Freiburger Erzbischof Burger "Es wäre unverantwortlich, jetzt Syrer zurückzuschicken"

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger hat Syrien besucht. Er berichtet von katastrophalen Zuständen in Aleppo und Umgebung - und warnt davor, Kriegsflüchtlinge zurück ins Land zu bringen.

Homs in Syrien (Archivbild)
AFP

Homs in Syrien (Archivbild)

Ein Interview von


Das katholische Hilfswerk Caritas gehört zu den Organisationen, die versuchen, das Leid der Menschen Syrien zu lindern. Die Caritas und lokale Partner versorgen Tausende Familien im Bürgerkriegsland mit dem Nötigsten.

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger hat Syrien in der vergangenen Woche bereist. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über seine Eindrücke und beantwortet die Frage, ob syrische Flüchtlinge aus Deutschland in ihre Heimat zurückgeschickt werden sollten.

Zur Person
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    Stephan Burger, 55, ist seit 2014 Erzbischof von Freiburg. Seit 2016 ist er auch Vorsitzender der Caritaskommission. Mitte März reiste Burger nach Syrien. Es war seine erste Reise in das Land.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren fünf Tage in Syrien unterwegs, haben Aleppo und Homs besucht. Was haben Sie da gesehen?

Burger: Ein weitgehend zerstörtes Land. Wir sind durch unzählige verwüstete Dörfer gefahren, in denen keine Menschen mehr wohnen. Dort ist buchstäblich verbrannte Erde. Ost-Aleppo ist eine einzige Ruinenlandschaft. Dort stehen nur noch Häuserskelette. Ich weiß nicht, wie das jemals wiederaufgebaut werden soll.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie sich auf Ihrer Reise denn frei bewegen?

Burger: Ja. Unsere kleine Delegation aus Deutschland wurde nur von lokalen Caritas-Mitarbeitern begleitet. Phasenweise war ein Sicherheitsmann dabei, er hielt sich aber im Hintergrund, und wir konnten völlig frei mit Syrern reden. Sie haben sich aber alle mit politischen Aussagen sehr zurückgehalten. Im Moment geht es den Syrern nur ums Überleben.

SPIEGEL ONLINE: Wie hilft die Caritas den Menschen in Syrien konkret?

Burger: Wir kümmern uns um die Leute, die - man kann es nicht anders sagen - in den Ruinen vegetieren müssen. Viele alte Menschen leben ganz allein, weil ihre Kinder geflüchtet sind und sie nicht mitgehen konnten oder wollten. Wir versorgen sie mit Lebensmitteln. Und wir versuchen in kleinem Umfang auch, beschädigte Häuser zu renovieren. Insgesamt hat unsere Diözese dafür schon vier Millionen Euro investiert.

SPIEGEL ONLINE: Unlängst hat ja eine AfD-Delegation Syrien besucht und hinterher erklärt, das Land sei größtenteils sicher und die Flüchtlinge in Deutschland könnten wieder in ihre Heimat zurückkehren. Teilen Sie diesen Eindruck?

Burger: Diese Haltung ist mir ein Rätsel. Es wäre unverantwortlich, jetzt Syrer zurückzuschicken. Wo sollen die Leute denn hinziehen, wovon sollen sie leben? Wir haben jetzt schon allergrößte Mühe, für die Menschen vor Ort die Nothilfe aufrechtzuerhalten. Wenn da jetzt noch mehr Leute hinzukommen, bricht alles zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Die AfD-Politiker haben für die syrischen Staatsmedien mit Vertretern des Regimes posiert und sich so für die Propaganda instrumentalisieren lassen. Hat man das mit Ihnen auch versucht?

Burger: Nein. Wir haben von Anfang an klargemacht, dass das kein politischer Besuch ist, und es hat auch niemand den Versuch unternommen, uns zu instrumentalisieren.

SPIEGEL ONLINE: Gab es denn auch Begegnungen, die Ihnen Hoffnung für die Zukunft Syriens gemacht haben?

Burger: Alle Syrer, die ich getroffen habe, berichteten mir von ihrem dringenden Wunsch nach Frieden und dem Wunsch, das Land gemeinsam wiederaufzubauen. Diese Hoffnung ist also da, aber die Umstände sind eben sehr schwierig. Wichtig ist, dass wir die Syrer, ganz egal welcher Religionsgemeinschaft sie angehören, jetzt nicht in ihrem Elend hängen lassen.



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