Straßenschlachten in Tallinn Toter bei Ausschreitungen an Sowjetdenkmal

Der Abbau eines umstrittenen sowjetischen Weltkriegs-Denkmals hat in der estnischen Hauptstadt Tallinn schwere Ausschreitungen ausgelöst. Bei Straßenschlachten zwischen Demonstranten und der Polizei kam ein Mensch ums Leben, Dutzende wurden verletzt.


Tallinn - Der Polizeichef von Tallinn, Raivo Kuut, erklärte am Morgen im estnischen Fernsehen, bei den schweren nächtlichen Ausschreitungen an dem sowjetischen Kriegerdenkmal habe es ein Todesopfer gegeben. Mindestens 43 weitere Menschen seien verletzt worden, teilte Kuut mit. Die Polizei habe mehr als 300 Menschen festgenommen.

Krawalle in Tallinn: Demonstranten zündeten Läden an
AFP

Krawalle in Tallinn: Demonstranten zündeten Läden an

Trotz der Krawalle wurde das Sowjetdenkmal in der Nacht von den Behörden abmontiert und an einen geheimen Ort gebracht. Auf Bildern des estnischen Fernsehens war zu sehen, dass das Denkmal nicht mehr an seinem Platz steht. Die Ankündigung des Abbaus durch die Regierung hatte die Proteste gestern ausgelöst. Es waren die schwersten Ausschreitungen in Estland seit der Unabhängigkeit von Moskau 1991.

Rund 1000 Demonstranten hatten sich in Tallinn versammelt. Als die Polizei begann, den Platz in der Hauptstadt zu räumen, flogen Steine und Flaschen. Fenster des nahe gelegenen Büros der Reformpartei von Ministerpräsident Andrus Ansip wurden eingeworfen. Einige Demonstranten plünderten mehrere Geschäfte in der Umgebung, andere beschädigten mutwillig Läden.

Die Regierung will das Monument sowie ein in der Nähe vermutetes Grab von 14 sowjetischen Soldaten verlegen. Die Behörden rechnen während der auf zwei Wochen angelegten Arbeiten mit weiteren Protesten.

Das zwei Meter hohe Denkmal wurde 1947 zu Ehren der sowjetischen Streitkräfte nach dem Sieg über Nazi-Deutschland errichtet. Viele Esten sehen darin aber eine Erinnerung an die fünf Jahrzehnte währende sowjetische Besetzung ihres Landes sowie der beiden Nachbarstaaten Lettland und Litauen. Die Verlegungspläne belasten die Beziehungen zwischen Esten und der russischen Minderheit in dem baltischen Land.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete die Verlegung des Denkmals als abstoßend. "Ich denke, das ist Blasphemie", sagte er. Der stellvertretende russische Ministerpräsident Sergej Iwanow forderte Wirtschaftssanktionen gegen Estland.

phw/AFP/AP



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