Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Streiks und Proteste in EU-Ländern: Wutlauf gegen das Sparen

Brüssel, Dublin, Madrid, Warschau - gleichzeitig sind Arbeitnehmer in vielen EU-Ländern auf die Straße gegangen, um gegen den Sparkurs ihrer Regierungen zu protestieren. Zu einer Demonstration in Belgien kamen Zehntausende, in Spanien gab es Verletzte, Urlauber saßen fest.

Sparen, sparen, sparen: Wut in ganz Europa Fotos
REUTERS

Madrid/Brüssel - Die Finanzkrise hat viele europäische Staaten schwer getroffen. Die staatlichen Kassen sind leer, die Regierungen müssen sparen - Renten werden gekürzt, Beamtengehälter eingefroren. Vielen Menschen geht das zu weit. In ganz Europa haben am Mittwoch Zehntausende gegen die Sparpläne ihrer Regierungen protestiert.

In Brüssel gab es eine Massenkundgebung gegen Sozialabbau, an der sich auch deutsche Bergleute beteiligten - mindestens 50.000 Menschen versammelten sich zu Protesten in der belgischen Hauptstadt. Auch in Irland, Griechenland und Polen demonstrierten Menschen oder legten ihre Arbeit nieder. In Spanien wollten die Gewerkschaften beim ersten Generalstreik seit acht Jahren das ganze Land für 24 Stunden lahmlegen. Die Proteste richteten sich gegen eine Arbeitsmarktreform, die unter anderem leichtere Entlassungen ermöglicht.

Der spanische Generalstreik traf vor allem die Großbetriebe, Fabriken und den Verkehr. Zahlreiche Flüge wurden gestrichen, Tausende Urlauber saßen fest. Der Streik hatte auch Auswirkungen in Deutschland - allein am größten deutschen Flughafen in Frankfurt fielen mehr als 20 Verbindungen von und nach Spanien aus. Allerdings waren die Folgen nicht so gravierend wie erwartet.

Etwa 80 Prozent aller Fahrten der spanischen Hochgeschwindigkeitszüge wurden abgesagt, von den Pendlerzügen fuhr nur jeder Vierte. Bei Auseinandersetzungen zwischen Streikenden und der Polizei habe es landesweit elf Verletzte gegeben, berichtete der öffentliche Rundfunk. In Barcelona brannte ein Polizeiauto.

Keine Zeitung, kein Fernsehen - und Schlangen an der Bushaltestelle

In mehreren spanischen Städten marschierten vor Fabriken Streikposten auf, an Bus- und Bahnhaltestellen bildeten sich lange Schlangen. Die Zeitungen erschienen mit Notausgaben und waren mancherorts gar nicht zu haben, weil der Vertrieb bestreikt wurde. Die regionalen Fernsehsender Telemadrid und Canal Sur mussten ihre Programme unterbrechen. Der staatliche Sender TVE strahlte zum Teil Programmkonserven aus. Noch vor Sonnenaufgang hatten Demonstranten Lastwagen daran gehindert, die Märkte in Madrid und Barcelona zu beliefern. Sie warfen mit Eiern und beschimpften die Lkw-Fahrer als Streikbrecher.

Die Gewerkschaften erklärten, 70 Prozent der Arbeitnehmer hätten sich an dem Ausstand beteiligt, die Regierung machte dazu keine Angaben. Die Gewerkschaftschefs Ignacio Fernández Toxo (CCOO) und Cándido Méndez (UGT) bezeichneten den Generalstreik als einen Erfolg. Sie forderten die Regierung zu einem Kurswechsel in der Sozial- und Wirtschaftspolitik auf. Umfragen zufolge hatte die Mehrheit der Spanier an dem Streik nicht teilnehmen wollen. Die meisten Geschäfte, Gaststätten und Banken waren normal geöffnet.

"Es ist noch Zeit für einen Richtungswechsel"

In Brüssel demonstrierten mehrere zehntausend Gewerkschafter aus ganz Europa. Zum "Aktionstag" des Europäischen Gewerkschaftsbunds setzten sich nach Angaben einer Gewerkschaftssprecherin etwa 50.000 Menschen in Marsch. Der Generalsekretär des ETUC, John Monks, rief die EU-Staaten zum Umdenken auf: "Es ist noch Zeit für einen Richtungswechsel", sagte er zu Beginn der Kundgebung.

An den Protesten in der belgischen Hauptstadt beteiligte sich auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Nach Angaben der deutschen Bergbau-Gewerkschaft IG BCE nahmen auch mindestens 1200 Bergleute aus Deutschland an der Demonstration teil. Im hochverschuldeten Irland hatten die Gewerkschaften ebenfalls zu einer Kundgebung vor dem Parlament in Dublin aufgerufen. Aus Protest gegen die geplante staatliche Rettung einer irischen Bank fuhr ein Mann laut Polizei einen Lastwagen gegen das Parlamentsgebäude und beschädigte das Eingangsgitter.

In Polen protestierten mehrere tausend Gewerkschafter gegen die Sparpolitik der Regierung in Warschau. Auch in Portugal waren für Mittwoch Proteste geplant. In Griechenland setzten die Spediteure ihren Ausstand fort.

Von rigiden Sparplänen dürfen die EU-Staaten aber nicht abweichen, wenn es nach der EU-Kommission geht. Die Kommission schlug am Mittwoch eine Verschärfung des Euro-Stabilitätspaktes vor. Die Europäischen Union zieht damit die Konsequenz aus dem griechischen Schuldendebakel und der Euro-Krise im Frühjahr. Die Kommission fordert quasi-automatische Strafen für Euro-Staaten, die gegen die gemeinsamen Schuldenregeln verstoßen. Das ist unter den Mitgliedstaaten umstritten.

kgp/dpa/AFP/apn/Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 233 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Waren sind auch betroffen....
schuppenflechte, 29.09.2010
... aber während die Streiks in den anderen EU-Ländern angemeldet waren, hat heute morgen mein Föhn völlig unerwartet und plötzlich gestreikt - und der kommt aus China!
2. Wohin führt der Weg des Sparens ?
rkinfo 29.09.2010
Griechenland spart durchaus vorbildlich - und zahlt ruinöse 10% Zins für neue Staatsanleihen. Weltweit übersteigen bei pessimistischer Bewertung die Bankenrettungsaufgaben die Möglichkeiten der Staaten. Und wenn Länder einbrechen wäre auch unser Export und damit das Sparpotential erschöpft. Die USA sind ebenso hart an der ruinösen Krisen während die Zahl der Millionäre rasant global ansteigt. Für viele Menschen auf Erden gehts um die Existenz und die Zukunft. Und Sparen bringt eben nur teils noch positive Ergebnisse. Zudem haben die Banken immer noch gewaltige und waklige Altspekulationen die ohne Vorwarnung kolabieren könnten. Die Politik muß klare Ziele definieren und kann nur so mehrheitsfähig Maßnahmen einleiten.
3. Globalisierung mal anders
nemansisab, 29.09.2010
Zitat von sysopBrüssel, Dublin, Madrid, Warschau - gleichzeitig sind Arbeitnehmer in vielen EU-Ländern auf die Straße gegangen, um gegen den Sparkurs ihrer Regierungen zu protestieren. Zu einer Demonstration in Belgien kamen Zehntausende, in Spanien gab es Verletzte, Urlauber saßen fest. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,720312,00.html
Die betroffenen Urlauber jammern ja wohl auf einem hohen Niveau. Schön, dass die Menschen verstanden haben, wer sie versklaven will. Das sind nämlich die eigene Regierung. Hier in Deutschland werden von der Mövenpick-Partei z. B. Geschenke an die Hotellobby gemacht und Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, werden mit zusätzlichen 5 Euro beruhigt. Aber was solls, diese Menschen könnten ja auch für 3,40 Euro Stundenlohn arbeiten gehen....
4. Streichzwang
genugistgenug 29.09.2010
Zitat von sysopBrüssel, Dublin, Madrid, Warschau - gleichzeitig sind Arbeitnehmer in vielen EU-Ländern auf die Straße gegangen, um gegen den Sparkurs ihrer Regierungen zu protestieren. Zu einer Demonstration in Belgien kamen Zehntausende, in Spanien gab es Verletzte, Urlauber saßen fest. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,720312,00.html
so langsam kommen die Einschläge immer näher..... lt. Gerüchten soll ab sofort ein Flugzeug Richtung Chile bereitstehen ----------------------------------------------- Liebe Redakteure, es heißt nicht sparen, es heißt streichen und kürzen (bei gleichzeitiger Beibehaltung der eigenen Pfründe antürlich)
5. Wutlauf..
Baikal 29.09.2010
Zitat von sysopBrüssel, Dublin, Madrid, Warschau - gleichzeitig sind Arbeitnehmer in vielen EU-Ländern auf die Straße gegangen, um gegen den Sparkurs ihrer Regierungen zu protestieren. Zu einer Demonstration in Belgien kamen Zehntausende, in Spanien gab es Verletzte, Urlauber saßen fest. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,720312,00.html
.. gegen die Dummheit, wäre besser gewesen. Nur vernagelte Juristenhirne wie etwa in Schäubles Kopf begreifen nicht, dass Ausgabenkürzungen die Konjunktur abwürgen, begreifen nicht, dass Kosten und Einkommen nur die beiden Seiten derselben Medaille sind.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Interaktive Karte

Europas Sparpläne: Die 870-Milliarden-Euro-Schrumpfkur


Fotostrecke
Grafikstrecke: Wie die Schuldenkrise entstand

Bevölkerung: 46,440 Mio.

Fläche: 505.968 km²

Hauptstadt: Madrid

Staatsoberhaupt:
König Felipe VI.

Regierungschef: Mariano Rajoy

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Spanien-Reiseseite

Fotostrecke
Spanien: Was vom Bau-Boom übrigbleibt

Fläche: 30.528 km²

Bevölkerung: 11,209 Mio.

Hauptstadt: Brüssel

Staatsoberhaupt:
König Philippe

Regierungschef: Charles Michel

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Belgien-Reiseseite

Von Asset Backed Securities bis Zertifikate - alle Fremdwörter der Finanzkrise einfach erklärt:

Alle Begriffe zur Finanzkrise...


Fläche: 70.182 km²

Bevölkerung: 4,61 Mio.

Hauptstadt: Dublin

Staatsoberhaupt:
Michael D. Higgins

Regierungschef: Enda Kenny

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Irland-Reiseseite

SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: