Protest gegen Milizen Stadtrat von Tripolis ruft dreitägigen Generalstreik aus

Einst hatten alle zusammen gegen Gaddafi gekämpft. Inzwischen geht es eher um die eigenen Interessen. Ehemalige "Revolutionsbrigaden" sind für Libyen zum ernsten Problem geworden. Das Land treibt in die Anarchie. Allein in den vergangene Tagen gab es Dutzende Tote.

Beerdigung der Opfer der Misurata-Miliz: "Zeichen der Trauer und der Solidarität"
DPA

Beerdigung der Opfer der Misurata-Miliz: "Zeichen der Trauer und der Solidarität"


Istanbul/Tripolis - Aus Protest gegen die Gewalteskalation durch die Milizen in Tripolis hat der Stadtrat der libyschen Hauptstadt ab Sonntag einen dreitägigen Generalstreik ausgerufen. Der Streik sei ein "Zeichen der Trauer und der Solidarität" mit den Angehörigen der Todesopfer, hieß es in einer Erklärung vom Samstagabend. Stadtratspräsident Sadat al-Badri kündigte eine "Kampagne des zivilen Ungehorsams" an, "bis diese Milizen abziehen".

Den Zündfunken für die heftigen Gefechte lieferte ein Protestzug gegen Gewalt am vergangenen Freitag. Nach etlichen Schießereien, Entführungen und Erpressungen hatten Bürger von Tripolis einen Schlussstrich ziehen wollen. Sie forderten, dass Milizen, die sich nicht unter das Kommando des Staates begeben haben, ihre Quartiere in der libyschen Hauptstadt räumen sollten. "Wir wollen eine Armee", skandierten die Demonstranten, eine Streitkraft also, die weder von bestimmten Stämmen noch von einzelnen Städten beherrscht wird, sondern neutral den gesamten Staat vertritt. "Tripolis soll sicher sein und frei von Waffen", riefen sie.

Als die Demonstranten das Hauptquartier einer Miliz im Stadtteil Gharghur passierten, eröffneten schwerbewaffnete Schergen das Feuer. Zunächst schossen sie in die Luft, dann in die Menschenmenge. Die vorläufige Bilanz: mindestens 43 Tote und mehr als 460 Verletzte. Nach Berichten der Agentur Lana gaben Politiker aus Misurata der Stadtverwaltung in Tripolis die Schuld an dem Blutbad. Die Behörden hätten die Demonstranten auf andere Plätze lenken sollen und nicht zulassen sollen, dass der Marsch zum Hauptquartier der Brigade geht, hieß es.

Wiederholte Gewaltausbrüche

Die Miliz, die in Tripolis als "Wächterin der Revolution" für ihre Interessen eintritt, stammt aus der Stadt Misurata. Sie gehört zu den wichtigen in dem nordafrikanischen Land und sieht sich als Schutzmacht gegen Kräfte des alten Regimes. Am Samstag lieferte sie sich an einer Zufahrtsstraße nach Tripolis neue Kämpfe mit einer Brigade, die mit der Armee zusammenarbeitet. Erneut wurden sechs Menschen getötet und Dutzende verletzt.

Einen ähnlichen Gewaltausbruch wie in Tripolis gab es in Libyen schon vor einigen Monaten. Im Juni starben in der östlichen Hafenstadt Bengasi mehr als 30 Menschen bei Zusammenstößen mit Kämpfern, als Demonstranten vor dem Stützpunkt der örtlichen "Schutzschild"-Miliz deren Auflösung forderten. Viele "Revolutionsbrigaden", die im Kampf gegen Machthaber Muammar al-Gaddafi stark wurden, wollen sich bis heute weder entwaffnen noch in den staatlichen Sicherheitsapparat eingliedern lassen.

Lange hat die libysche Regierung dem Treiben der zugeschaut. Schließlich hatte man 2011 - ausgestattet mit Waffen aus dem Westen - noch gemeinsam gegen Gaddafi gekämpft. Als im Mai dieses Jahres Milizionäre das Parlament mit der Blockade zweier Ministerien zwangen, ein Gesetz zu verabschieden, das die Funktionäre aus der Zeit Gaddafis von politischen Ämtern ausschließt, versicherte Ministerpräsident Ali Seidan ihnen noch, dass ihre Ansicht respektiert werde.

Doch im Oktober wurde der Regierungschef selbst Opfer von Milizen: Kämpfer, die dem sogenannten revolutionären Operationszentrum angehörten, verschleppten ihn und hielten ihn mehrere Stunden fest. Sie wollten seinen Rücktritt erzwingen. Nachdem er wieder freigekommen war, sagte Seidan den bewaffneten Gruppen den Kampf an.

mik/dpa

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nightwarrior 17.11.2013
1. Gescheiterter Staat
Gaddafi war kein Klosterschüler, aber er hatte seinen Laden im Griff. Weil er aber den anglo-amerikanischen Ölkonzernen den Zugang zum lybischen Öl und Gas verweigerte und dann auch noch die "Frechheit" besaß, mit dem russischen Gazprom-Konzern einen Exklusivvertrag abschließen zu wollen, mußte er weg. Resultat der NATO-Terror-Operation. ein gescheiterter Staat, bei dem sich anglo-amerikanische und französische Ölkonzerne zu günstigen Konditionen die Bodenschätze unter den Nagel gerissen haben. Was sonst im Land geschieht ist unwichtig. Die Öl- und Gasfelder kann man notfalls mit Söldnertruppen absichern.
Hermes75 17.11.2013
2.
Zitat von nightwarriorGaddafi war kein Klosterschüler, aber er hatte seinen Laden im Griff. Weil er aber den anglo-amerikanischen Ölkonzernen den Zugang zum lybischen Öl und Gas verweigerte und dann auch noch die "Frechheit" besaß, mit dem russischen Gazprom-Konzern einen Exklusivvertrag abschließen zu wollen, mußte er weg. Resultat der NATO-Terror-Operation. ein gescheiterter Staat, bei dem sich anglo-amerikanische und französische Ölkonzerne zu günstigen Konditionen die Bodenschätze unter den Nagel gerissen haben. Was sonst im Land geschieht ist unwichtig. Die Öl- und Gasfelder kann man notfalls mit Söldnertruppen absichern.
Gaddafi war ein übler Despot, der sich mit Gewalt and die Macht geputscht und das Land über 40 Jahre systematisch zu seinem Privateigentum gemacht hat. Die Libyer hatten von seinem angeblichen "Sozialismus" nach 40 Jahren die Schnauze voll und haben revoltiert. Gaddafi hat versucht den Aufstand u.a. mit seinen eigenen Söldnern niederzuschlagen, was ihm vermutlich auch gelungen wäre, hätte die NATO nicht im letzten Moment eingegriffen. Wo da ein "Plan" hinter gesteckt haben soll, bleibt wohl Ihr Geheimnis. Gaddafi hat übrigens auch gefordert die Schweiz aufzulösen (die Schweizer hatten tatsächlich die Frechheit seinen schwerkriminellen Sohnemann daran zu erinnern, dass Sklaverei in der Schweiz verboten ist) und gegen Zahlung von nur 5 Mrd. € wäre Gaddafi auch gnädigerweise bereit gewesen das Mittelmeer-Flüchtlingsproblem für die EU zu "lösen". Sie können sich ja mal ausmalen wie Ihr "Klosterschüler" diese Sache "in den Griff" bekommen hätte... Ich finde die Toten von Tripolis tragisch, aber die Ereignisse zeigen wie stark der Willen der Libyer ist ihr Leben selbst zu bestimmen. Die sind bereit dafür ihr Leben zu riskieren und hier sitzen irgendwelche Sesselpupser, die immer noch davon faseln wie gut die Libyer es doch unter Gaddafi hatten.
jalu-2008 17.11.2013
3. Erfundene Geschichten
Zitat von nightwarriorGaddafi war kein Klosterschüler, aber er hatte seinen Laden im Griff. Weil er aber den anglo-amerikanischen Ölkonzernen den Zugang zum lybischen Öl und Gas verweigerte und dann auch noch die "Frechheit" besaß, mit dem russischen Gazprom-Konzern einen Exklusivvertrag abschließen zu wollen, mußte er weg. Resultat der NATO-Terror-Operation. ein gescheiterter Staat, bei dem sich anglo-amerikanische und französische Ölkonzerne zu günstigen Konditionen die Bodenschätze unter den Nagel gerissen haben. Was sonst im Land geschieht ist unwichtig. Die Öl- und Gasfelder kann man notfalls mit Söldnertruppen absichern.
Bevor Sie noch mehr solcher Geschichten erfinden, das sind die Konzessionen von 2011. Alle westlichen Ölfirmen sind bereits im Geschäft, der große Teil seit den 60er Jahren. Libyen hätte es ohne westliche Hilfe nicht zur Öl-Supermacht gebracht.
jalu-2008 17.11.2013
4. Konzessionen 2011
Zitat von nightwarriorGaddafi war kein Klosterschüler, aber er hatte seinen Laden im Griff. Weil er aber den anglo-amerikanischen Ölkonzernen den Zugang zum lybischen Öl und Gas verweigerte und dann auch noch die "Frechheit" besaß, mit dem russischen Gazprom-Konzern einen Exklusivvertrag abschließen zu wollen, mußte er weg. Resultat der NATO-Terror-Operation. ein gescheiterter Staat, bei dem sich anglo-amerikanische und französische Ölkonzerne zu günstigen Konditionen die Bodenschätze unter den Nagel gerissen haben. Was sonst im Land geschieht ist unwichtig. Die Öl- und Gasfelder kann man notfalls mit Söldnertruppen absichern.
Link hatte ich vergessen: Map of Foreign oil concessions in Libya | William Bowles.info (http://williambowles.info/2011/03/25/map-of-foreign-oil-concessions-in-libya/)
David67 17.11.2013
5. Hernes: Na dann wollen wir mal sehen,
Zitat von Hermes75Gaddafi war ein übler Despot, der sich mit Gewalt and die Macht geputscht und das Land über 40 Jahre systematisch zu seinem Privateigentum gemacht hat. Die Libyer hatten von seinem angeblichen "Sozialismus" nach 40 Jahren die Schnauze voll und haben revoltiert. Gaddafi hat versucht den Aufstand u.a. mit seinen eigenen Söldnern niederzuschlagen, was ihm vermutlich auch gelungen wäre, hätte die NATO nicht im letzten Moment eingegriffen. Wo da ein "Plan" hinter gesteckt haben soll, bleibt wohl Ihr Geheimnis. Gaddafi hat übrigens auch gefordert die Schweiz aufzulösen (die Schweizer hatten tatsächlich die Frechheit seinen schwerkriminellen Sohnemann daran zu erinnern, dass Sklaverei in der Schweiz verboten ist) und gegen Zahlung von nur 5 Mrd. € wäre Gaddafi auch gnädigerweise bereit gewesen das Mittelmeer-Flüchtlingsproblem für die EU zu "lösen". Sie können sich ja mal ausmalen wie Ihr "Klosterschüler" diese Sache "in den Griff" bekommen hätte... Ich finde die Toten von Tripolis tragisch, aber die Ereignisse zeigen wie stark der Willen der Libyer ist ihr Leben selbst zu bestimmen. Die sind bereit dafür ihr Leben zu riskieren und hier sitzen irgendwelche Sesselpupser, die immer noch davon faseln wie gut die Libyer es doch unter Gaddafi hatten.
wann L den gleichen Lebenstandard wie unter Gaddafi hat, in 20 oder 50 Jahren? Sie haben es immer noch nicht begriffen: Es gab keine Revolution in L, das war eine Zeeitungsnete- es gab einen Bürgerkrieg, angezettelt von den Oststämmen, den Gaddafi mit Sicherheit gewonnen hätte,der aber mit NATO-Bomben entschieden wurde. Nehmen wir mal für einen Moment an, wir hätten eine Demokratie und freie Wahlen in L und Gaddafis Sohn würde kandideiren: wieviel Prozent würde er bekommen, 40 oder 50 - ich denke , er könnte gewinnen.
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