Streifzug durch Kairo: Die Reichen fliehen, die Armen leiden
Die Elite streitet um die letzten Plätze in Privatfliegern, Milizen bewaffnen sich, Krankenhäuser schalten auf Notstandsbetrieb: Kairo gleicht einer Stadt kurz vor einem Krieg. Das Regime versucht krampfhaft, die Erosion seiner Macht zu stoppen - doch die Welle des Protests schwillt an.
Terminal 4 des Flughafens Kairo ist ein sehr gepflegter Startpunkt für eine Reise. Fernab des normalen Betriebs auf dem Airport für Linienjets liegt der mit Marmor ausgekleidete Flachbau. Die Vorfahrt gleicht einem Nobel-Hotel, mit dem Taxi kommt hier niemand an. An normalen Tagen sieht man hier wenige Fluggäste. Nur wer sich einen sündhaft teuren Privatjet leisten kann oder ihn mietet, checkt hier ein. Vom Terminal geht es dann bequem per Limousine zu den weißen Mini-Fliegern und hinaus in die weite Welt.
Am Sonntag ist die Lage vor dem VIP-Terminal chaotisch. Dutzende Geschäftsleute, Frauen mit Kindern an der Hand und teuren Lederkoffern stehen vor der Tür. Allmählich, es ist kurz vor der verhängten Ausgangssperre, verliert die ägyptische Oberschicht ihre lässige Contenance. Jeder hier, sagt eine Frau, wolle nur noch weg. Raus aus Kairo. Raus aus Ägypten. Zumindest, bis die Krise vorbei ist. Der Jet-Parkplatz ist dementsprechend voll. In der Abendsonne glänzen die polierten Flugzeuge, der ersehnte Ausweg aus dem Chaos von Kairo.
Wer nicht per Jet entfliehen kann, erlebt eine Stadt im Ausnahmezustand. Überall in der sonst pulsierenden Metropole sind die Geschäfte verrammelt und von innen mit Holzplatten gegen Plünderer geschützt. An den Tankstellen, die noch Sprit haben, bilden sich lange Schlangen von denjenigen, die überhaupt nicht mit dem Auto unterwegs sind. Wohl noch nie seit der Motorisierung des Landes waren die Straßen und die durchs Stadtgebiet gezogenen Autobahnen auf Betonstelzen so leer wie dieser Tage.
Ausgebrannte Polizeiwache, gestürmtes Gerichtsgebäude
Die rasende Fahrt durch die Stadt offenbart, wie heftig die Demonstranten das Regime bereits getroffen haben. An der Corniche am Nil steigt noch immer Qualm aus den zerborstenen Fenstern der Mubarak-Parteizentrale, nach der Plünderung des Hauptquartiers bewacht mittlerweile das Militär die Ruine. Nur fünf Fahrminuten weiter ist von der Stadtautobahn zuerst eine ausgebrannte Polizeiwache und dann das gestürmte zentrale Gerichtsgebäude zu sehen. Noch immer fliegen überall Justizpapiere herum, welche die Demonstranten aus den Fenstern geworfen hatten.
Ismail Ashraf wird wohl weiter nur wenige Stunden pro Nacht schlafen. Die müden Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt, steht der bullige Mann vor einer improvisierten Straßensperre aus einem Metallfass und mit Wasser gefüllten Quadern, die sonst Baustellen kennzeichnen. Vergangene Nacht hat er nur zwei Stunden Ruhe bekommen. "Das wird in den nächsten Tagen so weitergehen", sagt er.
Ashraf steht an einem Abzweig der Osman-Ibn-al-Fain-Straße im Stadtteil Heliopolis. Hinter ihm, in den gepflegten Villen und luxuriösen Penthouses wohnen die Reichen Ägyptens, auch die Profiteure des korrupten Regimes von Husni Mubarak. Ashraf soll sie schützen. Vor der Straßensperre wacht er mit einem umgehängten "Heckler und Koch"-Schnellfeuergewehr, Pistole und Funkgerät am Gürtel, und lässt nur Anwohner durch.
"Im Notfall werde ich schießen"
Beim Wort Plünderer unterbricht Ashraf die Fragen. "Diese Leute sind keine Menschen, es sind Tiere", sagt er. Die ganze Nacht hindurch seien kleine Gruppen von Männern mit Brecheisen durch Heliopolis gezogen - auf der Suche nach Beute. Das Machtvakuum während des Volksaufstands wollten sie ausnutzen. In der Nacht zum Sonntag, sagt Ashraf, habe man sie noch abschrecken können. Für die kommende Nacht befürchtet er Schlimmeres. "Noch ist meine 'Heckler und Koch' nagelneu", sagt er, "doch im Notfall werde ich schießen."
Mit Wunden von Schusswaffen kennt sich Ahmad Safen mittlerweile gut aus. Normalerweise ist der Chef der Damardash-Klinik, die zur Universität von Kairo gehört, Experte für Urologie. In den letzten Tagen aber, vor allem Freitagnacht, wurden in seiner Klinik plötzlich reihenweise Schwerverletzte eingeliefert. "19 Menschen mit Schusswunden sind bei uns verstorben", trägt Safen aus seiner penibel geführten Statistik vor, "15 weitere sind ihren Verletzungen trotz Notoperationen erlegen."
Die Bilanz aus nur einer Klinik lässt die offiziellen Zahlen von 150 Toten landesweit gering erscheinen. Safen zuckt mit den Schultern. Noch immer warten im Garten vor seine Klinik Dutzende Frauen, die ihre während der Proteste verschwundenen Männer suchen. Sein Krankenhaus, sagt Safen, habe sich auf eine weitere Eskalation eingestellt. Alle normalen Patienten wurden nach Hause geschickt, Safen will Platz für mögliche neue Opfer der Auseinandersetzungen schaffen. "Wir arbeiten jetzt im Notstandsmodus", sagt er, "wir müssen mit dem Ernstfall rechnen."
Auf dem Weg zurück zum zentralen Tahrir Platz wird die Autobahn zu einem riesigen Parkplatz. Rechts und links haben Kairoer ihre Autos abgestellt und sind zum täglichen Protest auf den Platz der Befreiung gezogen. Tausende, vermutlich mehr als je zuvor, werden es am Sonntagabend werden. Wieder werden sie die ganze Nacht "Nieder mit Mubarak" skandieren und dem Regime trotzen.
Es ist fünf Minuten vor dem Beginn der Ausgangssperre um 16 Uhr Ortszeit, als zwei F-15 Kampfjets im Tiefflug über die Stadt donnern. In nur 300 Metern Höhe ziehen sie ihre Kreise um den Platz, die Nachbrenner der Turbinen zerreißen mit ihrem ohrenbetäubenden Kreischen die Ruhe des Spätnachmittags. Die Szenerie wirkt wie ein Versuch, die Menschenmassen mit militärischen Mitteln einzuschüchtern, sie irgendwie doch noch zum Verlassen des Platzes zu bewegen.
Die Einschüchterung zeigt keine Wirkung. "Wir werden bleiben", sagt eine junge Frau. Hinter ihr skandiert die Masse das Motto dieser Revolte: "Das Volk will den Sturz des Regimes."
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- Sonntag, 30.01.2011 – 20:25 Uhr
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