Störfall in Schweden Atommeiler 22 Minuten außer Kontrolle

Blindflug im Atomkraftwerk: Der jüngste Zwischenfall in einem schwedischen Atomkraftwerk war der gefährlichste seit dem Unglück in Tschernobyl. 22 Minuten lang waren die Arbeiter nach einem Kurzschluss kaum noch über den Zustand der Anlage informiert.


Berlin - Die schwedische Atomaufsichtsbehörde SKI hat den Zwischenfall in Forsmark inzwischen so weit wie möglich rekonstruiert. Ein Kurzschluss hat demnach einen Fehler verursacht. Laut einem Bericht des "Hamburger Abendblatts" wurde der Atommeiler nach dem Kurzschluss vom Stromnetz getrennt. Nur weil zwei der vier baugleichen Dieselaggregate doch noch ansprangen, konnte in Forsmark ein Teil der Notkühlung wieder in Betrieb genommen werden. Die Betriebsmannschaft habe über zwanzig Minuten lang nicht alle Informationen über den tatsächlichen Zustand der Anlage gehabt. Erst nach genau 21 Minuten und 41 Sekunden konnten die Angestellten reagieren. "Angst hatte ich keine, ich wusste einfach, dass ich schnell handeln musste", sagte Reaktorbetreiber Nicklas Sjulander der schwedischen Zeitung "Expressen". Ein Angestellter des Kraftwerks sagte schwedischen Zeitungen, dass ein Reaktor kurz vor der Kernschmelze gestanden habe. Teile des Notkühlsystems und die Schnellabschaltung hätten aber funktioniert.

Schwedischen Medienberichten zufolge tauchte während der Störung ein bisher unbekannter technischer Fehler auf, mit dem offenbar in allen schwedischen Atomkraftwerken gerechnet werden muss.

In einem ersten Bericht befand die SKI, dass die Betreiber in der Situation richtig gehandelt hätten. "Meiner Ansicht nach wurde die Angelegenheit von den Medien übertrieben", sagte Jan Blomstrand, Mitglied des SKI-Gremiums für Reaktorsicherheit. Die zwei übrigen Generatoren hätten falls nötig ausreichend Strom für den Reaktor erzeugt. Ein ausführlicher Bericht wird in den kommenden Tagen erwartet.

Gestern wurden in Schweden aus Sicherheitsgründen zwei weitere Atomreaktoren abgeschaltet. Die Betreibergesellschaft erklärte, der Schritt sei erfolgt, weil die Sicherheit in der Anlage in Oskarshamn nicht garantiert werden könne.

Die Nuklearbehörde SKI rief am Donnerstag eine Krisensitzung ein. SKI-Sprecher Anders Bredfell erklärte, die beiden Atommeiler in Oskarshamn blieben so lange außer Betrieb, bis geklärt sei, ob die Ersatzgeneratoren dort auf die gleiche Weise versagen könnten wie in Forsmark.

Nach den jüngsten Abschaltungen sind in Schweden derzeit nur noch fünf von insgesamt zehn Atomreaktoren im Betrieb. Ein weiterer Reaktor in Forsmark sowie einer in Ringhals wurden zwecks jährlicher Wartungsarbeiten schon früher abgeschaltet. Die schwedische Energiebehörde betonte jedoch, dass die Stromversorgung im Land weitgehend gesichert sei, da man in den Sommermonaten auf Wasserkraft zurückgreifen könne.

Der schwedische Kernkraftexperte Höglund, als Chef der Konstruktionsabteilung des schwedischen Vattenfall-Konzerns auch für den Forsmark-Reaktor zuständig, hatte die Störung in Forsmark als "den schwersten Zwischenfall seit Tschernobyl und Harrisburg" bezeichnet. Er warf den Betreibern vor, den Zwischenfall zu bagatellisieren. Die staatliche Atombehörde SKI hatte Höglunds Einschätzung als "übertrieben" zurückgewiesen.

Ein Sprecher der Betreiberfirma des AKW Oskarshamn sagte, ein ähnlicher Vorfall wie in Forsmark könne nicht ausgeschlossen werden. Zwei Reaktoren wurden dort heruntergefahren, nun sollen Anweisungen der Behörden zur Verbesserung der Sicherheit abgewartet werden. Das Kraftwerk gehört zum deutschen Energiekonzern Eon.

Nach Bekanntwerden der Reaktorschließung stiegen die Strompreise in Schweden auf ein Rekordhoch. Das Land steht am Anfang des Ausstiegs aus der Atomenergie und hat seit 1999 bereits zwei der ehemals zwölf Reaktoren stillgelegt. Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage zeigt jedoch, dass eine wachsende Zahl von Bürgern an der Nukleartechnologie festhalten will. Nahezu die Hälfte des schwedischen Strombedarfs wird derzeit durch die Atomkraftwerke gedeckt.

ler/Reuters/AP



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