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18. November 2003, 06:10 Uhr

Staatsbesuch

Bush versteckt sich im Buckingham-Palast

Von , London

Heute Abend landet die Air Force One in London. George W. Bush besucht seine treuesten Verbündeten. Doch aus Angst vor Protesten und Anschlägen versteckt sich der US-Präsident im Buckingham-Palast. Mehr als 100.000 Demonstranten sind am Start; die Sicherheitsmaßnahmen sind beispiellos.

London: Die Vorbereitungen für Anti-Bush-Demonstrationen laufen auf Hochtouren
REUTERS

London: Die Vorbereitungen für Anti-Bush-Demonstrationen laufen auf Hochtouren

London - Als der amerikanische Satiriker Michael Moore vergangene Woche in der britischen Hauptstadt sein neues Buch vorstellte, beliebte er zu scherzen. "Ich bin das Vorauskommando unseres Präsidenten. Ich gucke mir hier an", sagte Moore zum Staatsbesuch von George W. Bush in London, "welche Straßen alle gesperrt werden müssen." Dann wurde der weltweit erfolgreiche Bush-Kritiker ernst: "Ich hoffe sehr, dass Hunderttausende Briten gegen ihn auf die Straße gehen werden."

Moore wird nicht enttäuscht werden. Seit Wochen mobilisieren die britischen Kriegsgegner unter dem Motto "Stop Bush" gegen die Visite ihres Hauptfeindes. London ist mit Plakaten und Slogans wie "Ein Killer kommt in die Stadt" oder schlicht "Fuck Bush" überzogen. Demonstranten aus dem ganzen Land werden in die Hauptstadt reisen; die Vereinigung britischer Muslime hat zu Protestaktionen aufgerufen.

Sobald die Air Force One mit dem US-Präsidenten und seiner Gattin Laura an Bord am Dienstagabend auf dem Flughafen in Heathrow gelandet ist und ein Helikopter die Gäste zum Buckingham Palast weitertransportiert, treten Sicherheitsvorkehrungen in Kraft, wie sie London noch nie erlebt hat. Rund 250 schwer bewaffnete amerikanische Agenten und 5000 Bobbys werden Tag und Nacht einen weiträumigen Sicherheitskordon um den Präsidenten ziehen - nicht zuletzt, um dem Gast den Anblick von Demonstranten zu ersparen.

Bei der Vorbereitung war es zu harten Verhandlungen zwischen den Sicherheitsexperten des Weißen Hauses und den Gastgebern, gekommen. So wollten die Amerikaner alle U-Bahnen, die unter Gegenden verkehren, in denen sich Bush aufhalten wird, für zwei Tage schließen lassen. Zudem forderten sie diplomatische Immunität für ihre Scharfschützen, falls die jemand erschießen würden. Beides lehnte das britische Innenministerium schließlich ab. Und die Queen weigerte sich, im Buckingham Palast schusssichere Scheiben einbauen zu lassen.

Ein Sprecher von Downing Street hat zwar erklärt, der Besuch sei eine "wichtige Möglichkeit unsere engen Beziehungen mit einem engen internationalen Partner zu vertiefen", doch in Wahrheit kommt die seit langem geplante Visite für Tony Blair ziemlich ungelegen. "Der Bush-Besuch", so der Politologe Anthony King von der Essex University, "wird die Leute daran erinnern, was sie Blair am meisten übel nehmen, nämlich dass er mit den Vereinigten Staaten im Irak in den Krieg gezogen ist." Und auch für Bush sind Bilder von Massenprotesten im Land seiner besten Freunde bei seinen Bemühungen um eine Wiederwahl im nächsten Jahr nicht gerade hilfreich.

Im Gegensatz zu anderen hochrangigen Staatsgästen auf der Insel hat Bush aus Angst vor Protestierern darauf verzichtet, mit Queen Elizabeth II. in einer Kutsche auf der Mall zu paradieren. Ein ursprünglich geplanter Abstecher nach Schottland wurde ebenfalls gestrichen. Der US-Präsident wird auch nicht - wie Blair bei seinem letzten Besuch in Washington - vor den beiden Kammern des Parlaments sprechen. Als Bush Ende vergangenen Monats vor dem australischen Parlament in Canberra eine Rede hielt, hatten zwei Senatoren der Grünen es gewagt, ihn mit kritischen Fragen nach den Gefangenen von Guantánamo Bay zu unterbrechen.

Während Kriegsgegner der Labour-Fraktion einen Antrag im Unterhaus einbrachten, Bush wieder auszuladen, haben die königlichen Protokollbeamten ein Programm entworfen, bei dem die Öffentlichkeit ausgeschlossen bleibt. Bush wird mit seiner Entourage im ungemütlichen Buckingham Palast untergebracht, dort mit handverlesenen Honoratioren dinieren und sich in Downing Street mit Tony Blair beraten. Hermetisch abgeschirmt wird er am Denkmal für die britischen Opfer des 11. September und dem für die britischen Toten in den beiden Weltkriegen Kränze niederlegen.

Durch solche Feigheit vor dem Feind ermuntert mobilisiert die Stop the War Coalition kräftig für eine alternative Jubel-Parade, zu deren Abschluss eine sechs Meter hohe Bush-Statue auf dem Trafalgar Square aufgestellt und - wie im März das Saddam-Standbild in Bagdad - vom Sockel gestürzt werden soll. Für Mittwoch und Donnerstag ist ein wahrer Reigen aus Demos, Street Partys, Mahnwachen und andere Protestaktionen geplant.

Es sind nicht nur Anarchisten, Radikale und Peaceniks, die Bush zeigen werden, dass er in London nicht willkommen ist. Bürgermeister Ken Livingstone, der bei den Anti-Kriegsdemonstrationen des vergangenen Winters mitmarschierte, hat für den ersten Tag des Staatsbesuchs verdiente Kriegsgegner zu einem "Friedensempfang" ins Rathaus eingeladen.

Die Schüler etwa, die im März, als der Krieg begann, den Parliament Square lahm legten, wollen sich wieder unter dem Big Ben treffen. Das Weiße Haus besteht dagegen darauf, dass das gesamte Regierungsviertel Whitehall und die Umgebung des Buckingham Palasts "sterile", das heißt demonstrationsfreie, Zonen sein müssten.

Wie wichtig Bush den Besuch bei Blair nimmt, zeigt schon, dass er sowohl Außenminister Colin Powell als auch seine Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice mitbringt. Hauptthema der Konsultationen wird die schwierige Frage sein, wie die beiden Regierungen so schnell und verlustarm wie möglich ihre Truppen aus dem Irak abziehen können.

Sämtliche Freundschaftsbeteuerungen im Vorfeld des Besuchs können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die von Winston Churchill begründete "besondere Beziehung" zwischen dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten seit dem Feldzug im Irak merklich abgekühlt ist. Seit Blair eine vage Zusage für eine britische Beteiligung beim Aufbau von EU-Streitkräften gab, gilt der den Falken in Washington als unsicherer Kantonist. In den US-Medien, die den Briten-Premier seit dem 11. September 2001 emphatisch als besten Freund Amerikas feierten, wird er mittlerweile als gezeichneter Mann porträtiert, der durch den Irak-Krieg unwiderruflich beschädigt ist.

Auf englischer Seite wächst hingegen die Frustration über die Besatzungsstrategie der Amerikaner im Irak. "Die britische Regierung und das Militär", so der Londoner Publizist Max Hastings, "verbergen nur mit Mühe ihre Wut auf Bushs Leute." In einer aktuellen Meinungsumfrage stimmte nur ein Fünftel Bushs Irak-Politik zu. Die Mehrheit dagegen meinte, dass Großbritannien die besondere Beziehung schade.

Was die Bush-Gegner besonders in Wut versetzt: Die Londoner Polizeiführung will sie den amerikanischen Wünschen entsprechend aus dem Regierungsviertel Whitehall aussperren - und garantiert damit Chaos-Tage. Der Verkehr wird zusammenbrechen und die Stadt zum Stillstand kommen.

"Aber das würde keinen Unterschied machen", meint Michael Moore. "In London bricht der Verkehr auch ohne Bush ständig zusammen."

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