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Stahlpalisade an der Grenze: Gazas Schmuggelkönige tunneln Ägyptens Bollwerkbauer

Aus Rafah berichtet Ulrike Putz

Eine Stahlwand, die 20 Meter tief in den Erdboden reicht - so will Ägypten die Schmuggeltunnel in den Gaza-Streifen kappen. Die Barrikade entsteht auf Druck der USA und Israels und soll den Waffenhandel der Hamas stoppen. Doch die Tunnelbauer haben bereits Gegenstrategien entwickelt.

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Gaza-Streifen: Schmuggel unter Lebensgefahr
Abu Rami hat eine Dachterrasse mit Ausblick auf einen Krisenherd: Der 60-Jährige überblickt die gesamten 14 Kilometer der Grenze zwischen dem Gaza-Streifen und Ägypten, in der Ferne glänzt das Mittelmeer. Die Szenerie, auf die der palästinensische Arzt tagaus, tagein blickt, ist unwirklich: Zwischen seinem Haus und der etwa 300 Meter entfernten Grenze zu Ägypten drängen sich zwischen Hügeln roter Erde Tausende Gewächshäuser. Sie stehen über den Eingängen zu Schmuggeltunneln, von denen einige groß genug sind, dass Kälber durch sie getrieben werden können.

Durch diese Verbindungen wird der Gaza-Streifen seit Sommer 2007 versorgt. Damals hat Israel nach der Machtübernahme der Hamas seine Grenzen zum Nachbarn fast durchgehend geschlossen. Im Gaza-Krieg vor einem Jahr bombardierten israelische Kampfjets die Schächte, durch die auch die Waffen der Hamas transportiert werden. Doch der Versuch, dem unterirdischen Treiben ein Ende zu bereiten, missglückte. Die Schmuggler waren schnell wieder zurück, der Handel mit Waren und Waffen bald wieder schwunghaft wie vor dem Krieg.

Seit etwa einem Monat beobachtet Abu Rami verstärkte Aktivitäten auf der ägyptischen Seite der Grenze. Kräne und Rammen werden aufgefahren, Arbeiter treiben Stahlplanken in den weichen Boden. Der Maschinenlärm dröhnt bis zur Dachterrasse hoch: Nach langem Zögern hat sich Kairo anscheinend entschlossen, Ernst zu machen. Mit einer bis zu 30 Meter tief ins Erdreich versenkten Palisade will es die Tunnel und damit den Warenfluss in den Gaza-Streifen kappen.

Die Herrscher über Gaza fürchten, dass sie auf diese Weise ausgehungert werden sollen. "Der Westen setzt darauf, dass die Menschen gegen ihre Regierung meutern, wenn das Elend ins Unermessliche steigt", sagt ein hoher Hamas-Vertreter in der Grenzstadt Rafah.

Noch läuft der Handel unter Tage fast ungehindert, an den Tunnelausgängen zu Fuße von Abu Ramis Dachterrasse herrscht rege Geschäftigkeit. "Bislang haben die Ägypter 20 Tunnel unterbrochen" sagt ein Vorarbeiter, dessen Männer gerade eine Lieferung Schokolade, Kekse und Gasflaschen per Seilwinde aus ihrem Tunnel hieven.

Die Stahlpalisade hält die Tunnelbauer auf - aber nicht lange

Der Stimmung am Schacht tut das Bauprojekt auf der anderen Seite der Grenze keinen Abbruch - die Männer erklären lachend, dass die Ägypter es nicht durchdacht hätten und die Arbeiten zudem schlampig ausgeführt seien. Ihre Kollegen in den unterbrochenen Tunneln hätten schlicht ein Loch in den Stahl geschweißt, freuen sich die Tunnelbauer. "So lange die Ägypter nur Stahlplatten in den Boden schieben, ist das für uns kein Problem", sagt der Vorarbeiter. Die bislang verwendeten Platten reichten gerade mal 20 Meter tief: "Da buddeln wir locker drunter durch."

Ägyptens plötzlicher Aktionismus ist das Produkt komplizierter politischer Druckverhältnisse: Da sind zum einen die USA und Israel, die Kairo seit Monaten drängen, den Güterverkehr und Waffenschmuggel unter seiner Grenze hindurch zu verhindern. Im Prinzip ist Ägypten durchaus willig, das zu tun. Als Großmacht unter den gemäßigten arabischen Regimes hat es kein Interesse, die Herrschaft der Hamas zu stabilisieren.

Eine erfolgreiche Verwaltung des Gaza-Streifens durch die Hamas könnte den politischen Islam, in Ägypten und in der ganzen Region Sammelbecken der Opposition, stärken - das will Kairo um jeden Preis verhindern. Doch bislang fürchtete Kairo die arabische Rache. Das Land am Nil will nicht als Verräter an der palästinensischen Sache dastehen und damit seine traditionelle Vormachtstellung weiter untergraben.

Was genau Ägypten jetzt zum Palisadenbau bewegt hat, ist unklar, doch seine Befürchtungen haben sich bestätigt: Seit an der Grenze gebaut wird, demonstrieren Muslime von Beirut bis Jakarta gegen den "israelischen Agenten", Präsident Husni Mubarak. Die Nerven liegen blank: Bei einem Aufmarsch palästinensischer Demonstranten im Gaza-Streifen selbst kam es vergangene Woche zu Feuergefechten zwischen Hamas-Männern und ägyptischen Grenzschützern, ein ägyptischer Soldat wurde getötet. Seitdem bewachen Schützen in Panzerwagen die Bauarbeiten.

"Die Ägypter haben sich den Wünschen der Israelis unterworfen" schimpft Abu Ahmed, der auf dem Wochenmarkt von Rafah Blusen, Schleier und Unterwäsche made in China verkauft. Die ersten Auswirkungen der ägyptischen Bautätigkeit seien bereits zu spüren. "Die Tunnelkönige haben die Preise für den Import von Textilien schon angezogen." Für Abu Ahmed könnte die ägyptische Palisade im schlimmsten Fall den Bankrott bedeuten: "Wenn sie die Grenze tatsächlich dicht machen, wäre das eine Katastrophe." Dass es so weit kommen wird, glaubt der Händler jedoch nicht: "Vorher wird es eine Revolution geben, entweder hier, oder unsere Unterstützer in Ägypten zetteln dort eine an."

Die Hamas setzt auf ihre bewährte Gegenstrategie

Die Hamas scheint sich den Volkszorn in ihrem Kampf gegen die Palisade zunutze machen zu wollen. "Die Bewegung baut darauf, dass es eine politische Lösung geben wird, wir wollen unser Verhältnis zu Ägypten nicht belasten", gibt der Hamas-Bürgermeister von Rafah, Issa Nashar, erst einmal zu Protokoll. Dann ergeht er sich in düsteren Andeutungen. "Wenn die Regierung eine friedliche Demonstration organisiert und die Menschen in ihrer Wut spontan Ägypten attackieren, können wir sie nicht daran hindern", behauptet Nashar. Auch sei möglich, dass empörte Palästinenser "zu anderen Mitteln" griffen, um den Bau der Stahlwand zu stoppen: Denkbar seien Sprengladungen gegen die Bautrupps oder auch bewaffnete Angriffe. "Wer weiß, was die Leute in Eigeninitiative so planen", unkt der Bürgermeister.

Offenbar will die Hamas dieselbe Taktik wie im Januar 2008 anwenden. Damals überrannten Tausende Palästinenser in einer angeblich spontanen, jedoch von der Hamas orchestrierten Aktion eine erste von Ägypten errichtete Grenzmauer.

Ernsthaften Sorgen bereitet den Tunnelbauern indes ein Gerücht, das sich hartnäckig hält: Demnach planen die Ägypter, Meerwasser in den Grenzstreifen zu pumpen und ihn so in einen Sumpf zu verwandeln. In der feuchten Erde würden die Tunnel zusammenbrechen, neue könnten nicht gegraben werden.

Auch Abu Rami auf seiner Dachterrasse treibt das angebliche Sumpfprojekt um. "Bislang ist die Palisade nur ein Ärgernis, das die Preise in die Höhe treibt", sagt er. Sollte Kairo jedoch wirklich damit beginnen, das Terrain vor seiner Haustür zu fluten, sähe er die Zeit für einen Volksaufstand gekommen. "Unser Herz ist schon jetzt ein Stein in unserer Brust", sagt der palästinensische Arzt. "Wenn unsere Brüder uns verraten, werden wir diesen Stein nehmen und ihn werfen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Denk mal nach !!
veni vidi vici, 23.01.2010
Was fürden die Völker anderer Länder tun wenn sie in selben lage wären wie die Palästinenser ? Was da für unrecht geschieht,und das auch noch der westen sich kräftig einmischt ist der beweis dafür wer in Wirklichkeit die Mauer um sich verdient!
2. Schokolade und Kekse
erdalyi 23.01.2010
"sagt ein Vorarbeiter, dessen Männer gerade eine Lieferung Schokolade, Kekse und Gasflaschen per Seilwinde aus ihrem Tunnel hieven." Ja, natürlich, die lieben Palästinänser wollen nur Kleinigkeiten wie Süßigkeiten, Unterwäsche und das nötigste zum Überleben schmuggeln. Sprengstoff, Waffen etc. doch nicht!!
3. Sind sie nicht putzig...
Arent 23.01.2010
Zitat von sysopEine Stahlwand, die 20 Meter tief in den Erdboden reicht - so will Ägypten die Schmuggeltunnel in den Gaza-Streifen kappen. Die Barrikade entsteht auf Druck der USA und Israels und soll den Waffenhandel der Hamas stoppen. Doch die Tunnelbauer haben bereits Gegenstrategien entwickelt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,673126,00.html
Ach sind sie nicht putzig diese 'Schmuggelkönige'? Ja, ok, sie erschiessen hin & wieder Palästinenser die sich zu nett über Israel äussern. Aber das sind doch nur 700 pro Jahr. & die hätten sich doch nicht für Frieden aussprechen müssen, wo kommen wir denn da hin? Das wäre ja das Ende der Hamas, nein das geht nicht. :) Ja, ok die Hamas hat auch die Fatah Anhänger im Gaza Streifen getötet. Aber hey die Fatah hatte sich halt für ne Anerkennung Israels ausgesprochen. :) & ja nachdem die EU Gelder nur noch an die Fatah gingen hat die Hamas nen Krieg mit Israel vom Zaun gebrochen. Aber irgendwoher muss doch das Geld für die BMW Flotte kommen, Funktionäre können doch für treue Dienste was erwarten. & es hat doch geklappt, eine Milliarde gabs als Tribut der EU. Von meinem Lohn versteht sich. :) & ja im Kinderfernsehen wird gegen Christen & Juden gehetzt & man strebt das Weltkaliphat an. Aber Fremdenfeindlich? Nein das ist mehr 'begründete Diskriminierung'. & begründete Diskriminierung ist nun mal erlaubt. :) Grüsse, Arent
4. Ich hoffe, daß die Palästinenser durchkommen
vantast 23.01.2010
Ihr Leben ist schon schwer genug, Israel tut alles, um ihre Lebensgrundlagen zu zerstören und niemand sagt etwas dagegen, sie stehlen von Tag zu Tag mehr palästinensisches Land mit ihren Siedlungen. Es kämpft der palästinensische David gegen den hochgerüsteten Goliath, wir sollten den Schwächeren unterstützen.
5. der hochmoralische Westen ...
systemfeind 23.01.2010
Zitat von sysopEine Stahlwand, die 20 Meter tief in den Erdboden reicht - so will Ägypten die Schmuggeltunnel in den Gaza-Streifen kappen. Die Barrikade entsteht auf Druck der USA und Israels und soll den Waffenhandel der Hamas stoppen. Doch die Tunnelbauer haben bereits Gegenstrategien entwickelt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,673126,00.html
... findet keine passenden Worte wenn es um die Zustände im Gaza-Streifen geht . Jeder möge sich überlegen weshalb das so ist .
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Die Streitpunkte zwischen Israelis und Palästinensern
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Grenzen
Palästinensische Politiker fordern, dass Israel sich aus den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten zurückzieht. Das Westjordanland und Gaza sollen Staatsgebiet des unabhängigen Staates Palästina sein - mit der Hauptstadt Jerusalem.

Israel wäre wohl bereit, sich aus mehr als 90 Prozent des Westjordanlands zurückzuziehen und einen Kompromiss einzugehen: Israel behält die großen Siedlungsblöcke und entschädigt die Palästinenser dafür mit Land in der Wüste Negev, das an Gaza grenzt.
Rückkehrrecht der Flüchtlinge
Israel soll das Recht auf Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge anerkennen, so wie es die Resolution 194 der Vollversammlung der Vereinten Nationen beschreibt. Wie das Recht praktisch umgesetzt wird, soll in einem bilateralen Abkommen geregelt werden.

Israel will das Recht auf Rückkehr nur für die Gebiete eines zukünftigen Staates Palästina in die Praxis umsetzen. Es soll keine Rückkehr in israelisches Territorium geben.
Verbindung zwischen Gaza und dem Westjordanland
Die Palästinenser fordern einen Landweg zwischen den räumlich getrennten Territorien des Gaza-Streifens und des Westjordanlands, der vom Staat Palästina verwaltet und gesichert wird.

Israel will das Westjordanland und Gaza durch hohe Brücken oder Tunnel miteinander verbinden. Israel verwaltet und sichert den Verbindungsweg.
Jerusalem
Die Palästinenser wollen Ost-Jerusalem als Hauptstadt des zu gründenden palästinensischen Staates. Der gesamte Tempelberg würde dann vom Staat Palästina kontrolliert, nur die Klagemauer stünde weiterhin unter israelischer Hoheit.

Israel will die Mehrheit der palästinensischen Viertel Jerusalems vom Staat Palästina verwalten lassen, die jüdischen Enklaven in Ost-Jerusalem stehen unter israelischer Verwaltung. Beide Staaten kontrollieren den Tempelberg gemeinsam, möglicherweise mit internationaler Beteiligung.

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