Atomraketentest Indien befeuert Wettrüsten in Asien

Indien rüstet an allen Fronten auf. Das Land ist weltgrößter Waffenimporteur - nun hat es erstmals eine atomwaffenfähige Langstreckenrakete gestartet. Der Test ist ein klares Signal an China: Wir können euch überall treffen.

Von , Islamabad

AP/ Indian Ministry of Defense

Im indischen Verteidigungsministerium herrscht Jubelstimmung. Ein "hundertprozentiger Erfolg" sei der Raketentest am Vormittag gewesen, heißt es. Erstmals hat Indien eine atomwaffenfähige Langstreckenrakete gestartet. Gut 17 Meter lang und 50 Tonnen schwer ist "Agni V". Agni ist Hindi und heißt Feuer. Die Rakete stammt aus eigener Produktion, entsprechend stolz ist man im Ministerium auf den Erfolg. "Alle Ziele und Parameter der Mission sind erreicht worden", sagt ein Sprecher.

Indische Fernsehsender berichten am Vormittag über kaum etwas anderes, sie zeigen Bilder vom Start um kurz nach acht Uhr morgens vom Testgelände auf Wheeler's Island, einer Insel vor der ostindischen Küste des Bundesstaates Orissa. Später, am Ende des zwanzig Minuten dauernden Flugs, sieht man einen Feuerball im Meer versinken.

"Die Rakete hat das Ziel im Indischen Ozean perfekt getroffen", sagt V. K. Sawaswat, der Chef der Entwicklungsbehörde des Verteidigungsministeriums. Und: "Indien ist heute eine Nation mit der nachgewiesenen Fähigkeit, eine Langstreckenrakete zu entwerfen, entwickeln und produzieren." Premierminister Manmohan Singh und Verteidigungsminister A. K. Antony gratulierten allen beteiligten Wissenschaftlern zu der "großartigen Leistung".

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Atomraketen, Panzer, Jets: Waffenschau in Asien
Umgerechnet rund 370 Millionen Euro hat Neu-Delhi sich die Entwicklung der Rakete kosten lassen. Sie soll nun weitere Male getestet werden und den Streitkräften spätestens 2015 zur Verfügung stehen. Damit würde Indien zu den wenigen Staaten gehören, die über atomare Langstreckenwaffen verfügen. Nach gesicherten Erkenntnissen besitzen nur die USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich derartige Trägersysteme. "Wir gehören dann zu diesem exklusiven Club", sagte ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums SPIEGEL ONLINE.

China ist Indien militärisch überlegen

Weitere Daten und Fakten wurden der Öffentlichkeit präsentiert: Die Rakete sei "mit einem modernen System zur Zielerfassung", einem "neuartigen Motor" und "neuester Radar- und optischer Technologie" ausgestattet gewesen. Die Rakete kann von einer mobilen Rampe und damit praktisch von jedem Ort aus gestartet werden. Bis zu 1100 Kilogramm darf der atomare Sprengkopf schwer sein, beim Test habe man "natürlich nur einen entsprechend schweren Dummy verwendet". Und sie hat eine Reichweite von mehr als 5000 Kilometer.

Es ist vor allem ein Signal an China, die andere aufstrebende Großmacht in Asien. Die Regierung in Neu-Delhi bezeichnete die Rakete selbst als "Meilenstein" bei ihren Bemühungen, ein Gegengewicht zur "chinesischen Dominanz in der Region" zu setzen. Tatsächlich ist China Indien militärisch weit überlegen.

Entsprechend zurückhaltend reagierte die Führung in Peking auf den Test. "Wir sind nicht Konkurrenten, sondern Kooperationspartner", sagte der Sprecher des Außenministeriums, Liu Weimin, am Donnerstag. Die Beziehungen zwischen Indien und China entwickelten sich gut.

Mit der neuen Rakete könnte Indien jeden Punkt in China erreichen. Das war allerings auch zuvor schon nahezu gegeben. Die im November 2011 getesteten "Agni IV" kann mit ihrer Reichweite von rund 3500 Kilometern fast ganz China abdecken, bis hin zu den Ostküsten-Metropolen Peking und Shanghai. Nur der äußerste Nordosten Chinas liegt außerhalb ihrer Reichweite.

Sollte die "Agni V" nun in Serie produziert werden, würde sich die strategische Situation zwischen Indien und China nach Ansicht von Experten nicht fundamental verändern. Shannon Kile, Atomwaffenexperte beim Stockholmer International Peace Research Institute (Sipri), hält die "Agni V" deshalb vor allem für ein Prestigeobjekt. Ein echter militärischer Vorteil gegenüber China wäre lediglich, dass die Inder die Abschussbasen künftig flexibler in ihrem Land verteilen könnten und sie nicht an der östlichen Grenze konzentrieren müssten.

Mit ihrer bisher bekannten Reichweite von 5000 Kilometern liegt die "Agni V" an der Grenze zur Interkontinentalrakete - und könnte theoretisch auch andere asiatische Länder und Europa bedrohen. Der Ministeriumsmitarbeiter beschwichtigte, auch künftig müsse niemand sich vor Indien fürchten. "Wir sind ein friedliches Land und haben nicht die Absicht, unsere Waffen offensiv einzusetzen. Wir verfolgen keine Erstschlag-Doktrin." Indien rüste lediglich "zum Zweck der Selbstverteidigung" auf.

Indien und China sind in vielerlei Hinsicht Konkurrenten. Sie sind die bevölkerungsreichsten Länder der Erde (China mit etwa 1,3 Milliarden Einwohnern die Nummer eins, Indien mit 1,2 Milliarden an zweiter Stelle), beide streben eine Rolle als weltweit agierende Wirtschaftsnationen an und untermauern ihr Großmachtstreben mit militärischer Aufrüstung.

Milliarden für die Armee trotz Armut im Land

Indien ist zum weltgrößten Waffenimporteur aufgestiegen. Seit 1974 ist das Land im Besitz von Atomwaffen, 1998 zündete Indien - und daraufhin auch Pakistan - zu Testzwecken eine Atombombe.

Kürzlich erst vergab Indien einen Auftrag für 126 Kampfflugzeuge an den französischen Konzern Dassault, es war einer der größten Rüstungsdeals der jüngeren Geschichte. Neu-Delhi kauft Atom-U-Boote aus Russland und baut selbst an nuklear angetriebenen U-Booten. Außerdem will Indien seine Panzer aus russischer Produktion modernisieren und zum Teil neue kaufen.

Auf der Rüstungsmesse Defexpo präsentierte Russland, Indiens größter Waffenlieferant, Ende März sein neuestes Modell vom Typ T-90S. Kein Land hat so viele Panzer diesen Typs bestellt wie Indien, ein Teil davon soll in Lizenz in Indien gebaut werden. Allein im vergangenen Jahr kaufte Indien Waffen im Wert von knapp drei Milliarden Euro. Kritiker im eigenen Land betonen, die Regierung setze die falschen Prioritäten, da ein Großteil der Bevölkerung in bitterer Armut lebe.

Indische Politiker sehen das Land jedoch umstellt von feindlichen Staaten. Zu keinem seiner Nachbarn pflegt Indien gute Beziehungen. Als militärische Bedrohung empfindet man in Neu-Delhi den Erzfeind Pakistan im Westen und China im Norden.

Entspannung mit Pakistan, Ärger mit China

Das Verhältnis zu Pakistan, nach dem Angriff pakistanischer Terroristen auf die Metropole Mumbai im November 2008 auf einem Tiefpunkt, erlebt gerade eine Entspannung. Beide Länder wollen ihren Handel intensivieren und Gespräche über eine Verbesserung der Beziehungen führen. Am Mittwoch schlug der Armeechef Pakistans, der mächtigste Mann des Landes, nach einem Lawinenunglück am Siachen-Gletscher vor, beide Länder sollten ihren Streit in dieser Region beilegen und die Truppen abziehen. Bei der Katastrophe waren 124 pakistanische Soldaten und elf zivile Armeemitarbeiter von den Schneemassen begraben worden.

Das Verhältnis zu China dagegen ist seit dem Grenzkrieg 1962, bei dem Indien unterlag, konstant angespannt. Sorge bereiten den Indern derzeit die militärischen Aktivitäten Chinas in Tibet, wo nach indischen Erkenntnissen "Manöver mit neuartigen Waffen" stattgefunden haben. Neu-Delhi fürchtet, dass Peking in Tibet Raketen stationieren könnte, die sich gegen Indien richten. Seit Jahren existiert ein Flüchtlingsstrom von Menschen aus Tibet nach Indien, vor allem zum Exilsitz des Dalai Lama, nach Dharamsala. Wegen dieser Sorge will Indien auch sein Raketenabwehrsystem ausbauen - mit russischer Hilfe.

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Mit Material von AFP



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insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
cobdet 19.04.2012
1. Hat lange gedauert,
Zitat von sysopAP/ Indian Ministry of Defense)Indien rüstet an allen Fronten auf. Das Land ist weltgrößter Waffenimporteur - nun hat es erstmals eine atomwaffenfähige Langstreckenrakete gestartet. Der Test ist ein klares Signal an China: Wir können euch überall treffen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828438,00.html
aber jetzt habe ich es verstanden. Es gibt "gute" und es gibt "böse" Raketen. Da hätte ich aber auch früher drauf kommen können. Hoffentlich droht die UNO jetzt nicht mit Sanktionen weil ein Mitglied des Sicherheitsrates bedroht sein könnte.
themistokles 19.04.2012
2.
Zitat von sysopAP/ Indian Ministry of Defense)Indien rüstet an allen Fronten auf. Das Land ist weltgrößter Waffenimporteur - nun hat es erstmals eine atomwaffenfähige Langstreckenrakete gestartet. Der Test ist ein klares Signal an China: Wir können euch überall treffen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828438,00.html
Ja wo, wie? Wo bleibt den der internationale Aufschrei wie bei Nordkorea oder dem Iran? Indien ist schließlich Atommacht! Ich fordere einen sofortigen Warenboykot Indiens, politische Isolation und umgehende Planungen für einen präventiven Erstschlag gegen die Irren am Ganges! /Sarkasmus off
membot 19.04.2012
3. .
Zitat von themistoklesJa wo, wie? Wo bleibt den der internationale Aufschrei wie bei Nordkorea oder dem Iran? Indien ist schließlich Atommacht! Ich fordere einen sofortigen Warenboykot Indiens, politische Isolation und umgehende Planungen für einen präventiven Erstschlag gegen die Irren am Ganges! /Sarkasmus off
Es ist zur Zeit kein Krieg mit Indien geplant. Deswegen hören wir hier auch keinen Aufschrei. Das könnte in chinesischen Medien anders aussehen, aber die verstehe ich leider nicht.
Centurio X 19.04.2012
4. Weder wird Indien von...
Zitat von themistoklesJa wo, wie? Wo bleibt den der internationale Aufschrei wie bei Nordkorea oder dem Iran? Indien ist schließlich Atommacht! Ich fordere einen sofortigen Warenboykot Indiens, politische Isolation und umgehende Planungen für einen präventiven Erstschlag gegen die Irren am Ganges! /Sarkasmus off
[QUOTE=themistokles;10043723]Ja wo, wie? Wo bleibt den der internationale Aufschrei wie bei Nordkorea oder dem Iran? Indien ist schließlich Atommacht! Ich fordere einen sofortigen Warenboykot Indiens, politische Isolation und umgehende Planungen für einen präventiven Erstschlag gegen die Irren am Ganges! /Sarkasmus off[/QroUOTE] ...egozentrischen, ihre Untertanen verachtenden und drangsalierten Erbtyrannen wie in Nordkorea regiert, die mit ihrer Atompolitik die Welt erpressen wollen, noch hat es einem anderen Land mit Auslöschung (Holocaust röm. 2) gedroht wie es der völlig fanatisierte und unberechenbare Achmadinedschad wiederholt tat. Ihrem Sarkasmus fehlt die Grundlage absolut!
wolle0601 19.04.2012
5. Na prima, dann können wir ja die Entwicklungshilfe beenden
Zitat von sysopAP/ Indian Ministry of Defense)Indien rüstet an allen Fronten auf. Das Land ist weltgrößter Waffenimporteur - nun hat es erstmals eine atomwaffenfähige Langstreckenrakete gestartet. Der Test ist ein klares Signal an China: Wir können euch überall treffen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828438,00.html
Glaube nicht, daß ein Land, das mal eben 370 Millionen für so etwas ausgeben kann und dem Artikel zufolge Mitglied im exklusiven Klub der Langstreckenatomraketenbesitzer ist, noch Entwicklungshilfe braucht. Sind zwar nach meinen Recherchen nur knapp unter 90 Mios pro Jahr, aber immerhin. Habe noch keine Zahlen gefunden, was NGOs im Summe so einsammeln und nach Indien überweisen. Laut Wolfram Alpha (kommt mir aber noch ein bißchen komisch vor) kassiert Indien jährlich ca 1.7 Mrd $ an Entwicklungshilfe insgesamt.
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