Getöteter US-Journalist Sotloff IS-Terror bringt Obama in Bedrängnis

Es ist ein grausamer Mord, schon wieder: IS-Terrormilizen haben offenbar den zweiten US-Journalisten enthauptet. Nun wächst der Druck auf Präsident Obama. Wann greifen die Amerikaner in Syrien ein?

Von , Washington


Barack Obama schweigt, als er am Dienstagnachmittag die wenigen Schritte zum wartenden Hubschrauber im Garten des Weißen Hauses geht. Zwar ist das Video, das angeblich die Enthauptung des US-Journalisten Steven Sotloff durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zeigt, zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschließend verifiziert, doch das ganze Land diskutiert bereits seit Stunden diesen wohl zweiten Mord an einem US-Bürger innerhalb zweier Wochen.

Und während in London der britische Premier David Cameron sagt, das Video - falls authentisch - zeuge von einer "verabscheuungswürdigen und barbarischen Mordtat", steigt der US-Präsident wortlos in seinen Helikopter. Kurz darauf geht es mit der Air Force One weiter nach Estland. Man prüfe das Video, sagen derweil seine Leute in Washington. "So schnell wie möglich", sagt die Sprecherin des Außenministeriums. Und der Nationale Sicherheitsrat teilt mit: Stelle es sich als echt heraus, "sind wir entsetzt über diese brutale Ermordung eines unschuldigen Journalisten". Amerika ringt um eine Antwort auf den Terror. Wie könnte die aussehen?

Als die Dschihadisten vor zwei Wochen das Video von der Enthauptung des US-Journalisten James Foley veröffentlichten, wurde die so fern scheinende Barbarei in Syrien und im Irak plötzlich zu einem einzigen Bild verdichtet, das sich ins Gedächtnis brannte. Amerika erschrak. Fragen erhielten neue Dringlichkeit: Wie gefährlich ist der IS? Wie hoch ist das Risiko eines Terroranschlags in den USA?

"Angriff auf unser Land"

Die Regierung, so ließ Obama erklären, betrachte den Mord an Foley "als Angriff auf unser Land". Kurz darauf, am vergangenen Donnerstag, teilte der Präsident mit, dass er Pläne für eine militärische Operation - also wohl Luftschläge auch in Syrien - erarbeiten lasse. Auf Nachfrage gestand er ein: "Wir haben noch keine Strategie." Das war mit Blick auf die IS-Milizen in Syrien gesagt, wurde aber als generelle Ahnungslosigkeit missdeutet. Am Freitag dann wiegelte er auf einer Spendengala ab: "Die gegenwärtige Lage ist weit weniger gefährlich als die vor 20, 25 oder 30 Jahren."

An diesem Dienstag schließlich das Video von der mutmaßlichen Enthauptung des im vergangenen Jahr in Syrien entführten 31-jährigen Steven Sotloff; dessen Mörder wendet sich mit Blick auf die US-Luftschläge im Irak direkt an den US-Präsidenten: "Du, Obama, musst für dein Handeln mit dem Leben eines weiteren amerikanischen Bürgers zahlen."

Wo die Ermordung Foleys den Blick der US-Öffentlichkeit auf die IS-Terroristen lenkte, da scheint die Enthauptung Sotloffs nun die Dringlichkeit einer Reaktion der Amerikaner zu beschwören. Obama gerät unter Druck.

In seltener Einmütigkeit fordern Demokraten wie Republikaner im Kongress die Regierung zum raschen Handeln auf. Die USA sollten Luftschläge gegen den IS in Syrien führen sowie die dortigen moderaten Rebellen weiter bewaffnen, sagte der demokratische Abgeordnete Eliot Engel aus dem Auswärtigen Ausschuss. Und Demokraten-Senator Bill Nelson aus Florida - der Heimat Sotloffs - erklärte: "Wir müssen sofort gegen den IS vorgehen, denn nur die USA können eine Koalition schmieden, um diese barbarische Gruppe zu stoppen." Der republikanische Senator Lindsey Graham twitterte: "Mr. President, wenn Sie schon keine Strategie präsentieren, dann sagen Sie uns doch zumindest mal, was Ihr Ziel ist mit Blick auf den IS."

Obama will Allianzen im Nahen Osten

Umfragen der letzten Wochen zeigen zudem einen Meinungsumschwung, die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt mittlerweile die US-Luftschläge im Irak. Mit Blick auf Syrien und die beiden getöteten Journalisten liegen noch keine Daten vor. Angesichts dieser gespürten neuen Dringlichkeit scheint Obamas zurückhaltenderer Ansatz zunehmend aus der Zeit zu fallen. Das liberale US-Magazin "Vox" kritisierte noch vor Bekanntwerden des zweiten Videos den "sturen außenpolitischen Optimismus" des Präsidenten: "Obama steuert einen Rennwagen, als handele es sich um ein Kreuzfahrtschiff."

Letztlich ist es alles eine Frage der Zeit. Denn dass Obama zu Luftschlägen gegen die IS-Milizen auch in Syrien bereit ist, daran kann im Grunde kein Zweifel mehr bestehen. Nur Bodentruppen sind nach wie vor ausgeschlossen. Dafür müht er sich um Allianzen vor Ort: mit den kurdischen Kämpfern, mit Jordanien, der Türkei, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien. Auch die verbliebenen moderaten Rebellen sollen gestärkt werden, damit nicht letztlich der syrische Diktator Assad von US-Schlägen gegen die IS-Terrormilizen profitiert.

Die kommenden Wochen mit Obamas Auftritten beim Nato-Gipfel und vor der Uno in New York schienen so gesehen beste Möglichkeiten zu bieten, den Fall IS auf die internationale Ebene zu hieven, Bündnisse zu schmieden. Um eben nicht schon wieder in eine neue Konfrontation USA versus Radikalislamisten zu laufen - auf die es die Terrormilizen aus Prestigegründen mit ihren Enthauptungsvideos abgesehen haben könnten.

Wie viel Zeit aber hat Obama jetzt, nach dem zweiten Enthauptungsvideo? Er selbst hat den IS als Krebsgeschwür bezeichnet. Krebs kann sich leider rasch ausbreiten.

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