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Strategiewechsel: Die neue Qaida-Doktrin

Von Yassin Musharbash

Bereits im Dezember 2003 regte die Qaida in einem arabischen Dschihad-Handbuch Anschläge gegen Spanien an, um den Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak zu erzwingen. Dieses und andere Dokumente deuten auf einen Paradigmenwechsel hin: Strategische Analysen und eine ausgefeilte Taktik gewinnen für die Terroristen an Bedeutung.



Qaida-Gründer Osama Bin Laden: "Zwei, maximal drei Schläge"
AP

Qaida-Gründer Osama Bin Laden: "Zwei, maximal drei Schläge"

Berlin - Das Buch ist so nüchtern geschrieben, dass es gar nicht zum bisher gewohnten blutlüsternen Sprachgebrauch der al-Qaida passen will: "Der Irak im Dschihad - Hoffnungen und Risiken" lautet die lapidare Überschrift des 42-seitigen, auf Arabisch verfassten Dokuments, das SPIEGEL ONLINE vorliegt und von internationalen Experten für authentisch gehalten wird.

Dieser Leitfaden für den Kampf gegen die Besatzungstruppen im Irak offenbart: Al-Qaida und ihre Verbündeten sind längst keine willkürlich zuschlagende Truppe mehr. Die sorgfältige Auswahl von Anschlagszielen und die Abwägung der politischen Folgen spielen mittlerweile eine zentrale Rolle.

Die Anschläge von Madrid, bei denen am vergangenen Donnerstag 202 Menschen zu Tode kamen und über 1500 verletzt wurden, könnten bereits Teil dieser neuen, analytisch und intellektuell unterfütterten Terrorstrategie gewesen sein. Einige Passagen des Dschihad-Buches, das im Dezember 2003 im Internet aufgetaucht war und von Experten des norwegischen Forschungszentrum für Verteidigung gesichert wurde, klingen im Nachhinein geradezu prophetisch: "Wir glauben, dass die spanische Regierung nicht mehr als zwei, maximal drei Schläge aushalten kann, bis es wegen des großen Drucks aus der Bevölkerung zum Abzug aus dem Irak kommt", heißt es etwa auf Seite 33.

Blaupause für den Anschlag von Madrid

"Falls Spaniens Streitkräfte nach diesen Schlägen dennoch dort bleiben sollten, so wäre der Sieg der Sozialistischen Partei so gut wie garantiert, und der Abzug der spanischen Truppen würde auf der Agenda des Wahlkampfes stehen", heißt es weiter. Man solle deshalb versuchen, von einer Nähe möglicher Anschläge zu den spanischen Wahlen zu profitieren, schlagen die Autoren vor, hinter denen hochrangige al-Qaida-Kader vermutet werden.

In dem Dschihad-Handbuch wird Spanien als geeigneter "erster Dominostein" bezeichnet. Nach einer sechsseitigen Analyse der spanischen Innenpolitik und der Diskrepanz zwischen der Meinung der Bevölkerung zum Irak-Krieg und derjenigen der konservativen Regierung unter José María Aznar kommen die Verfasser zu dem Schluss, dass dieses Land am ehesten dazu gebracht werden kann, seine Truppen abzuziehen: Die Stimmung bei den Antikriegsdemonstrationen in Madrid sei wie bei "einem echten Volksaufstand" gewesen. Knickt Spanien erst einmal ein, so hoffen die Terror-Strategen, könnten andere Länder folgen. Polen und Italien werden als potenzielle nächste Dominosteine identifiziert. Die Botschaft ist klar: Nicht auf's Geratewohl, sondern überlegt sollen die Dschihad-Kämpfer ihre Ressourcen einsetzen.

Weniger Praxis, mehr Theorie

Dass die Attentäter von Madrid solche Überlegungen tatsächlich im Sinn hatten, wird auch durch ein anderes Dokument nahe gelegt, dass kurz nach den Anschlägen von Madrid, aber noch vor der Wahl am Sonntag auf einer der al-Qaida nahe stehenden Internetseite auftauchte. "Was ist das Geheimnis dahinter, dass die spanische Regierung die Eta verantwortlich macht?", fragt der Autor dort rhetorisch, um dann zu erklären, dass die konservative Regierung mit dem Machtverlust rechnen müsste, sollte die al-Qaida hinter den zerbombten Zügen von Madrid stecken. Unterzeichnet ist der Brief mit "Abu Musab" - ein Hinweis auf den al-Qaida-Cheflogistiker Abu Musab al-Zarkawi. Allerdings ist bei Internet-Veröffentlichungen die Authentizität so gut wie nie nachzuweisen. Hier haben es Trittbrettfahrer so einfach wie sonst nirgends.

Chef-Logistiker Abu Musab al-Zarkawi: "Erster Dominostein"
AP

Chef-Logistiker Abu Musab al-Zarkawi: "Erster Dominostein"

Gegen die Autorenschaft al-Zarkawis scheint überdies zu sprechen, dass in dem Brief darüber spekuliert wird, ob die Qaida überhaupt für die Anschläge von Madrid verantwortlich ist. Gerade al-Zarkawi dürfte hier eigentlich keine Zweifel haben. Internationale Terrorexperten wiesen in den vergangenen Tagen allerdings auf die Möglichkeit hin, dass sich die Führungsspitze der Qaida mittlerweile aus dem operativen Geschäft völlig verabschiedet hat. Dieser Theorie zufolge operieren die einzelnen Zellen vollkommen autonom, was die Spekulationen des angeblichen "Abu Musab" erklären könnte.

Das Dschihad-Handbuch vom Dezember 2003, dessen Authentizität wesentlich gesicherter ist und das wahrscheinlich schon im Sommer 2003 verfasst wurde, unterscheidet sich unterdessen massiv von den meisten bisher bekannten Qaida-Publikationen. Es ist zum einen weniger praxisbezogen als die reinen Bombenbau-Anleitungen aus den afghanischen Trainingscamps und zugleich erheblich intellektueller und analytischer als das ansonsten übliche Propaganda-Material.

Al-Qaida zitiert westliche Zeitungen

Setzte Qaida-Sprecher Sliman Abu Ghaith in der Vergangenheit die USA oft einfach mit dem im Koran als Hort des Unrechts bezeichneten "Haus des Pharao" gleich, finden sich in dem Terror-Leitfaden anstelle dessen mehrseitige Diskussionen des Militärhaushaltes der USA. Sogar mit Fußnoten, Zitaten aus der "Financial Times" und offiziellen US-Regierungsverlautbarungen ist der Text gespickt.

"Wir glauben (...), dass der irakische Widerstand in der Lage ist, die Kosten für die USA in die Nähe dessen zu treiben, was ihnen als erwartete Obergrenze gilt, (...) nämlich 400 Milliarden US-Dollar", schlussfolgern die Verfasser aus ihrer Analyse innenpolitischer Debatten in den USA. Auf diese Art und Weise haben sich islamistische Terroristen noch nie in ihre Feinde hineingedacht. Offensichtlich hat sich im Terrornetzwerk der Gedanke durchgesetzt, dass man vom Gegner selbst eine Menge über seine Schwächen lernen kann.

Die al-Qaida - eine lernende Organisation? Es sieht ganz danach aus. In älteren Publikationen wurde der Niedergang der USA oft simpel und ohne Realitätsbezug in einen heilsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt; er wurde als eine bloße Frage der Zeit beschrieben. Im Dschihad-Handbuch dagegen werden erstmals auch Risiken eingeräumt und bestimmte Ziele als zunächst unrealistisch erkannt.

Hoher Grad an Differenzierung

Der "einzige Faktor", der Großbritannien zum Abzug bewegen könnte, heißt es zum Beispiel, sei massiver öffentlicher Druck. Anders als im Falle Spaniens oder Italiens rechnen die Verfasser nicht damit, dass auch die Briten schon nach wenigen Angriffen der Mudschahidin oder zwei bis drei Anschlägen klein beigeben würden. Dieser relative hohe Grad an Differenzierung ist neu.

Qaida-Sprecher Sliman Abu Ghaith: "Das Haus des Pharao"
REUTERS

Qaida-Sprecher Sliman Abu Ghaith: "Das Haus des Pharao"

Erstaunlich ist auch der damit einhergehende Verzicht auf Propaganda. Zwar enthält der Text etliche an die Mudschahidin gerichtete Erbauungspassagen. Doch es findet sich zum Beispiel auch die Ermahnung, dass nicht alle Nicht-Muslime Feinde des Islam sind. Sogar die Möglichkeit einer Kooperation wird angedacht.

Ein neuer Realismus, immer noch ideologisch, aber nicht mehr nur religiös verbrämt, zeigt sich in dem Dokument. Die Analyse der weltpolitischen Ausgangslage für den Dschihad beispielsweise endet so: "Das internationale System (...) können wir als ein Spinnennetz bezeichnen. Und wenn es auch wie ein Spinnennetz (alles miteinander) verknüpft ist, so reicht doch schon ein leichter Wind, um dieses Gewebe wieder zu zerreißen." Dieser leichte Wind möchte die al-Qaida sein. Vom Heer des Islams und seinen Millionen Soldaten, sonst ein beliebtes Bild der Terrorgruppe, bleibt nicht viel übrig in diesem Dokument. Gezielte Nadelstiche anstelle apokalyptischer Massenschlachten lautet die Devise.

Deutschland taucht nur am Rande auf

Die umfängliche Analyse der innenpolitischen Spannungen und außenpolitischen Position der USA und ihrer Alliierten macht den größten Teil des Buches - rund die Hälfte - aus. Namentlich erwähnt sind Spanien, Großbritannien, Polen, Italien, Japan und die Ukraine. Deutschland und Frankreich, als Gegner des Irakkrieges, tauchen nur am Rande auf.

Ein knappes Drittel des Buches befasst sich dann mit der gegenwärtigen Lage und den nächsten Schritten der Dschihad-Aktivisten im Irak. Hier werden die Kämpfer beispielsweise aufgefordert, keine Mobiltelefone zu verwenden und ihre Munition nicht an einem einzigen Ort zu lagern, Öl-Förder-Installationen zu zerstören und sunnitische Mudschahidin-Zellen im schiitischen Süden zu bilden.

Doch auch hier, wo es um den konkreten Kampf im Irak geht, nehmen taktische, strategische und theoretische Überlegungen weiten Raum ein: "In dieser Phase (...) greifen wir die US-amerikanischen Kräfte tagtäglich an, was zu einer Schwächung ihrer faktischen Möglichkeiten und Kampfmoral führt", steht dort etwa. Nach einer durchaus realistischen Analyse der Ziele der USA im Irak kommen die Verfasser zu dem Ergebnis, dass ihre Antwort darauf darin bestehen muss, einen Keil in die US-geführte Koalition zu treiben und die finanziellen Kosten für die teilnehmenden Staaten zu erhöhen.

"Vorbereitung und Planung"

Bin-Laden-Anhänger in Karatschi: Lernende Organisation?
AP

Bin-Laden-Anhänger in Karatschi: Lernende Organisation?

Als eigene Ziele definieren sie unter anderem die Errichtung eines islamisch geprägten Staates ohne Einflussnahme von außen. Angriffe auf Zivilisten, heißt es, sollen vermieden werden. Wie viele al-Qaida-Kämpfer sich im Irak aufhalten und mit welchen Gruppen sie dort kooperieren, verrät der Leitfaden nicht. In jedem Fall aber ist er ein Beispiel für eine Professionalisierung der al-Qaida in militärtaktischer Hinsicht. Immer wieder wird den Mudschahidin in dem Text ans Herz gelegt, nicht spontan und unüberlegt zu handeln: "Vorbereitung und Planung sind die Grundlagen für den Erfolg jedweden Projekts", geben die Verfasser ihnen mit auf den Weg. "Nur das garantiert (...) große Leistungsfähigkeit, verkürzt die (benötigte) Zeit und beseitigt die Konfrontation mit der Gefahr."

Ein Teil des nüchternen Eindrucks dieses Dschihad-Leitfadens wird unterdessen sicherlich dadurch erweckt, dass er sich in erster Linie an bereits kämpfende Kader und nicht etwa an noch zu begeisternde Rekruten richtet. Die namentlich nicht genannten Verfasser firmieren hier auch nicht als die "Koalition gegen die Juden und Kreuzritter" - ein Titel, mit dem Bin Laden und seine Gefährten noch ihre erste Publikation unterzeichneten -, sondern angemessen karg als "Service-Zentrum für Mudschahidin". Dabei handelt es sich wohl um eine Anspielung auf ein namensähnliches, einst von Osama Bin Laden höchstpersönlich unterhaltenes Mudschahidin-Rekrutierungsbüro in Peschawar.

Doch wichtiger als der Duktus des Textes ist ohnehin die neue Art von Denken, die er transportiert. Und deren mörderische Effektivität kann man nach den Anschlägen von Madrid nur noch schwer in Zweifel ziehen.

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