Anschlag in Straßburg Polizei fahndet öffentlich nach Chérif Chekatt

Die französische Polizei intensiviert ihre Suche nach dem mutmaßlichen Schützen von Straßburg: Sie hat Fahndungsfotos veröffentlicht und ruft die Bevölkerung zur Mithilfe auf.


Die französische Polizei fahndet nach dem Anschlag am Straßburger Weihnachtsmarkt öffentlich nach dem flüchtigen Verdächtigen Chérif Chekatt. In einem offiziellen Fahndungsaufruf veröffentlichte sie Fotos des 29-Jährigen und bat die Bevölkerung um Mithilfe.

Der Gesuchte sei "gefährlich", warnte die französische Polizei auf Twitter. "Greifen Sie auf keinen Fall selber ein." Chekatt ist demnach 1,80 Meter groß und hat eine "normale Statur". Er trage die Haare kurz und habe eventuell einen Bart. Wer Informationen über seinen Aufenthaltsort habe, solle sofort die Polizei verständigen. In Deutschland kann dafür der Polizeinotruf 110 gewählt werden, teilte die Bundespolizei Baden-Württemberg auf Twitter mit.

Nach Angaben der französischen Staatsanwaltschaft eröffnete Chekatt am Dienstagabend mit einer automatischen Pistole das Feuer nahe dem Straßburger Münster, wo auch in diesem Jahr der Weihnachtsmarkt stattfindet. Er sei dann durch die Fußgängerzone gelaufen und habe Menschen beschossen und mit einem Messer angegriffen. Generalstaatsanwalt Rémy Heitz sagte, der Schütze habe während seiner Tat "Allahu akbar" (Allah ist groß) gerufen. Die Behörden gehen deshalb von einem islamistischen Terroranschlag aus.

Sechs Menschen schweben weiter in Lebensgefahr

Zwei Menschen, unter ihnen ein thailändischer Tourist, wurden nach Behördenangaben getötet, ein drittes Opfer wurde später für hirntot erklärt. Zwölf Menschen wurden verletzt. Sechs von ihnen schweben weiter in Lebensgefahr. Deutsche sind nach offiziellen Angaben aus Berlin nicht unter den Opfern.

Der Täter wurde nach Angaben der französischen Staatsanwaltschaft vor seiner Flucht von Soldaten verletzt. Er entkam demnach mit einem gestohlenen Taxi. Nach dem Anschlag haben Ermittler vier Menschen aus dem Umfeld Chekatts in Gewahrsam genommen.

Auch die deutsche Polizei sucht nach Chekatt

In Frankreich beteiligten sich nach Angaben des Innenministeriums mehr als 700 Sicherheitskräfte an der Fahndung nach dem gebürtigen Straßburger. Sie schließen nicht aus, dass Chekatt nach Deutschland gelangt sein könnte. Deshalb fahndet auch die Bundespolizei "mit verstärkten Kräften" im deutsch-französischen Grenzgebiet. Es kann zu Verzögerungen beim Grenzübertritt kommen. Die französische Regierung rief die höchste Terrorwarnstufe aus.

"Das Land wird durchgerüttelt" - Videoanalyse von SPIEGEL-Korrespondentin Julia Amalia Heyer:

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Chekatt ist deutschen Behörden als Intensivtäter bekannt, wie der SPIEGEL erfuhr. Er saß wegen Einbruchsdelikten mehrere Jahre in Haft. Nach Behördenangaben ist der Verdächtige in Deutschland, Frankreich und der Schweiz insgesamt 27 Mal verurteilt worden. In Frankreich wurde er als Gefährder eingestuft. Auf einer Pressekonferenz sagte der französische Innenstaatsekretär Laurent Nunez, während Chekatts Zeit im Gefängnis wurde "eine Radikalisierung in seiner religiösen Praxis festgestellt". Deshalb sei er überwacht worden.

Im Jahr 2017 wurde Chekatt schließlich von Deutschland nach Frankreich abgeschoben. Die zuständige Ausländerbehörde bescheinigte ihm damals eine "hohe kriminelle Energie" und eine "von rücksichtslosem Profitstreben geprägte Persönlichkeitsstruktur", wie es in einem Schriftstück heißt. Zugleich wurde Chekatt die Wiedereinreise nach Deutschland für die Dauer von zehn Jahren verboten.

Chekatt entging Festnahme nur Stunden vor dem Anschlag

Am Morgen vor der Tat hatte die französische Polizei Chekatts Wohnung aufgesucht, um ihn im Zusammenhang mit "einer versuchten Tötung" bei einem Raubüberfall zu verhaften, sagte Innenstaatsekretär Nuñez. Sie trafen Chekatt aber nicht an. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden die Ermittler nach Angaben der Staatsanwaltschaft jedoch eine Granate, Munition und vier Messer.

Chekatt ist französischer Staatsbürger. Im Urteil des Amtsgerichts Singen heißt es, er sei zusammen mit sechs Geschwistern im Elternhaus in Straßburg aufgewachsen, habe einen Hauptschulabschluss, aber keine Berufsausbildung. Nach der Schule habe er bei der Gemeinde gearbeitet, seit 2011 sei er arbeitslos gewesen und nach eigener Aussage viel gereist.

kko/AFP/dpa



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