Stadtplanung in Istanbul Die Geschichte der Roma wird einfach weggebaggert

Von , Istanbul

2. Teil: Sulukule ist älter als Istanbul


Auf den Plänen der Gemeinde sehen die künftigen Bauten aus wie Villen, mit Swimmingpool und Garage. "Wozu bräuchten wir Parkplätze?", fragt Ferdin Davaroglu. "Hier haben mehr Leute Esel als ein Auto." "Und warum stellt der Bürgermeister sein Projekt auf Immobilienmessen vor?" Davaroglu formt seine Hände zu einem Revolver. "Die Politiker belügen uns. Sie wollen uns Roma hier raus haben."

Tatsächlich liegt Sulukule in Fatih, dem konservativsten Stadtteil Istanbuls. Die Roma gelten den Gläubigen hier als Menschen ohne Moral, als Zuhälter und Sklavenhalter. In Büchern des türkischen Erziehungsministeriums werden sie als Diebe und Wucherer beschrieben, sie seien "schmutzig und primitiv, sie stehlen Kinder und verkaufen sie, und ihre Frauen gehen auf den Strich".

Dabei ist Sulukule älter als Istanbul. Vor tausend Jahren berichteten byzantinische Schreiber erstmals von dem Volk, das sich in schwarzen Zelten an dem gewaltigen Wall des Kaisers Theodosius II. niedergelassen hat. Als Musiker und Magier, Pferdehändler und Bärenführer verdienten die Roma ihr Geld. Für byzantinische Kaiser und Sultane haben sie musiziert, und später auch für Atatürk.

Bis in die neunziger Jahre fiel der Istanbuler Geldadel nach Mitternacht in Sulukules Kneipen ein. In den "Vergnügungshäusern" des Viertels musizierten die Männer und tanzten die Frauen. Die Kunden staunten und aßen und tranken und zahlten. Die Stadtoberen aber witterten Unmoral – und so schickten sie Mitte der Neunziger Istanbuls berüchtigtsten Polizeichef "Schlauch-Süleyman" nach Sulukule. Süleyman peinigte seine Opfer in Verhören mit einem Gartenschlauch; die Vergnügungshäuser mussten schließen und mit Sulukule ging es bergab.

Spekulanten verdienen an der Angst der Bewohner

Nun droht Sulukule der letzte Stoß. "Die Politiker nennen es Entwicklung, doch für uns bedeutet es das Ende", sagt Ferdin Davaroglu . Rund 20.000 Euro zahlt die staatliche Wohnbaugesellschaft den Roma für ein Haus. Wer nicht verkauft, muss damit rechnen, am Ende ohne Heim und ohne Geld dazustehen. Sulukule ist zum Spielplatz für Spekulanten geworden. Immobilienmakler bieten den Menschen in Sulukule doppelt so viel für ihre Häuser wie die Stadt – in der Hoffnung sie später für den zehnfachen Preis weiter verkaufen zu können.

"Der Makler stellte mir 40.000 Euro in Aussicht. Also habe ich verkauft", erzählt Hüseyin Atasyar, 53. Wie er handeln viele. Sie glauben nicht mehr daran, den Abriss Sulukules noch aufhalten zu können – und geben sich deshalb mit einer Abfindung zufrieden.

Hüseyin Atasyar sitzt an einem Holztisch im Neonlicht des Teehaus von Sulukule. "Nichts hat es mir gebracht, gar nichts!", ruft er. "Sulukule zu verlassen, war der größte Fehler meines Lebens."

Hüseyin wurde in der neuen Umgebung nicht glücklich. Anders als in Sulukule durfte der Kutscher in Tasoluk, seinem neuen zu Hause, seine Pferde nicht vor seiner Wohnung abstellen. "Zigeuner, deine Pferde stinken, und du stinkst auch!", riefen die Nachbarn. Freunde fand Hüseyin in Tasoluk keine. Und so kommt der Kutscher weiter jeden Tag nach Sulukule. "So lange ein Haus steht", sagt er, "werde ich um Sulukule kämpfen."



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