Stoibers Sturz Türken feiern Gabriele Pauli

Die Türken entdecken eine neue Heldin: Massenblätter bejubeln die Stoiber-Kritikerin Gabriele Pauli, weil sie den bayerischen Ministerpräsidenten und Feind eines türkischen EU-Beitritts gestürzt hat.


Istanbul - Im Grunde gilt in der Türkei die alte Maxime "Der einzige Freund eines Türken ist ein Türke" auch heute noch, doch Ausnahmen sind möglich. Wer etwa den Beitritt der Türkei zur EU unterstützt oder seine Liebe zu dem Land und seinen Menschen erklärt, wird auch als Ausländer zum Bundesgenossen.

Gabriele Pauli in der türkischen Zeitung Hürriyet
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Gabriele Pauli in der türkischen Zeitung Hürriyet

Die neueste und wohl schillerndste Freundin der Türken ist die Fürther Landrätin Gabriele Pauli, 49. Sie hat Großes vollbracht: Sie hat "den Türkei-Gegner Edmund Stoiber gestürzt", wie heute die türkischen Massenblätter "Hürriyet" und Milliyet" groß auf ihren Titelseiten feiern. Stoibers Ziel sei es gewesen, "den Beitritt der Türkei in die EU zu verhindern". Dafür habe er mit dem französischen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy - auch so ein Feind der Türken - schon Schlachtpläne geschmiedet. Nun ist er weg. "Seine östliche Schläue hat im EU-Land Deutschland nicht verfangen", höhnt "Milliyet".

Gleich mit mehreren Schmuckbildern, die die schöne Landrätin mal im schwarzen Samtdirndl, mal im feschen Stadtkostüm zeigen, wird die rebellische CSU-Frau dafür als Heldin gewürdigt. Die "Hürriyet" hat für ihre Titelseite sogar eine Aufnahme ausgewählt, auf der Frau Pauli ein Mokkatässchen mit türkischem Kaffee hochhält.

"Ich liebe türkischen Wein, Döner und Kaffee, ich möchte nicht darauf verzichten", bekennt sie einem Reporter dann im Interview. Der lässt sich dann gleich begeistert mit ihr ablichten. Pauli hat den Berichten zufolge schon mehrmals Urlaub in der Türkei gemacht und hat dabei gelernt, "wie nahe die Türken den Deutschen stehen".

Sie findet, sowohl Ankara als auch Istanbul seien im Grunde "europäische Städte", versäumt es aber auch nicht, auf das große Gefälle in den türkischen Dörfern hinzuweisen. Selbst als es zur Herzensfrage des Türkei-Testes kommt, "Würden Sie ihre Tochter mit einem Türken gehen lassen?", knickt sie nicht ein. "Na, wenn meine Tochter glücklich wäre, warum sollte ich mich dagegen stellen?", beteuert die Mutter einer 19-jährigen Tochter.

Ein Problem hat Frau Pauli dann doch: "Die Türkei-Freundin ist Kopftuch-Gegnerin", meldet "Milliyet", auch wenn sie noch differenzierend hinzusetzt, man sollte hinsehen, wer sich aus welchen Gründen verschleiere. Kennt sie türkische Literatur? Ach, ja, gerade liest sie den brasilianischen Autor Paulo Coelho, doch ihre nächste Lektüre, verspricht sie, wird ein Buch des preisgekrönten türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk sein.

Auch wenn sie es jetzt eigentlich nicht mehr braucht, zum Abschied schenkt ihr der nach Nürnberg entsandte "Milliyet"-Korrespondent lieber doch einen Glücksbringer: ein "nazar boncu", das traditionelle türkische Glasmedaillon gegen den bösen Blick.



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