SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

17. Januar 2013, 18:08 Uhr

Mode gegen Spionage

Hier kommt der Drohnen-Schutzanzug

Von

Ein T-Shirt, das Röntgenstrahlen abblockt? Eine Kapuze, die vor Drohnen schützt? Der US-Modedesigner Adam Harvey wehrt sich gegen moderne Überwachungstechnik und stellt in London eine Anti-Spionage-Kollektion vor. Seine "Stealth Wear" ist ernst gemeint.

London/New York - Auf die Berliner Fashion Week würde es Adam Harvey mit seiner neuesten Kollektion wahrscheinlich nicht schaffen. Wie ein zu kurz geratenes Regencape aus der Grundschulzeit mutet die neueste Kreation des New Yorker Modedesigners an. Spätestens die silberne Reflektorschicht signalisiert: Hier geht es um Funktion, nicht um Schönheit.

Doch die Funktionskleidung, die der Künstler an diesem Donnerstag in London mit seiner Kollegin Johanna Bloomfield präsentiert, hat es in sich: So soll der Kapuzenüberwurf seinen Träger vor nichts Geringerem als der totalen Überwachung schützen. "Wir wollen die Ästhetik der Privatsphäre entdecken", schreibt Harvey auf seiner Website über das Kunstprojekt, "und das Potential für Mode erkunden, die es mit autoritärer Überwachung aufnimmt."

Wie diese Mode funktioniert? Mit speziellen Metall-Legierungen, die Harvey und Bloomfield entwickelt und in den Kleidungsstücken verarbeitet haben. Das Metall in dem Kapuzenüberwurf soll den Menschen darunter für Thermosensoren von Drohnen unsichtbar machen. Harvey hat das Anti-Drohnen-Outfit mit einer Infrarotkamera selbst getestet. "Es ist nicht perfekt, aber es funktioniert", sagt der Künstler SPIEGEL ONLINE.

Neben der Kapuze wird in London auch ein Anti-Drohnen-Schal aus der "Stealth Wear"-Kollektion vorgestellt, dazu ein Röntgenblocker-T-Shirt und das "Off Pocket". Diese so benannte Tasche soll die eigenen Handysignale schlucken und so eine Ortung unmöglich machen. Die überwachungssichere Kleidung sei "dazu gedacht, in Boutiquen verkauft zu werden, ich möchte, dass die Leute sie benutzen", sagt Harvey. Kostenpunkt: Um hundert Dollar für die signalstörende Handytasche, die Anti-Drohnen-Klamotten sollen etwa 300 Dollar kosten.

Witzige Mode - ernster Hintergrund

Neben allem Augenzwinkern hat die Anti-Spionage-Kleidung einen ernsthaften Hintergrund: In den USA, Harveys Heimatland, ermöglicht ein Gesetz seit kurzem den Inlandseinsatz von unbewaffneten Drohnen. Bis zum Jahr 2020 sollen 30.000 der fliegenden Späher über den Köpfen der Amerikaner kreisen - und ihren Alltag überwachen. Seit seinem Amtsantritt hat US-Präsident Barack Obama die Drohnenjagd auf Terroristen in Pakistan in seiner Amtsperiode massiv ausgeweitet. Harvey sagt, heute sei eine Kamera nicht mehr ein "kunstschaffendes Werkzeug", sie sei "ein Instrument für eine Überwachungsgesellschaft". Dem wolle der Künstler mit seinem Projekt etwas entgegensetzen.

Wirklichen Rundumschutz dürfte die Kleidung allerdings nicht bieten. So können Drohnen, die nicht auf Wärmetechnik setzen, auch Menschen in "Stealth Wear" erkennen. Nicht zu vergessen die 30 Millionen Überwachungskameras, die in den USA installiert sind und pro Woche vier Milliarden Stunden Filmmaterial sammeln - auch dagegen ist der modebewusste Überwachungsschutz nutzlos.

Doch auch fürs Gesicht hat sich der New Yorker Designer vor einiger Zeit eine Tarnmöglichkeit überlegt. Für seine Studienabschlussarbeit hat Harvey ein Camouflage-Make-up entwickelt, das eine Gesichtserkennung per Scanner verhindern soll.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH