Mutmaßlicher Terroranschlag Stockholm, 14.53 Uhr

Der mutmaßliche Terroranschlag mit einem Lkw trifft das Zentrum Stockholms zum empfindlichsten Zeitpunkt. Die Behörden reagieren besonnen und nach Plan - und die schwedische Gesellschaft rückt zusammen.

Aus Stockholm berichtet


Der Terror kommt um 14.53 Uhr. Ein Brauereilastwagen biegt in Stockholms Fußgängerzone Drottninggatan ein und rast ins Kaufhaus Åhléns, mehrere Menschen werden verletzt, nach bisherigem Kenntnisstand werden mindestens vier Menschen getötet. Freitagnachmittag ist die Stadt voller Shopper und Touristen. Wer auch immer einen Terroranschlag plant, dies ist der Zeitpunkt. Nizza, Berlin, London, Sankt Petersburg. Nun Stockholm.

Zeugen in den belebten Straßen der Stockholmer Innenstadt berichten atemlos von der Wahnsinnsfahrt des gekaperten Fahrzeugs, von Blut auf der Straße, Ecke Kungsgatan Drottninggatan. Innerhalb von Minuten erreichen Handyvideos das geschockte Land. Man sieht Menschen in Panik durch die Innenstadt rennen, unter Jacken verborgene Körper, die vom Lastwagen überrollt wurden.

Aus den Fenstern des Kaufhauses Åhléns schießen Flammen, Rauch steigt auf. Tausende Menschen sind in Geschäften und an ihren Arbeitsplätzen gefangen und wissen nicht, ob noch weitere Anschläge kommen. Ein Zeuge riecht geistesabwesend während seiner Erzählung an seinen Fingern - gerade noch hatte er in der Kosmetikabteilung des Kaufhauses gestanden und sich auf der Flucht mit Parfüm bekleckert.

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Stockholm: Tote und Verletzte in der Innenstadt

Stockholm reagiert besonnen

Doch bei allem Schock angesichts der schrecklichen Tat: Stockholm und die schwedischen Behörden reagieren ruhig und besonnen und offenbar nach einem detaillierten Plan auf diesen Ernstfall. Es scheint, dass die schwedischen Behörden nicht nur mit einem Attentat dieser Art gerechnet haben, sondern minutiös vorbereitet haben, was welche Behörden in welcher Reihenfolge tun sollen.

Zum Zeitpunkt des Anschlags befinden sich viele Menschen auf dem Heimweg, in der Bahn, in Bussen. Die Menschen sitzen über ihre Handys gebeugt, als sie die Nachricht des Attentats erreicht. Kopfschütteln. Man ruft seine Familien an, schickt Textmitteilungen: Ich bin in Sicherheit. In Gegenrichtung kommen Ambulanzen und Polizeiwagen. Diszipliniert bilden Autofahrer mit ihren Fahrzeugen Gassen für die Rettungskräfte. Man bleibt erstaunlich gelassen.

Fußgängerzone Drottninggatan nach dem Anschlag
REUTERS

Fußgängerzone Drottninggatan nach dem Anschlag

Tatsächlich sind Krankenwagen und Polizei in großer Zahl da, wo sie sein sollen. Rechtzeitig. Straße um Straße wird die Innenstadt abgesperrt und evakuiert. Zwar weiß niemand am frühen Abend, ob es sich um ein Einzelattentat handelt, oder ob weitere Anschläge bevorstehen oder bereits stattgefunden haben. Der Zusammenhang mit einer zunächst berichteten Schießerei in einem anderen Stadtteil der Stadt, auf der Insel Kungsholmen, wird rasch zurückgewiesen. Am Abend zeigt sich: eine Schießerei auf Kungsholmen hat nicht stattgefunden.

Große Hilfsbereitschaft

Auf Facebook und Instagram hat sich spontan die Initiative "#OpenStockholm" (offenes Stockholm) gebildet. Da Zehntausende Menschen in der Stadt gestrandet sind - Touristen, Shopper, Angestellte -, bieten sie fremden Menschen Platz in ihren Wohnungen an. Die schwedische Gesellschaft rückt zusammen, zeigt sich von ihrer mitmenschlichen Seite.

In der Liveschaltung des Fernsehsenders SVT erklärt der Terrorexperte Mats Brun, dass es keineswegs sicher sei, ob es sich um einen islamistischen Anschlag handelt. Ebenso gut könne es die Tat rechtsradikaler Extremisten oder eines Verwirrten gewesen sein. Er hebt jedoch hervor, dass die Terrorvorbeugung offenbar effektiv sei, da kein Sprengstoff eingesetzt oder gefunden worden sei. Das zeige, dass es Terroristen in Schweden nicht möglich sei, an gefährliche Waffen oder Sprengstoffe zu kommen, so Brun. "Meiner Meinung nach ist es eine Verzweiflungstat." Und die war schlimm genug.

Gleichzeitig weist der politische Kommentator Mats Knutson darauf hin, dass dies natürlich auch zeige, wie effektiv die Überwachung bereits sei und der schwedischen Gesellschaft eine möglicherweise noch viel kraftvollere Beschneidung persönlicher Integrität bevorstünde. Bisherige Widerstände gegen noch weitreichendere Kamera-Überwachung öffentlicher Plätze und Beschränkungen des Reiseverkehrs würden sich "in diesem Klima nicht aufrecht erhalten lassen", sagt Knutson, der als Autorität in öffentlichen Debatte in Schweden gilt.

Schon heute gelten die Schweden als die gläsernsten Bürger Europas. Das Risiko bestünde, dass die Privatsphäre bald gänzlich beseitigt würde, so Knutson. Niemand in Schweden hat das totale Fahndungsdesaster nach dem Mord an Ministerpräsident Olof Palme vor mehr als 30 Jahren vergessen. Die Menschen wollen Erfolge des Sicherheitsapparats.

Am Abend bekommen sie die geliefert. Die schwedische Polizei hat die Festnahme einer verdächtigen Person bestätigt. Nähere Angaben zur Identität des Festgenommenen oder dem gegen ihn bestehenden Verdacht machte der Sprecher zunächst nicht.

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