutchbat"-Kommandeur Thom Karremans, der von Mladic in ein Hotelzimmer beordert wurde, wo er dem Serben für ein Foto zuprostete. Das Bild ging um die Welt, ein vermeintlicher Beleg zynischer Nähe der Uno zu den Kriegsverbrechern. Er habe erst "drei bis vier Tage" nach dem Fall von Srebrenica die wahren Absichten der Serben begriffen, sagte Karremans kürzlich bei einer gerichtlichen Anhörung aus.

Karremans hatte die Nato Tage zuvor noch vergeblich um Hilfe durch Luftangriffe gebeten. Außerdem forderte er eine bessere Ausrüstung seiner Soldaten. Schließlich griffen aber nur vier der über der Adria kreisenden Nato-Kampfbomber die Serben an. Zwei fanden ihr Ziel nicht, die anderen beiden wurden abgeschossen. Am Abend desselben Tages gaben die Holländer auf. "Die Serben haben gewonnen", sagte der niederländische Verteidigungsminister Joris Voorhoeve.

Mladic (l.) und Karremans (Mitte): Ein Toast einen Tag nach den Deportationen
AP

Mladic (l.) und Karremans (Mitte): Ein Toast einen Tag nach den Deportationen

Auch "Dutchbat"-Soldat Verhaegh gibt der Uno und der eigenen Regierung wegen des stark eingeschränkten Einsatzauftrags die Schuld am Desaster auf dem Balkan. "Wir wurden im Stich gelassen. Die Uno hätte uns unterstützen müssen, und unsere Regierung hätte uns besser ausrüsten und eine Ausweitung des Mandats erreichen müssen." So durften die leicht bewaffneten holländischen Soldaten nur über die Köpfe der Aggressoren hinweg schießen - auch, wenn sie von den Serben angegriffen wurden.

Film mit serbischen Gräueltaten verschwunden

Bei ihrer Rückkehr wurden die niederländischen Soldaten noch von Kronprinz Willem Alexander gelobt: "Auch im Namen meiner Mutter will ich Bewunderung für das aussprechen, was sie in Srebrenica geleistet haben." Doch als das ganze Ausmaß der Katastrophe bekannt wurde, begann in den Niederlanden eine Diskussion darüber, wer Schuld am Völkermord von Srebrenica sei.

Sieben Jahre nach dem Gemetzel trat Regierungschef Kok mit seinem Kabinett zurück. Das unabhängige Institut für Kriegsdokumentation (Niod) hatte damals in einer Untersuchung verdeutlicht, wie fahrlässig sich die Politik in das Abenteuer in Bosnien gestürzt hatte und wie unvorbereitet das Militär war. Der Interkonfessionelle Friedensrat kam nach einer Rekonstruktion der Todestage von Srebrenica zu dem Schluss, dass der Genozid hätte verhindert werden können, wenn die niederländische Regierung und die Militärführung vor Ort andere Entscheidungen getroffen und mutiger gehandelt hätten.

Aber auch heute noch gibt es viele Unklarheiten. So verschwand der Film eines niederländischen Soldaten über von ihm beobachtete serbische Gräueltaten bei der Entwicklung. Die Holländer hätten sich mit den Serben verbrüdert und sie insgeheim wegen ihrer straffen militärischen Organisation bewundert. Und immer wieder meldeten sich Muslime zu Wort, die erzählten, was sie in Srebrenica erlebten. So berichtete eine Frau der Zeitung "NRC Handelsblad" über das Verhalten niederländischer Blauhelme bei der Verschleppung ihres Sohnes: "Ich werde das Gesicht dieses Soldaten nie vergessen: Er hat da gestanden und zugeguckt. Aber das Schlimmste war: Er hat gelacht."

Opfer-Angehörige reichten Klage ein

Vor einem Gericht in Den Haag haben Angehörige von Opfern des Genozids nun eine Klage gegen die Niederlande eingereicht. Die Kläger beschuldigen den Staat, nicht alles für die Rettung ihrer Verwandten getan zu haben. Die niederländische Anwältin Liesbeth Zegveld, die die Angehörigen vertritt, glaubt, dass für ein solches Vorgehen ausreichend Beweismaterial vorliegt. Einer der Kläger ist Hasan Nuhanovic, der als Übersetzer für die Uno arbeitete. Er wirft den Niederländern vor, die Blauhelme hätten seinen Bruder mit dem Argument von der Uno-Basis verwiesen, er habe keine eine Identitätskarte der Vereinten Nationen.

"Herinneringen aan Srebrenica"* heißt ein neues niederländisches Buch, das Befragungen von 170 "Dutchbat"-Soldaten über die Erfahrungen in der Enklave und ihren Umgang heute damit enthält. Jet Peekel, eine der Autorinnen: "Einer der Soldaten sagte, dass er erst jetzt, nach zehn Jahren, nicht mehr jeden Tag an Srebrenica denke. 'Aber ein Geräusch, ein Geruch, irgendetwas, das ich in meinen Augenwinkeln sehe, reicht, um mich wieder zu diesen Tagen zurück zu bringen.'"



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