Staatsbesuche in Libyen Wettlauf nach Tripolis

In der libyschen Hauptstadt wird es eng: Frankreichs Präsident Sarkozy und der britische Premier Cameron haben sich offenbar kurzfristig zum Blitzbesuch in Tripolis angekündigt. Auch der türkische Regierungschef Erdogan will sich am Donnerstag mit den neuen Machthabern treffen.

Nicolas Sarkozy und David Cameron: Treffen mit Übergangsrat geplant
AFP

Nicolas Sarkozy und David Cameron: Treffen mit Übergangsrat geplant


Paris/London - Das Gaddafi-Regime ist Vergangenheit, jetzt beginnt das Buhlen um die Freundschaft mit den neuen Machthabern in Libyen. Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy und der britische Premier David Cameron wollen am Donnerstag übereinstimmenden Angaben zufolge nach Libyen reisen. In der Hauptstadt Tripolis sei ein Treffen mit Vertretern des Nationalen Übergangsrates geplant, wie mehrere Quellen in Paris der Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch bestätigten.

Es wäre der erste Besuch westlicher Staats- und Regierungschefs in Libyen seit der Entmachtung von Muammar al-Gaddafi im August. Cameron und Sarkozy würden vom französischen Publizisten Bernard-Henri Lévy begleitet, der die Kontakte zwischen Sarkozy und dem Übergangsrat der Rebellen eingefädelt hatte, schreibt lemonde.fr.

London und Paris waren die Hauptinitiatoren des Libyen-Einsatzes. Eine offizielle Erklärung zu der Reise gab es zunächst nicht. "Wir können das nicht bestätigen", hieß es von Regierungsseite in London. "Wir werden zu diesem Thema keinen Kommentar abgeben." Sarkozy hat bereits mehrfach davon gesprochen, dass er nach Libyen reisen wolle, sobald es die Lage dort erlaube.

Die undiplomatische Eile hat gute Gründe: Nachdem vor allem die Pariser Diplomatie den Ausbruch des "Arabischen Frühlings" in Tunesien und Ägypten verschlafen hatte, will sich der Präsident nicht noch einmal im geografischen Vorgarten jenseits des Mittelmeers ausbooten lassen. Sarkozy, der noch während der Kämpfe in Libyen Vertreter der Rebellen im Élysée empfing und am 20. April den Chef des Übergangsrates Mustafa Abd al-Dschalil in Paris begrüßte, will jetzt in Bengasi und in der Hauptstadt den Erfolg seiner Initiative einheimsen.

Zum einen als weltgewandter Staatsmann, der, so die Tageszeitung "Le Parisien", seine Botschaft "über die Wahl der Demokratie und die Ablehnung der islamischen Gefahr" verbreiten will. Zum anderen, weil Frankreich auf lukrative Aufträge für die Pariser Erdölmultis setzt oder gar auf langfristige exklusive Bohrrechte. Denn ihre Libyen-Initiativen dürften die Staaten auch mit wirtschaftlichen Interessen verbinden. Der Übergangsrat will bei der Vergabe von Aufträgen für den Wiederaufbau vor allem Länder berücksichtigen, die den Krieg gegen den langjährigen Diktator Gaddafi intensiv unterstützt haben.

Erdogan kündigt Besuch an

Und das weckt Begehrlichkeiten. Nicht nur die westlichen Mächte haben sich in Tripolis angekündigt. Auch der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wird dort am Donnerstag erwartet. Er hatte zuvor bereits Station in Tunesien und Ägypten gemacht. Mit seinen Besuchen in den drei Ländern, die sich im "Arabischen Frühling" von langjährigen Machthabern befreit haben, will Erdogan den Einfluss der Türkei in der Region ausweiten.

Lange hatte auch Ankara die Beziehungen zu Ghaddafi gepflegt, weil türkische Baukonzerne von lukrativen Aufträgen aus Tripolis profitiert hatten. Jetzt will Erdogan die Verträge aus der Diktatur in die Ära nach der Diktatur hinüberretten - und bietet dafür Unterstützung und Investitionen.

Bei dem Rennen um die Gunst der neuen Herren hält Frankreich offenbar noch die Pole-Position. Nach Angaben der französischen Polizei sollten 160 Beamte in Vorbereitung auf den Besuch von Sarkozy und Cameron nach Tripolis fliegen, um dort mehrere Orte zu sichern. Die Rede war unter anderem von einem Hotel und einem Krankenhaus. Die Männer der "Compagnie Républicaine de Sécurité" haben sich freiwillig für den Einsatz gemeldet und sollen offenbar in Zivil auftreten - die Waffen, so heißt es, würden per Frachtflugzeug nach Libyen geschafft. Den Beamten wurde gesagt, sie würden am Freitag zurückfliegen.

Französischen Medienberichten zufolge könnten Sarkozy und Cameron zudem in die ostlibysche Stadt Bengasi reisen, die während des monatelangen Aufstandes gegen Machthaber Gaddafi eine Hochburg der Rebellen war. Die französische Polizei wollte einen Sicherungseinsatz auch in Bengasi nicht ausschließen.

Auch die USA hatten zuletzt ihre Libyen-Aktivitäten verstärkt. Ein hoher Gesandter der US-Regierung war am Mittwoch in Tripolis. Bei einem ersten Besuch in der libyschen Hauptstadt erklärte der Abteilungsleiter für den Nahen Osten, Jeffrey Feltman, die unkontrollierte Verbreitung von Waffen aus den Beständen des zerfallenen Gaddafi-Regimes sei die Hauptsorge. Die USA hätten bereits Experten vor Ort, die mit der Militärführung des libyschen Übergangsrates zusammenarbeiten würden, um gefährliche Waffen wie tragbare Luftabwehrraketen wieder einzusammeln und zu sichern.

ler/dpa/AFP



insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
OneLifeOnly 14.09.2011
1. Papamobil
Zitat von sysopIn der libyschen Hauptstadt wird es eng: Frankreichs Präsident Sarkozy und der britischen Premier Cameron haben sich offenbar kurzfristig zum Blitzbesuch in Tripolis angekündigt. Auch der türkische Regierungschef Erdogan will sich mit den neuen Machthabern treffen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,786327,00.html
Habe mich schon immer gefragt ob ein Papamobil Raketenbeschuss verträgt. Aber wahrscheinlich ist der Artikel eine Ente bzw. die Helden aus dem Westen lassen Tripoli links liegen.
prophet46 14.09.2011
2. Neuer Kolonialismus?
Zitat von sysopIn der libyschen Hauptstadt wird es eng: Frankreichs Präsident Sarkozy und der britischen Premier Cameron haben sich offenbar kurzfristig zum Blitzbesuch in Tripolis angekündigt. Auch der türkische Regierungschef Erdogan will sich mit den neuen Machthabern treffen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,786327,00.html
Die werden jetzt die "Friedensdividende" einfordern. Sarko soll sich ja bereits im April 35 % der libyschen Ölausbeute gesichert haben. So machen Kriege Spass: Nur aus der Luft beteiligt und nachher dafür schön absahnen. Wir dummen Deutschen erarbeiten uns unseren Wohlstand selber.
ilytch 14.09.2011
3. schön....
Zitat von OneLifeOnlyHabe mich schon immer gefragt ob ein Papamobil Raketenbeschuss verträgt. Aber wahrscheinlich ist der Artikel eine Ente bzw. die Helden aus dem Westen lassen Tripoli links liegen.
....aber wenn die mal bei allem so engagiert wären.
moliebste 14.09.2011
4. TNC geht nicht nach Tripolis
Das Pflaster von Tripolis ist für den NTC zu heiß. af.reuters.com meldet soeben, dass der TNC seinen geplanten Umzug nach Tripolis abgesagt hat und auf einen unbestimmten Zeitpunkt bis zur vollständigen "Befreiung" Libyens zurückgestellt hat. Also auf den Sankt Nimmerleins Tag.
YaseminKoc 14.09.2011
5. Peinliche Nachahmung der EU Politiker!
Zitat von sysopIn der libyschen Hauptstadt wird es eng: Frankreichs Präsident Sarkozy und der britischen Premier Cameron haben sich offenbar kurzfristig zum Blitzbesuch in Tripolis angekündigt. Auch der türkische Regierungschef Erdogan will sich mit den neuen Machthabern treffen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,786327,00.html
Das ist ja mehr als peinlich :) Die beiden Herren hätten natürlich auch einige Tage zuvor oder einige Tage danach kommen können, aber neeeeeiiiiiin, man muss an dem Tag gehen, wenn Erdogan da ankommt. Es könnte ja sein, dass Erdogan wirtsch. Verträge abschließt, was eigentlich doch für die EU bestimmt war. Schließlich war doch die ganze Militäraktionen gegen Ghaddafi keine Hilfe sondern eine geldbringende Investition. Erdogan hatte seinen Besuch schon Monate zuvor angekündigt. Kaum fängt er mit seiner Reise an und erntet von dem arabischen Volk Beifall und Jubell, da lassen schon Sarkozy und Cameron lassen das brennende Haus (EU) stehen und liegen und flitzen nach Libyen. Anscheinend bekommen die Herren in der EU doch ganz schön Magengrummeln und müssen neidvoll anerkennen, dass die Türkei nicht nur jetzt schon zu der sechsgrößten Wirtschaftsmacht in Europa zählt, sondern bald vielleicht mit den arabischen Ländern zusammen mit ganz Europa aufnehmen kann. Hier ein Zitat von der Europaminister Egemen Bagis, über die Bedeutung der Türkei für die EU "Diese Staaten (Montenegro, Serbien, Bosnien) brauchen die EU mehr als wir. Wir wären jetzt schon die sechstgrößte Wirtschaftsmacht in Europa. Es gibt ein paar politische Führer in Europa, die keine Visionen für die Zukunft Europas haben und die Causa Türkei für ihre innenpolitischen Zwecke missbrauchen. Aber man muss unser Potenzial sehen. Europa braucht die Türkei Tag für Tag mehr als wir die EU brauchen. Wir haben 2011 mehr Jobs geschaffen als in der gesamten EU zuvor verloren gegangen waren. Unsere Wirtschaft wuchs im ersten Quartal 2011 um mehr als elf Prozent. 70 Prozent der Energie, die Europa braucht, liegen in unserer Nachbarschaft. Ihr braucht uns, um Zugang dazu zu haben. Und ihr braucht uns, um euer Pensionssystem aufrechtzuerhalten." http://kurier.at/nachrichten/4151040.php
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.