Strategie gegen den Absturz: So kommt Europa aus der Midlife-Crisis

Europa steckt in der Krise - und verordnet sich selbst ständig neue Reformprojekte. Das ist der falsche Weg, kritisiert der polnische EU-Stratege Pawel Swieboda. Der Kontinent muss sich wieder auf seine wahren Stärken besinnen, wenn er mit aufstrebenden Mächten wie China konkurrieren will.

EU-Parlament in Straßburg: Zurück zu den eigenen Stärken Zur Großansicht
dpa

EU-Parlament in Straßburg: Zurück zu den eigenen Stärken

Einem Menschen in der Midlife-Crisis wird gewöhnlich zweierlei geraten: Entweder er findet bessere Wege der Stressverarbeitung, er kann beispielsweise den Alkohol aufgeben oder mit Yoga anfangen. Oder er gesteht sich einfach ein, dass er nicht mehr der Jüngste ist, und nutzt die Gelegenheit, um Bilanz zu ziehen und seinem Leben vielleicht eine andere Richtung zu geben. Seine Interessen zu erweitern, zu reisen, etwas Neues zu lernen, eine weitere Sportart auszuprobieren, seinen Kindern oder Enkelkindern beim Großwerden zuzusehen.

Auch Europa steckt derzeit in einer solchen Krise, der Schwung von einst ist dahin. Doch bisher hat Europa daraus keine Konsequenzen gezogen und keinen der beiden oben genannten Ratschläge befolgt. Stattdessen unterzieht es sich immer neuen Verjüngungskuren und spielt den ewig Jugendlichen.

Das Europa, von dem ich träume, ist mit sich selbst im Reinen. Denn machen wir uns keine Illusionen: Wenn keine größere Katastrophe eintritt, dann wird Europa die stärkere Bedeutung von China, Indien und anderen aufstrebenden Ländern akzeptieren müssen. Im Jahr 1900 waren noch 25 Prozent der Weltbevölkerung Europäer - im Jahr 2050 werden es voraussichtlich nur noch fünf Prozent sein. Unter diesen Bedingungen kann Europa seine Bedeutung einfach nicht mehr aufrechterhalten.

Wir müssen uns auch eingestehen, dass wir eine ganze Menge von anderen lernen können. In Europa besteht Einigkeit darüber, dass Wachstum aus Innovationen und unternehmerischen Initiativen entstehen muss. Wir können uns eine Menge von Ländern wie Singapur, Australien oder den USA abschauen bei der Frage, wie sich unsere Wachstumsinfrastrukturen, vor allem der Universitäten, verbessern lassen und wie wir die Kommerzialisierung des Wissens voranbringen können.

Dabei sollen wir nicht müßig herumsitzen und zusehen, wie sich andere ins Rampenlicht drängen. Wir sollten stattdessen beharrlich die Kraft und Ausdauer unseres politischen, wirtschaftlichen und sozialen Modells in den Vordergrund rücken, während andere sich verausgaben und möglicherweise scheitern. Europa verfügt über einige der besten Steuerungsmodelle in Gesundheitsversorgung und Sozialpolitik: Das werden unsere Trümpfe sein, wenn anderswo auf der Welt die Erwartungen von Bevölkerung und Wählern immer weiter steigen und gleichzeitig die Lage durch die demografische Entwicklung schwieriger wird.

Europa muss sich auf seine wahren Stärken besinnen

Europa sollte sich wieder auf das Wesentliche besinnen: das Wachstum der Kernländer. Aus innenpolitischer Sicht bedeutet das vor allem die bestmögliche Nutzung des EU-Binnenmarkts. Rückblickend ist dieser eindeutig eine der großen europäischen Erfolgsgeschichten. Dennoch gibt es immer noch viele Hindernisse und Barrieren, die das Potential des Binnenmarkts ausbremsen. Mehr als die Hälfte der europäischen Unternehmer berichtet von Schwierigkeiten beim Vertrieb von Gütern in anderen Mitgliedstaaten, ganz zu schweigen von Dienstleistungen oder Kapitalflüssen. Es ist Zeit, dagegen anzugehen.

Zum Wesentlichen gehört auch, dass wir unseren Werten treu bleiben und an der Verbesserung der politischen Systeme Europas arbeiten. Üblicherweise ist der Zustand der Demokratie in Krisenzeiten zwar das Letzte, was die Leute interessiert. Aber es gibt viel zu modernisieren, was den Bereich öffentlicher Verantwortung angeht. Europa kann seinen Einfluss auf viele Arten geltend machen. Anderen ein Vorbild in attraktiver Regierungsführung zu sein, ist eine der nachhaltigsten und effektivsten. Wir sollten diese Aufgabe annehmen.

Und wir sollten unsere Aufmerksamkeit Nachbarn und Beitrittskandidaten zuwenden. Die eindrucksvollen Fortschritte von Ländern wie der Türkei bieten der Union die Gelegenheit, ihren Einfluss auf das Nachbarland zu festigen. Die EU-Mitgliedschaft ist in Ankara immer noch die am meisten gewünschte Perspektive, wenn auch ganz offensichtlich nicht die einzige. Die EU wird in den Beitrittsverhandlungen mit dem muslimischen Staat bald keine weiteren Optionen mehr haben. Der Moment der Entscheidung rückt immer näher, und wir würden es bitter bereuen, sollten wir ihn verpassen.

Übersetzung von Patricia Lux-Martel

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
anon11 28.12.2010
"So kommt Europa aus der Midlife-Crisis" Was kommt denn unweigerlich nach einer Midlife Crisis? Danach läuft dann die Lebensuhr sehr bald endgültig ab. So gesehen wird Europa schon bald die Midlife Crisis hinter sich haben.
2. Das Hauptmerkmal eines EU-Politikers ist offenabar...
r.jonasson 28.12.2010
... das Fehlen jeglicher Lernbereitschaft. Jeder, der halbwegs politisch denken kann, weiß, dass der Geburtsfehler von EU und Eurozone darin liegt, dass zu schnell zu viele Neumitglieder aufgenommen wurden, ohne zuvor demokratisch legitimierte und funktionierende Strukturen zu schaffen, die das Wachstum bewältigen helfen. Und was fällt den EU-Schranzen als Ausweg aus der Existenz-Krise ein? Noch schneller noch ungeeignetere Kandidaten aufnehmen. Prima, das hilft bestimmt - 70 Millionen Neu-Bürger, die in großer Zahl schon räumlich auf einem anderen Kontinent leben und ihr Land gerade in furchterregendem Tempo Richtung Islamismus bewegen, da kann dann ja gar nichts mehr schief gehen in der EU! Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man sich schlapplachen über so viel Ignoranz...
3. Eingliederung von Laendern die unqualifiziert sind
kb26919 28.12.2010
staendiger Kurswechsel und die Tatsache dass keines der EU Laender sich an die ausgehandelten Vertraege haelt werden dieses Gefuege EU nie zu dem machen was immer wieder erzaehlt wird.Dass die EU Beamten immer wieder das Hohe Lied der EU singen ist klar, denn auf der Seite ist 'ihr Brot gebuttert ' ist aber der Wald und Wiesen Europaer ist nicht so verliebt in die EU. Jetzt noch dazu die Pleitewelle der PIGS wird noch so manchen Aerger machen und wer glaubt dass die deutschen Steuerzahler gewillt sind das Support-System fuer die marode EU zu sein wird schnell dazu lernen muessen. Dann noch mehr Laender,alle mit hohem Nachholbedarf , in den Verbund zu holen grenzt an Suizide.
4. Kapitalflüsse
ogniflow 28.12.2010
Ach,es gibt immer noch riesige Hindernisse bei den Kapitalflüssen,war mir gar nicht bewußt.Die Aufnahme der Türkei wird kommen,in den wenigen Ländern in denen darüber noch abgestimmt werden darf,wird so lange gewählt bis es klappt (notfalls jede Woche).Weitere Beitrittskandidaten sind Israel,Palästina,die Maghreb-Staaten sowie Nepal.
5. Eins noch:
Baikal 28.12.2010
Zitat von ogniflowAch,es gibt immer noch riesige Hindernisse bei den Kapitalflüssen,war mir gar nicht bewußt.Die Aufnahme der Türkei wird kommen,in den wenigen Ländern in denen darüber noch abgestimmt werden darf,wird so lange gewählt bis es klappt (notfalls jede Woche).Weitere Beitrittskandidaten sind Israel,Palästina,die Maghreb-Staaten sowie Nepal.
Warum soll Europa - was immer das auch ist - denn mit China kokurrieren? Herr Rompelpompel und Frau Aschkasten gegen Asien? Lächerlich, Brüssel ist ebenso überflüssig wie die EU.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Mein Europa
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 18 Kommentare
Zum Autor
Pawel Swieboda, Jahrgang 1972, ist Präsident von "demosEUROPA - Zentrum für Europäische Strategien". Nach seinem Studium an der London School of Economics und der University of London war er von 1996 bis 2000 der EU-Berater des polnischen Staatspräsidenten. Später war er als Direktor des Bereichs Europäische Union im Außenministerium für die EU-Beitrittsverhandlungen zuständig. Er schreibt für die Warschauer Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" regelmäßig über europäische Themen und Außenpolitik.

Mein Europa
Euro-Krise, Schulden, Rettungsschirme: Aus Europa gab es 2010 viel Unerfreuliches zu berichten. Doch was bedeutet den Europäern ihr Kontinent eigentlich? In einer Serie lässt SPIEGEL ONLINE in Zusammenarbeit mit der Nachrichten-Website Presseurop.eu prominente Europäer zu Wort kommen - Schriftsteller, Strategen, Wissenschaftler und Philosophen über ihr ganz persönliches Europa.

Bisher erschienen: