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Straßenkampf in Tripolis: Die letzten Schergen des Regimes sitzen in der Falle

Aus Tripolis berichtet

Haus für Haus, Straße für Straße rücken die Rebellen im Süden von Tripolis vor. Das Stadtviertel Abu Salim ist Rückzugsgebiet der letzten Getreuen des Despoten Muammar al-Gaddafi. Die Umzingelten haben nichts mehr zu verlieren - sie kämpfen ums nackte Überleben.

Die Jubelfeiern über den vermeintlichen Sieg der Rebellen und ihr entscheidender Kampf liegen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Es ist Mittag in der Hauptstadt. Langsam erwacht die Stadt aus der trägen Ruhe des Morgens während des Fastenmonats Ramadan, Hunderte Libyer strömen auf Erkundungstour in das Zentrum der Macht des Diktators Muammar al-Gaddafi. Bis Dienstag war hier, in der Militärbasis Bab al-Asisija, die umgeben ist von drei Sicherheitsringen, der Hauptsitz der kleinen Clique des exzentrischen Despoten. Mitten darin, in einer riesigen, grünen Parkanlage, stand das Beduinenzelt Gaddafis. Dort empfing er einst bei Kamelmilch und Datteln Staatsgäste wie Gerhard Schröder oder Tony Blair.

Die riesigen Zelte Gaddafis sind nicht mehr zu sehen, sie sind abgebrannt bei den stundenlangen Kämpfen rund um die Basis, die schließlich am Mittwoch von den Rebellen eingenommen wurde. In der Ruine eines der Gebäude auf dem Gelände stehen nun Rebellen. Mit ihren Kalaschnikows ballern sie in die Luft. Davor drängeln sich Einwohner der Stadt, oft angereist mit Kindern und Frauen, und fotografieren unablässig mit ihren Handy-Kameras.

Im Jubelfeuer geht der Gefechtslärm des eigentlichen Kampfs gegen die letzte Bastion des Despoten in der Hauptstadt fast unter. Es sind nur fünf Gehminuten in Richtung Osten bis zu dieser kaum sichtbaren, aber entscheidenden Front des Kriegs. Gleich hinter einem Kreisverkehr liegt das Stadtviertel Abu Salim, ein unscheinbarer Bezirk aus drei- und viergeschossigen Wohnhäusern, die sich am Rand des Zoos von Tripolis erstrecken.

An den Häusern prangen noch immer Jubelplakate

Von außen wirkt das Viertel, als ob es die Revolution in Libyen nicht gegeben hätte. An den Fahnenmasten rund um den Kreisverkehr wehen noch immer die grünen Fahnen des alten Libyens. An den Häusern prangen noch immer Jubelplakate mit Lobparolen über den angeblich vom Volk geliebten Führer, die sonst überall in der Stadt schon verbrannt oder zerstört wurden. Die Apartmentblocks sind nun das letzte Gebiet der Stadt, das die Rebellen noch nicht eingenommen haben. Seit drei Tagen rennen sie gegen die letzten Getreuen Gaddafis an, es ist der finale Kampf um die Übernahme der Stadt. "Wenn wir Abu Salim geknackt haben", sagt einer der Rebellen, "ist der Kampf um Tripolis, möglicherweise um das ganze Land, endgültig vorbei." Sogar Gaddafi selbst, das jedenfalls geistert als Gerücht durch die Stadt, soll sich mit seinem Sohn Saif in den Blocks verschanzt halten.

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Jagd auf Gaddafi: Sturm auf Abu Salim
Wirklich geplant wirkt die Offensive nicht, vielmehr rennen die Rebellen ohne Rücksicht auf Verluste in Richtung eines unsichtbaren Gegners. Mit quietschenden Reifen rasen alle paar Minuten kleine Gruppen mit ihren Pick-ups über den Kreisverkehr auf die Wohnblocks zu. Minutenlang feuern sie offenbar ungezielt aus Gewehren und Flugabwehrgeschützen, die auf die Ladeflächen geschweißt sind, auf die Blocks. Nach ein paar Minuten ziehen sie sich dann wieder zurück. "Überall in den Häusern liegen Scharfschützen von Gaddafi", sagt einer der jungen Kämpfer, "sie haben in den letzten Tagen Dutzende Menschen erschossen, darunter viele von unseren Revolutionären." Wie viele Getreue Gaddafis genau noch gegen die Rebellen kämpfen, weiß niemand. Jedenfalls sollen es noch mehrere hundert sein, die bis an die Zähne bewaffnet sind.

"Bu Slim" ist die letzte Kampfzone der Stadt

Abu Salim, im Kampfjargon der Rebellen nur "Bu Slim" genannt, ist eine Art Gefängnis der brutalen Wächter des Gaddafi-Regimes geworden. Dort haben sich seit Wochen versprengte Schergen des Diktators, aufgerieben vom Kampf gegen die anstürmenden Rebellen, zurückgezogen. Sie wussten schlicht nicht mehr, so erzählen es die Menschen in Tripolis, wohin sie sonst gehen sollten. Libysche Soldaten und angeblich Tausende Afrikaner, einst als Söldner angeworben und mit der Zuerkennung der libyschen Staatsangehörigkeit geködert, hätten sich hier verschanzt. "Bu Slim" ist die letzte Kampfzone der Stadt, aber es ist ein Kampf der Verzweifelten, die nichts mehr zu verlieren haben außer ihrem Leben. "Töten oder getötet werden", so beschreibt ein Angehöriger der Revolutionseinheiten achselzuckend die Situation der letzten Kämpfer von Gaddafi.

Dass gerade in Abu Salim die Entscheidungsschlacht ausgefochten wird, hat eine gewisse Ironie. Genau hier, nur einen Steinwurf entfernt von Gaddafis Herrscherzelt, hatte der Aufstand der Libyer seinen eigentlichen Ursprung. Der Name Abu Salim steht für eines der vielen Gefängnisse des Landes. Hier beendete das Regime im Jahr 1996 eine Revolte der Häftlinge mit einem Blutbad. Es war kein politischer Protest. Die armen Teufel, meist willkürlich vom Regime inhaftiert, wollten die Ausgabe von Decken, eine minimale medizinische Versorgung und das Recht, sich vor dem Gebet waschen zu dürfen, durchsetzen. "Es war ein Kampf um ein bisschen Menschlichkeit", sagt ein ehemaliger Insasse. Das Regime zeigte keine Gnade. Drei Tage lang schossen Wachen und Soldaten, bis alle Insassen tot waren. 1200 Menschen sollen damals ermordet worden sein.

Es war der Zorn ihrer Mütter, Frauen und Väter, der die Revolution mitauslöste. Die meisten der Toten von 1996 waren aus den östlichen Provinzen gekommen, der Heimat der gestürzten Monarchie, deren Bewohnern Gaddafi stets misstraut hatte. Vor allem dort, in der alten Metropole Bengasi, gaben die Angehörigen der Toten nicht auf. Obwohl es für sie selbst lebensgefährlich war, forderten sie Rechenschaft oder wenigstens eine Erklärung des Regimes, was hinter den Mauern von Abu Salim geschehen war. Tatsächlich gelang es ihnen, ab 2008 die einzigen erlaubten winzigen Demonstrationen gegen Gaddafis Machtapparat durchzusetzen: Einmal in der Woche durften sich die Mütter und Frauen der Getöteten in Bengasi zur Mahnwache versammeln. Gaddafi-Sohn Saif al-Islam bot den Familien Schweigegeld, aber sie wollten ein öffentliches Bekenntnis.

Es war nur ein winziger Funke des Aufbegehrens, aber er löste letztlich den Aufstand gegen Gaddafi und seine Machtclique aus, die Festnahme des Familienanwalts Fata Terbel Mitte Februar war der Keim der Revolution. Die ersten Demonstrationen im Osten breiteten sich rasend schnell aus und führten letztlich zum Krieg gegen Gaddafi. Dieser Krieg, so jedenfalls sagen es die Strategen der Rebellen, werde nun in Abu Salim entschieden.

Am Freitag wollen sie die letzte Bastion des Despoten endgültig einnehmen. Wenn Gaddafi bei diesem Kampf festgenommen oder getötet würde, wäre der Krieg in Libyen wohl endgültig vorbei. Das Viertel Abu Salim würde dann in die Geschichtsbücher eingehen: als Keimzelle und Endpunkt der libyschen Revolution.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Unglaublich!
andreasneumann2 26.08.2011
Tripolis hat ca. zwei Millionen Einwohner und jetzt noch eine Million Flüchtlinge aus dem Umland. Und die Nato bombt in diese Großstadt hinein und bringt Frauen und Kinder um. Die medizinische Versorgung für die Menschen dort ist zusammengebrochen, es gibt kein Trinkwasser mehr für mehr als drei Millionen Menschen und keine Lebensmittel mehr. Und die Nato bombt und bombt in die Wohngebiete hinein. Das erinnert mich doch ein wenig an Dresden. Der Skandal ist doch dass die Nato bei ihren Kriegsverbrechen Narrenfreiheit hat und unsere Medien die letzte Glaubwürdigkeit verloren haben.
2. Kein Völkermord?
tkgdfk 26.08.2011
Zitat von sysopHaus für Haus, Straße für Straße rücken die Rebellen im Süden von Tripolis vor. Das Stadtviertel Abu Salim ist Rückzugsgebiet der letzten Getreuen des Despoten Muammar al-Gaddafi. Die Umzingelten haben nichts mehr zu verlieren - sie kämpfen ums nackte Überleben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,782542,00.html
Die Rebellen gehen von Haus zu Haus und feuern mit Raketen in die Fenster, bringen alle um die sie finden können, Gefangene werden später exikutiert. War da nicht was? Hatte man der libyschen Regierung nicht unterstellt sie häte so etwas in Benghasi vor und war das nicht der offizielle Anlass den Angriffskrieg zu beginnen? Den Massenmedien fehlt nach wie vor jede Spur von Objektivität. Anstatt die feigen Lynchmorde der Allah al akhbar Killer zu verurteilen gibt man noch denen die Schuld die sich gegen die Übergriffe zur Wehr setzten.
3. ...
sagichned 26.08.2011
Am Freitag wollen sie die letzte Bastion des Despoten endgültig einnehmen. Wenn Gaddafi bei diesem Kampf festgenommen oder getötet würde, wäre der Krieg in Libyen wohl endgültig vorbei. Das Viertel Abu Salim würde dann in die Geschichtsbücher eingehen: als Keimzelle und Endpunkt der libyschen Revolution ..... Genau, so wie damals bei saddam. Hat sich sarkozy schon auf einen flugzeugträger begeben? Sind mission accomplished banner shon fertig aufgehängt?
4. Spiegel wählt die Worte Gaddafis
observatorius 26.08.2011
Zitat von sysopHaus für Haus, Straße für Straße rücken die Rebellen im Süden von Tripolis vor. Das Stadtviertel Abu Salim ist Rückzugsgebiet der letzten Getreuen des Despoten Muammar al-Gaddafi. Die Umzingelten haben nichts mehr zu verlieren - sie kämpfen ums nackte Überleben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,782542,00.html
Der Spiegel macht sich die Wortwahl Gaddafis zu eigen, wenn er schreibt: Diese Wortwahl ist insofern bemerkenswert, als "westliche Leitmedien" wie der Spiegel sich am Ruf nach der NATO-Intervention beteiligt hatten, als Gaddafi im Februar eben das angekündigt hatte, was seine Gegner mit Hilfe der NATO und unter dem Applaus der "internationalen Gemeinschaft" nun tun: Den politischen Gegegner (samt ihren Familien, wie man aus Berichten aus Tripolis hört) zu jagen, "Haus für Haus, Straße für Strasse". Dieser Zynismus der NATOkratie ist es, der die Sicherheit auf der Welt bedroht. Es wird Zeit dagegen aufzustehen.
5. wo sind die massen
roybaer 26.08.2011
Zitat von sysopHaus für Haus, Straße für Straße rücken die Rebellen im Süden von Tripolis vor. Das Stadtviertel Abu Salim ist Rückzugsgebiet der letzten Getreuen des Despoten Muammar al-Gaddafi. Die Umzingelten haben nichts mehr zu verlieren - sie kämpfen ums nackte Überleben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,782542,00.html
glasklare bilder aus der angeblichen kampfzone aber nicht ein bild von jubelnden massen geschweige den vom triumphzug der übergangsregierung beim eizug in tripolis es wird immer unglaubwürdiger was von dort berichtet wird
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Gaddafi und Libyen: Jagd auf den Tyrannen

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Libyen: Raubzug durch Gaddafis Luxusvillen

Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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