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Umstrittenes Stinkefinger-Video: Varoufakis beklagt sich über Jauch-Sendung

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Aufregung um ein YouTube-Video, gezeigt bei TV-Talker Günther Jauch: Varoufakis bleibt dabei, der Film, in dem er Deutschland einen Stinkefinger zeigt, "wurde gefälscht". Dabei spricht einiges dafür, dass die Sequenz echt ist.

Hamburg - Auf Twitter tobt die Debatte über den Mittelfinger des griechischen Finanzministers. Unter dem Hashtag #FingerGate spekulieren Twitterer über die Echtheit des Videos. Viele Millionen Zuschauer haben am Sonntagabend "Günther Jauch" gesehen - nun gibt es Streit über die Glaubwürdigkeit des dort gezeigten Bildmaterials. Und über die Glaubwürdigkeit von Giannis Varoufakis.

Darum geht es: In einem Einspieler in der ARD-Talksendung mit Günther Jauch (die Sendung sehen Sie hier in der ARD-Mediathek) sagte Varoufakis mit Blick auf die Eurokrise, dass Berlin die Probleme allein regeln könne und Griechenland Deutschland den Mittelfinger hätte zeigen sollen - den er dabei in Richtung der Kamera streckt.

"Diesen Finger habe ich nicht gezeigt. Das ist ein unechtes Video", behauptet Varoufakis im Live-Interview bei Jauch. Bei dieser Darstellung bleibt er auch am Tag nach der Sendung. Er sagte SPIEGEL ONLINE: "Das Video wurde ohne jeden Zweifel gefälscht." Zugleich erhebt er Vorwürfe gegen die Jauch-Redaktion. Diese habe ihn absichtlich schlecht dargestellt.

Woher stammt das Filmmaterial?

Die Sequenzen wurden in Zagreb aufgenommen, wo Varoufakis am 15. Mai 2013 eine Rede hielt. In der kroatischen Hauptstadt war er zu Gast bei dem alternativen "Subversive Festival", bei dem auch Alexis Tsipras bereits sprach, ebenso die Tochter von Ernesto "Che" Guevara, politische Philosophen oder Literaturtheoretiker. Varoufakis trat dort als Wirtschaftswissenschaftler und Kritiker der damaligen griechischen Regierung auf.

Während Varoufakis nun sagt, der Mittelfinger sei in das Video montiert worden, betont Alessandro Del Prete auf Twitter, er habe lediglich sechs Minuten aus dem 57-minütigen Vortrag geschnitten und den kurzen Clip bei YouTube hochgeladen. Mehr habe er mit dem Filmmaterial nicht gemacht, schreibt er SPIEGEL ONLINE. "Absolutely not fake", twittert er (auf Deutsch: "Absolut nicht gefälscht."). Er habe sich das Video mehrfach angeschaut, antwortet er Journalisten, die ihn auf die Echtheit des Videos angesprochen hatten: "Schau dir die Lippen an, er sagt, was wir hören, und der Mittelfinger ist sichtbar. Kein Fake. :)".

In einer zweiten Mail weisen die Veranstalter darauf hin, dass Varoufakis den Mittelfinger zweimal gezeigt habe. Jeder Anwesende habe verstanden, dass die Geste nicht Deutschland oder den Deutschen gegolten habe, sondern der "neoliberalen Zerstörung", der "Schulden-Sklaverei" und der "neo-kolonialen Herrschaft".

Die Langversion der Rede, die offenbar aus dem Umfeld des "Subversive Festivals" auf dem YouTube-Kanal namens Skripta TV gepostet wurde, bestätigt die Version Del Pretes. Marko Kostanic, der Moderator der Veranstaltung, sagte SPIEGEL ONLINE, er erinnere sich nicht an die Geste. Es sei jedoch unwahrscheinlich, dass jemand das Video bearbeitet habe. In Deutschland berichtete die "Bild"-Zeitung Ende Februar das erste Mal über den Stinkefinger-Auftritt.

Was sagen die Video-Experten?

Es gibt keinerlei Hinweise auf eine Manipulation, weder inhaltlich noch technisch. Stutzig machen jedoch die roten Einzelbilder, die an verschiedenen Stellen des Videos auftauchen. Woher sie stammen, bleibt unklar. Aber: Da die roten Frames weder Varoufakis' Bewegung noch den Fluss seiner Rede unterbrechen oder verändern, gehen Fachleute derzeit von technischen Fehlern im Bildmaterial aus. Solange also kein weiteres Video des Auftritts auftaucht, das sich von der jetzt bekannten Version unterscheidet, gibt es vorerst keinen Beleg dafür, dass die Bilder manipuliert wurden.

Varoufakis bei Jauch am Sonntag Zur Großansicht
NDR

Varoufakis bei Jauch am Sonntag

Was sagt Varoufakis?

Der griechische Finanzminister nennt den Videoausschnitt eine Fälschung. Auch am Montag bleibt er bei dieser Version: "Das Video wurde ohne jeden Zweifel gefälscht", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Es ist der beklagenswerte Versuch, eine TV-Show zu torpedieren, in der ich versucht habe, dem deutschen Publikum eine Hand der Freundschaft anzubieten." Er beklagte weiter, dass die TV-Produktionsfirma von Jauch seinen Auftritt sabotiert habe: "Es ist unvorstellbar, dass sie (die Redaktion - Anm. der Redaktion) nicht wussten, dass das Video gefälscht wurde."

Noch in der Live-Sendung hatte er unter anderem gesagt:

"Das Material ist von der Konferenz, sehr wohl. Aber der Finger ist reinmontiert worden. Das sage ich ihnen ohne jeden Zweifel fest zu. Nehmen Sie es einfach hin. Das hat es nicht gegeben."

"Das ist so montiert worden. Ich habe so etwas nie gemacht. Ich schäme mich dafür, dass man mir so etwas zutraut, ein solches Video. Ich bin sicher, dass haben Sie nicht gewusst. Aber das ist getürkt. Diesen Finger habe ich nicht gezeigt."

Und was sagt die Redaktion von Jauch?

"Seine Vorwürfe, dass wir sabotieren, weisen wir zurück", sagte Simone Bartsch, die Sprecherin der Jauch-Produktionsfirma. "Wir sehen nach bisherigem Kenntnisstand überhaupt keine Anzeichen von Manipulation oder Fälschung im Video." Am Montagnachmittag verschickte die Produktionsfirma eine Pressemitteilung, in der sie den Filmausschnitt nach Prüfung mehrerer Experten authentisch nennt. Auch ein Sprecher des für die Talkshow zuständigen NDR hatte zuvor gesagt: "Es gibt im Moment keine Anzeichen dafür, dass das Video gefälscht ist." Man prüfe den Vorgang.

Die Redaktion muss sich im Zusammenhang mit dem Video jedoch auch noch mit anderen Vorwürfen auseinandersetzen: So war die Sequenz, die im Rahmen eines Einspielfilms über Varoufakis (den Beitrag sehen Sie hier in der ARD-Mediathek ab Minute 24:00) gezeigt wird, zwar für wenige Sekunden mit der eingeblendeten Zeitangabe "Mai 2013" versehen. Der Zuschauer bekam in der Jauch-Sendung aber den Eindruck, Varoufakis beziehe sich mit seiner Geste auf die aktuellen Spannungen mit Deutschland im Schuldenstreit. Darum geht es aber nicht.

Tatsächlich spricht Varoufakis sogar über das Jahr 2010, also über die Anfänge der griechischen Staatsschuldenkrise. Damals, so referiert Varoufakis auf der Konferenz in Zagreb, habe er für sein Land einen Weg vorgeschlagen, wie ihn einst Argentinien gegangen sei. Griechenland hätte demnach im Januar 2010, also noch vor dem ersten Hilfspaket, den Staatsbankrott erklären und Deutschland den "Finger zeigen" sollen - nach dem Motto: "Ihr könnt das Problem jetzt allein lösen."

Dieser zeitliche und inhaltliche Zusammenhang wird bei Jauch durch die starke Verkürzung aber nicht klar. Andreas Cichowicz, Fernseh-Chefredakteur des NDR, kommentierte die Kritik so: "Dass er sich auf 2010 bezog, hätte man allerdings sagen sollen."

Ein Sprecher des NDR ergänzte auf Nachfrage: "Mehr ist dazu nicht zu sagen."


Der Streit um die Griechenland-Hilfen in Zitaten:

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 224 Beiträge
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1. Ich fand den Tonfall in der Sendung nicht korrekt
shooop 16.03.2015
Sowohl Herr Jauch als auch der "Pöbler" aus Bayern haben sich Herrn Varoufakis gegenüber abfällig benommen. Ich fand es zum Fremdschämen und habe weggeschalten.
2. Was ist unklar? Er sagt und zeigt es doch im Interview!
m_s@me.com 16.03.2015
Sagt " .. show Germany the Finger ... " und visualisiert es zeitgleich mit einer international bekannten Geste. Klarer geht es nicht. Der Mann ist Professor und kommuniziert insgesamt ziemlich versiert und professionell. Ich finde das zwar fragwürdig, aber es kann in der Hitze des Gefechts schonmal passieren. Kläglich und herabwürdigend ist aber der Versuch von Varoufakis, das zu leugnen. Da wurde es erst richtig doof.
3. Varoufakis hat doch
ritterrippo 16.03.2015
nur den Steinbrück-Stinkefinger übernommen. Das ist in Finanzkreisen normaler, stinknormaler Umgangston.
4. Ja, wenn er das sagt...
manniac 16.03.2015
...wird es auch so stimmen. Genau so wie die Tatsache, daß Griechenland keine Kredite mehr braucht. Hat erschließlich auch gesagt.
5. Sind Griechen die besseren Deutschen?
bernd.stromberg 16.03.2015
Offensichtlich zumindest Weltklasse im klagen und jammern. Man muss sich in diesem Punkt fragen: sind Griechen die besseren Deutschen? ;-)
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