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Stadtplanung in Istanbul: Die Geschichte der Roma wird einfach weggebaggert

Von , Istanbul

Sie haben für römische Kaiser aufgespielt und für Atatürk: Seit 1000 Jahren leben die Roma im Istanbuler Stadtteil Sulukule. Doch jetzt kämpfen seine Bewohner einen verzweifelten Kampf gegen Stadtplaner, Bulldozer und Spekulanten.

Istanbul - Die Nacht war finster in Sulukule und der Morgen fahl. Die Bulldozer kamen mit dem ersten Ruf des Muezzins. Wie Panzer rollten sie voran, erzählt Ferdin Davaroglu, wie Donner dröhnten ihre Motoren. "Ich wusste, von nun an sind sie nicht mehr aufzuhalten."

Ferdin Davaroglu knetet eine hölzerne Gebetskette. Er lässt sie von seiner linken Hand in die rechte wandern. Er legt den Kopf schief. "Sie müssen uns schon erschießen, lebend kriegen sie uns nicht hier raus."

Davaroglu, Pullover-Verkäufer, 40 Jahre alt, wohnt im Istanbuler Stadtteil Sulukule, dem ältesten Roma-Viertel der Welt. Seit 1000 Jahren leben und musizieren Roma hier. Sie schlugen ihre Zelte auf, da war Istanbul noch nicht türkisch. Von Sulukule schwärmten die Roma aus nach Europa. Doch nun soll das Viertel abgerissen werden. Die Stadtverwaltung will Platz schaffen für teure Apartments und Boutiquen.

20 Häuser mussten den Bulldozern schon weichen

"Eine jahrhundertealte Kultur steht auf dem Spiel", sagt Neze Ozan. Die Bürgerrechtlerin setzt sich gemeinsam mit Istanbuler Anwälten, Architekten und Künstlern für den Erhalt des Roma-Viertels ein. "Wenn Sulukule stirbt, stirbt ein Teil unserer Geschichte", sagt sie.

20 Häuser hat die Stadtverwaltung seit Mai vergangenen Jahres abreißen lassen, Hunderte weitere sollen folgen. Ferdin Davaroglu schlurft durch die leeren Straßen Sulukules, sein Gang ist gebückt, seine Arme baumeln an seinem Körper. "Menschen lebten hier, schöne Menschen", sagt er. "Die Kinder spielten in den Gassen, die Weiber trugen flatternde Tücher und schillernde Ohrringe." Davaroglu seufzt. "Heute lacht und singt und tanzt niemand mehr in Sulukule. Die Menschen haben Angst. Sie fürchten um ihre Existenz."

Auf die Wellblechdächer der verzogenen Hütten trommelt der Regen. Von der ersten Abrisswelle sind Gerippe aus Stein geblieben – Häuser ohne Wände, ohne Türen, ohne Dächer. "Die Politiker wollen Sulukules Bürger einschüchtern", sagt Neze Ozan.

Aus Protest haben sie 40 Tage und Nächte musiziert

Sie hat einen Verein gegründet, den "Verein zur Rettung Sulukules". Ozan und ihre Mitstreiter haben den Protest auf die Straße getragen. 40 Tage und 40 Nächte lang haben sie musiziert und demonstriert. "Wir haben nicht aus Freude gespielt, sondern aus Wut", sagt Ozan. An Istanbuler Zeitungen hat sich der Verein gewandt und an die Vereinten Nationen.

Doch die Stadtverwaltung zeigt sich unbeeindruckt. Gegenwärtig ruhen die Bagger, aber spätestens im Frühjahr sollen die Arbeiten wieder aufgenommen werden. Die regierende AKP treibt die Stadterneuerung im ganzen Land voran. Im Jahr 2005 hat sie ein Gesetz verabschiedet, das es den Kommunen erlaubt, Viertel niederzureißen, wenn es einem höheren städtebaulichen Interesse dient.

Das Gesetz kommt Istanbuls Oberbürgermeister Kadir Topbas, neben Premier Erdogan einer der mächtigsten Vertreter der AKP, gerade recht. Zwar hat die Unesco die Wälle, die Sulukule umschließen, schon vor Jahren zum Weltkulturerbe ernannt, aber, so argumentiert Topbas, der Neubau Sulukules ist Teil eines viel größeren Projekts: In der historischen Altstadt, die von der Hagia Sofia bis zu den Wällen Sulukules reicht, soll das Osmanische Reich wieder auferstehen. Mächtige Paläste will Topbas bauen und neue Holzhäuser im "osmanischen Stil".

3500 Menschen werden umgesiedelt

Dass sich ihr Viertel mit der Idee der "Museumsstadt" nicht verträgt, haben die Roma aus der Zeitung erfahren, und auch dass der Abriss ihrer Häuser schon kurz bevor steht. Wohnungsbesitzer sollen enteignet werden, Mieter müssen sich eine neue Bleibe suchen – am besten am Stadtrand. 3500 Menschen sind von den Umsiedlungsplänen betroffen.

"Wo sollen wir leben? Uns will doch niemand", sagt Ferdin Davaroglu. Die Tür zum Teehaus quietscht, als er sie öffnet. Zigarettenrauch steht in der Luft. Davaroglu setzt sich zu vier alten Männern an den Tisch. "In Sulukule hilft jeder jedem", sagt er, "draußen können wir nicht überleben."

Fast ein Drittel der Menschen in Sulukule lebt von weniger als 150 Euro im Monat. Viele kommen nur über die Runden, weil Nachbarn und Verwandte sie unterstützen. Sie zerren von dem wirtschaftlichen Mikrokosmos, der sich in Sulukule gebildet hat. "Nur hier kann ich zum Händler sagen: ‚Bruder, ich bezahle später'", erzählt Davaroglu. "Wo sonst in Istanbul bekomme ich Butter, Eier, Käse für einen halben Euro? Wo finde ich eine Wohnung für 50 Euro?

Selbst das Europaparlament befasst sich mit den Plänen

Der "Fall Sulukule" beschäftigt mittlerweile sogar das Europaparlament. Im November trugen Sulukules Roma ihr Anliegen in Brüssel vor, Bezirksbürgermeister Mustafa Demir verteidigte die Interessen der Stadt.

"Der Umbau Sulukules ist das sozialste Projekt überhaupt, ein Geschenk Gottes", sagt Demir. "Die Hütten in Sulukule sind alt, schmutzig und baufällig. Wir bauen neue, bessere, größere Häuser für die Menschen in Sulukule." Und teurer. Die neuen Häuser werden ein Vielfaches von dem kosten, was die alten wert sind. "Das ist Wahnsinn", sagt Bürgerrechtlerin Ozan. "Wie sollen die Roma ihre Häuser je zurückkaufen?" Sie können Kredite aufnehmen, sagt der Bürgermeister. Ozan sagt, die Menschen hätte schon jetzt weder Geld noch Arbeit.

"Das Projekt dient einzig und allein dem Wohl der Menschen von Sulukule", beteuert auch Oberbürgermeister Kadir Topbas. Doch glauben will ihm das in Sulukule niemand.

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Istanbul: Streit um den Abriss des Roma-Viertels


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