Stalingrad-Veteran in der Ukraine Vergessener Held aus der Eisgrube

Rund 700.000 Menschen kamen bei der Schlacht von Stalingrad um: Zivilisten, Rotarmisten und Landser. Anisim Moisenko operierte damals als Militärarzt an der Front im Akkord. Doch heute gelten in seiner Heimat andere als Helden.

Aus Lemberg berichtet Till Mayer

Till Mayer

Anisim Moisenko hat jedes Zeitgefühl verloren. Unter seinen Füßen gefriert Blut langsam am Boden. In der festgetretenen Erde der drei mal vier Meter großen Grube, die die Rotarmisten mit Spaten aus dem vereisten Untergrund gehackt haben. 1,5 Meter tief. Dann haben sie das Graben aufgegeben und Balken und Wellblech über die Grube geworfen.

Die Grube - der Operationssaal. Aus Patronenhülsen qualmt und flackert es als Funzelersatz. Moisenko hat gerade wieder ein Bein abgenommen, von Schrapnellen zerfetztes Fleisch. Vor ihm liegt ein Soldat mit dem Gesicht eines Kindes. Schreit sich die Seele aus dem Leib. Bald wird die Ohnmacht kommen, das weiß Moisenko. Weil er es unzählige Male bei anderen Amputationen zuvor erlebt hat. Morphium kann er schon lange niemanden mehr spritzen. Stattdessen flößen sie den Verwundeten Wodka ein. Es hilft nicht viel.

Keine 23 Jahre ist Anisim Moisenko alt. Ein junger Hauptmann, mit gerade abgeschlossenem Medizinstudium. Geübt hatte er an Puppen. Fast nur theoretische Ausbildung hat er in Minsk erhalten. Der Praxistest kommt für den jungen Mann inmitten der Hölle. Jetzt stehen bis zu 20 Operationen am Tag an. Moisenko sägt und näht wie ein Roboter. Nichts denken, nichts fühlen, nur arbeiten, operieren. Bis die letzte Energie verbraucht ist. Bis die Müdigkeit die Kälte vergessen lässt. Die Detonationen der Granaten, das Brüllen der Artillerie. Der Frontarzt fragt sich manchmal, ob das alles nur ein schrecklicher Traum ist. Aber er steht jetzt hier schon seit Wochen an dem grob gehauenen Tisch und versucht zu retten, was sich der Tod meist schon kurz darauf doch holt.

Faschisten stoppen, um jeden Preis

Am Ufer der Wolga liegen die Verwundeten, die darauf warten, mit kleinen Flößen auf die andere Seite des Flusses gebracht zu werden. Dort, wo die Rote Armee wieder Herr über ein Trümmermeer ist. Sind die Verwundeten noch in der Lage, selbst zu paddeln, steigt die Überlebenschance. Oft aber kostet die Wartezeit am Flussufer schon das Leben. Glück haben die, die in einem Zelt Unterschlupf finden. Andere liegen draußen, den Schneestürmen ungeschützt ausgesetzt. Teilweise werden Trümmerstücke erhitzt, als "Wärmepackungen" auf die Verwundeten gelegt. Ein Stück Wärme, das ist lebensentscheidend.

Es ist nicht nötig, dass der Politoffizier es den Soldaten der Brigade immer wieder eintrichtert. "Stalingrad, das war die Entscheidung. Das war uns allen bewusst. Wir mussten die Faschisten stoppen. Sofort", sagt heute der 91-Jährige. Und überlegt kurz in seinem Wohnzimmer, mit der großen Glasvitrine aus Sowjetzeiten. In seiner Altbauwohnung im Zentrum des westukrainischen Lemberg (Lviv), in der er seit Jahrzehnten lebt. Mit all den Orden an der Wand und der Schirmmütze der Sowjetarmee auf der Anrichte.

Die gleiche Furcht vor dem Tod

Im Januar 1943 ist die drei Mal vier Meter große Grube sein Schlachtfeld. Und bald erkennt er, dass die "Faschisten", wie die deutschen Soldaten genannt wurden, genauso im Schmerz nach ihrer Mutter, nach ihrer Frau, nach ihrem Mädchen schreien wie die Soldaten, die eine andere Uniform tragen. Sie haben die gleiche Angst in den Augen. Die gleiche Furcht vor dem Tod. Die Furcht der Deutschen ist noch größer, weil sie nicht wissen, ob sie ihm, Anisim Moisenko, trauen können. Sie sind schutzlos in der Hand des Feindes. Der Militärarzt kann ein wenig Deutsch: "Keine Angst, Kamerad", sagt er den Landsern. Dann kommt nicht selten die Säge. Den SS-Leuten schneidet er den Kragenspiegel ab: "Da waren oft Zyankali-Kapseln darunter", sagt Moisenko.

"Es war furchtbar zu sehen, wie wertlos ein Menschenleben geworden war. Ich hätte verrückt werden können. All das Sterben. Es fiel da nicht leicht, Hoffnung zu bewahren", erinnert er sich. Und erzählt dann doch davon, wie er das Leben gesehen hat. Inmitten all der Trümmer. Besser: inmitten eines Erdlochs. "Genosse Arzt", redet ihn da ein Rotarmist an. Ein junger Kerl, mit dreckverschmiertem Gesicht unter dem runden Stahlhelm. "Genosse, draußen, im Niemandsland, liegt eine Verwundete, schreit um Hilfe." Als es dunkel ist, ziehen Moisenko und der Soldat los. Sie brauchen lange. Jedes Mal, wenn eine Leuchtrakete in den Himmel zischt, drücken sie sich fest auf den Boden. Meter für Meter geht es so. Die Frau liegt in einem Erdloch und schreit schon nicht mehr. Moisenko sieht ihre blauen Lippen. Er kann nicht einmal mehr ihr Herz hören. Aber dafür das des Kindes. Die Wehen beginnen. Mitten in dieser eisigen Nacht entbinden sie. "Als das Kind da war, geschrien hat, da kam die Mutter wieder zu Bewusstsein. Das ist für mich ein Wunder", sagt der alte Mann heute.



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mursilli 01.01.2012
1. Menschenmaterial
Zitat von sysopRund 700.000 Menschen kamen bei der*Schlacht von Stalingrad um: Zivilisten, Rotarmisten und Landser. Anisim Moisenko operierte damals als Militärarzt*an der Front*im Akkord. Doch heute gelten in seiner Heimat andere als Helden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,806068,00.html
Die Zahl der Opfer ist heute unvorstellbar. Im Tsunami 2004 kamen etwa 230.000 Menschen um. Hier waren es dreimal so viel. Und kein Naturereignis. Sie wurden alle vorsätzlich zur Schlachtbank geführt, Täter und Opfer zugleich. Und der selbsternannte Größte Feldherr aller Zeiten (Gröfaz) verweigerte seiner Armee den Rückzug. Die Staatsmaschinen hier wie dort führten Berufskriminelle. Wenn die Zahl der Opfer nicht hoch genug war, fügten sie mit leichter Hand eine Null an. Immerhin hatten die Sowjetsoldaten ein handfestes Motiv: Verteidigung der Rojdina Matj gegen den Aggressor. Deutsche Politiker sollten nie vergessen, was dieser Krieg den Völkern Osteuropas zugemutet hat. Dagegen war der Krieg im Westen eine Spielwiese. Ich hätte von Weizsäcker damals bei seinem Besuch in Leningrad/St.Petersburg mehr erwartet als schöne Worte. Er war als Offizier bei der dreijährigen Belagerung dabei. Mehr als eine Million zivile Tote.
star spawn of cthulhu 01.01.2012
2. Falsche Zahlen
Zitat von sysopRund 700.000 Menschen kamen bei der*Schlacht von Stalingrad um: Zivilisten, Rotarmisten und Landser. Anisim Moisenko operierte damals als Militärarzt*an der Front*im Akkord. Doch heute gelten in seiner Heimat andere als Helden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,806068,00.html
Nachdem die Sowjetunion Mitte der 90er Jahre ihre Archive öffnete, kamen präzisere Zahlen zum Vorschein, die nicht mehr denen entsprachen, die in den durch Propaganda geprägten Jahrzehnten zuvor veröffentlicht wurden. Demnach waren die Verluste der Roten Armee 4-6mal so hoch, wie nach dem Krieg angegeben. Wenn überhaupt möglich, macht es das Ausmaß der Schlacht noch unvorstellbarer. Interessanterweise ist die Schwesteroperation zu "Uranus", "Mars", die zeitgleich mit vergleichbarem Materialaufwand im Frontabschnitt vor Moskau durchgeführt wurde, nahezu unbekannt. Was wohl daran lag, das diese, von General Schukov geführte Operation, im totalen Fiasko endete, und folglich zugunsten des epischen Siegs bei Stalingrad komplett totgeschwiegen wurde. (vgl. "Operation Mars - Zhukov's greatest defeat". Glantz)
hubertrudnick1 01.01.2012
3. Opfer wahnen uns
Zitat von sysopRund 700.000 Menschen kamen bei der*Schlacht von Stalingrad um: Zivilisten, Rotarmisten und Landser. Anisim Moisenko operierte damals als Militärarzt*an der Front*im Akkord. Doch heute gelten in seiner Heimat andere als Helden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,806068,00.html
Man könnte sagen, dass die Opfer uns wahnen erneut neue Kriege zu beginnen, sie fangen scheinbar harmlos an, werden nie als einen Krieg bezeichnet und richten dabei nur Kaos, Vernichtung und unsagbares menschliches Leid auf allen Seiten an. Aber die Menschen haben nie was aus solchen schrecklichen Ereignissen für ihr Zukunft gelernt, denn sonst würden sie vielmehr ihren Verstand zum Einsatz bringen wollen. Wieviele Kriege gab es nach Stalingrad, keine Seite hat mit diesen Wahnsinn aufgehört. Und so werden wir dann auf den nächsten schrecklichen Schlachtfeldern unsere Menschen opfern, aber wofür und für wem? HR
ego_me_absolvo 01.01.2012
4. Irrtum??!
Im Kessel von Stalingrad befanden sich keine SS-Einheiten. Keine offizielle Quelle berichtet hiervon. Möglicherweise handelt es sich um eine Verwechslung mit infanteristisch eingesetzten Panzermännern, die ja auch ein Totenkopfabzeichen bspw. an den Kragenspiegeln trugen? Dubios daher auch die Erwähnung von hinter den Kragenspiegeln eingenähten Zyankalikapseln. Hier trügt die Erinnerung sicherlich, oder vermischt sich mit späteren Einsätzen des Militärchirurgen Moisenko. Seine Verdienste als Arzt schmälert dies aber in keiner Weise, allen Respekt dafür!
langenscheidt 01.01.2012
5. Danke für den Artikel
Ein schöner Artikel über den Kriegsalltag zweier diktatorisch geführter Staaten. So wie die Staatsführung auch die unteren Befehlsebenen wie der Offizier der an sich denken muß, weil seine Vorgesetzten ihn sonst erschiessen lassen, wenn er die Kettenfahrzeuge nicht in Gang bringt. Zu Stepan Bandera. Dessen Bewegung war auf einen freien ukrainischen Staat zwischen Deutschland und der Sowjetunion geprägt. Zu damaliger Zeit war es Brauch in Osteuropa wie zum Beispiel Polen, Tschechoslowakei, Sowjetunion Genozid bzw. Vertreibung fremdsprachiger Bürger zu praktizieren. In Osteuropa ist man bis heute noch kein Stück weiter, Versöhnung, Aussöhnung in eigener und fremden Geschichte zuzulassen.
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