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Straßenproteste: Schwere Krawalle in französischen Städten

In Frankreich haben sich am Abend Demonstranten und die Polizei erneut Straßenschlachten geliefert. Mindestens 60 Menschen wurden verletzt. Zehntausende hatten zuvor gegen die umstrittene Arbeitsmarktreform protestiert.

Paris -  In Paris setzten Jugendliche den Eingang eines Wohnhauses und Autos in Brand, plünderten Geschäfte und bewarfen Polizisten mit Steinen. Die Polizei setzte Tränengas ein, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Mindestens 33 Demonstranten und 27 Polizisten wurden verletzt. Auch in anderen französischen Städten kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen. Landesweit wurden 420 Menschen festgenommen - so viele wie nie zuvor seit Beginn der Proteste. Die meisten Festnahmen seien wegen "Gewalttätigkeit, Vandalismus und Angriffen auf Ordnungskräfte" erfolgt, hieß es.

Gewaltausbruch: Nach der Demonstration brach die Aggression durch
AFP

Gewaltausbruch: Nach der Demonstration brach die Aggression durch

Am Abend teilte das Büro von Ministerpräsident Dominique de Villepin mit, dieser werde sich am Freitag mit Spitzenvertretern der Gewerkschaften treffen. Die Vertreter der fünf wichtigsten Gewerkschaften des Landes hatten sich zuvor bereit erklärt,  Villepins Einladung anzunehmen. Sie beharrten aber gleichzeitig auf ihrer Forderung, Villepin müsse die Reformpläne zurückziehen.

Villepin ist um eine Entschärfung der Situation bemüht, die sich in den vergangenen Wochen zugespitzt und ihm sowie seiner Partei im Vorfeld der Wahlen 2007 deutlich geschadet hat. Er hatte angeboten, "ohne Vorurteile" über Wege zu diskutieren, wie mit den Ängsten vor dem geplanten Gesetz umgegangen werden könne. Die Zeitung "Le Parisien" berichtete, Staatspräsident Jacques Chirac habe Villepin gedrängt, den Kontakt mit den Gewerkschaften wieder aufzunehmen und indirekt mit der Entlassung Villepins gedroht. "Wenn sich die Dinge nicht sehr schnell ändern, wird der Ministerpräsident gefeuert", zitierte das Blatt einen ungenannten Regierungsvertreter.

Am Wochenende hatten Hunderttausende gegen das Gesetz protestiert. Die Gewerkschaften haben für Dienstag einen Generalstreik im Land ausgerufen. Teilnehmer des Pariser Protests heute erklärten, die Kundgebung sei offensichtlich von Krawallmachern unterwandert worden. "Heute sind viele jugendliche Kriminelle dabei, die klauen und Sachen kaputt schlagen. Das schadet der Bewegung", sagte etwa Charlie Herblin, ein 22-jähriger Arbeiter. Augenzeugen berichteten, die zumeist Vermummten hätten demonstrierenden Studenten Kleidungsstücke und Mobiltelefone abgenommen.

Insgesamt zählte die Polizei mehrere zehntausend Teilnehmer bei Kundgebungen unter anderem in Tours, Orleans und Marseille. In Rennes in der Bretagne lieferten sich den Angaben nach 300 bis 400 Jugendliche Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Das neue Gesetz sieht vor, dass Franzosen bis zum 26. Lebensjahr ohne Nennung von Gründen in den ersten zwei Jahren ihrer Anstellung sofort wieder entlassen werden können. Villepin erhofft sich davon bessere Arbeitsmarktchancen für diese Menschen. Die Gewerkschaften fürchten jedoch willkürliche Entlassungen der Unternehmen. Bislang weigert sich Villepin, das Vorhaben fallen zu lassen. Angesichts des wachsenden Widerstands im konservativen Regierungslager hatte er zuletzt aber einen gemäßigteren Ton angeschlagen und sich gesprächsbereit erklärt.

Der Abgeordnete Yves Jego von der regierenden UMP sprach von einem sehr kleinen Schritt des Regierungschefs und forderte Klarheit über das weitere Vorgehen. Jego gehört zu den Vertrauten von Parteichef und Innenminister Nicolas Sarkozy, dem partei-internen Rivalen Villepins im Rennen um die Nachfolge Chiracs im kommenden Jahr.

ler/Reuters/AFP/ap

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