Streit im "Patriot"-Lager: Bundeswehr rügt türkischen General

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Deutscher Soldat vor "Patriot"-Abwehrsystem: Wut auf türkischen General

Die Rangelei zwischen einem türkischen General und einer deutschen Soldatin im "Patriot"-Lager sorgte für Aufregung. Die Bundeswehr räumt nun zwar eigene Fehler ein, kritisiert den Offizier aber als "unbeherrscht". Seine Beleidigungen seien "überzogen" gewesen.

Berlin - Der 23. Februar sollte eigentlich ein Symbol der deutsch-türkischen Partnerschaft werden. Am Vortag gemeinsam von einem Nato-Treffen in Brüssel gestartet, flogen Verteidigungsminister Thomas de Maizière und seine niederländische Kollegin in die Türkei. Gemeinsam mit dem türkischen Wehrminister und natürlich in aller Freundschaft wollte man in der Südtürkei die "Patriot"-Raketenstellung besuchen, die die Nato zur Abwehr möglicher Angriffe aus Syrien zur Verfügung gestellt hatten.

Was sich abseits der Ministervisite abspielte, war weniger freundlich. Als deutsche Soldaten kurzzeitig eine Straße innerhalb des Camps für die anrauschende Ministerkolonne absperrten, kam es zu einem Eklat: Mehrere türkische Militärfahrzeuge fuhren von hinten bis auf zehn Zentimeter an die deutsche Postenkette heran. Mit aufheulenden Motoren bedrängten sie die Soldaten, wollten durch. Dann sprang ein türkischer General aus dem Auto, rannte wild gestikulierend auf die Feldjäger zu. Auf Türkisch brüllte er "Siktir git" - eine Beleidigung, die man nur mit "Verpiss dich" übersetzen kann.

Die Tirade endete in einer Rangelei. Zunächst griff der türkische Brigadegeneral Kahraman Günes einen weiblichen Feldjäger fest an den Arm, stieß die junge Frau zur Seite. Dann ging er auf einen danebenstehenden Hauptmann los und versetzte ihm einen kräftigen Stoß. Die Beschreibungen der beteiligten Soldaten lesen sich eindeutig. Ein deutscher Hauptmann gab zu Protokoll, es sei zu erkennen gewesen, dass sich der General emotional und körperlich "kaum noch zurückhalten" konnte. Die perplexen Deutschen gaben den Weg frei - sie wussten nicht, wie sie reagieren sollten.

Rangelei sorgte für Reise deutscher Militärs in die Türkei

Der Vorfall in der Kaserne hat die Beziehungen zwischen den deutschen und türkischen Militärs schwer beschädigt. Die Rangelei sorgte für mehrere Besuche hochrangiger Militärs in der Türkei: Zunächst schickte das Einsatzführungskommando den Vizebefehlshaber, wenig später machte sich auch sein Chef Rainer Glatz auf den Weg.

Nachzulesen ist dies in einem vertraulichen vierseitigen Bericht, der am Mittwoch im Verteidigungsausschuss beraten werden soll. Darin räumt das Einsatzführungskommando zwar Planungsmängel ein. Gleichwohl aber rügt sie den türkischen General massiv. Auch wenn sein Unmut über die Straßensperre im eigenen Lager "nachvollziehbar" war, so das Papier, sei "seine Reaktion unbeherrscht und überzogen" gewesen. "Die Anwendung körperlicher Gewalt in der vorliegenden Form gegenüber den deutschen Soldaten ist hierdurch nach hiesiger Auffassung nicht zu rechtfertigen", so die Bundeswehr.

Trotz des Tadels müht sich die Bundeswehr in dem Papier aber auch um eine Deeskalation: Die Straßensperre sei spontan und entgegen der Regeln aufgestellt worden. Dies habe bei dem General dazu geführt, dass er sich missachtet fühlte: Der "drohende Gesichtsverlust und die Gesamtsituation führten vermutlich zur Eskalation der Lage." Tatsächlich hatten die Deutschen den Besuch bis hin zu den Wagenreihenfolgen im Detail mit den Türken geplant. In der Hektik des Besuchs aber hatten sich die Gastgeber laut den dienstlichen Erklärungen der Soldaten nicht an alle Vereinbarungen gehalten. So kam es dann zu den Missverständnissen.

Mittlerweile hat sich die Krise zwischen der Bundeswehr und den Gastgebern an der Oberfläche beruhigt. Nachdem die Türken den Vorfall zunächst abgestritten hatten, konnte man sich auf eine einsichtige Linie einigen. Befehlshaber Glatz berichtete dann auch, er habe "mit hohen verantwortlichen Vertretern" über das Ereignis sowie "die darauf folgenden Irritationen" gesprochen. Das aus Missverständnissen entstandene Geschehnis" habe "Betroffenheit auf beiden Seiten ausgelöst".

Aus den wachsweichen Formulierungen kann man deutlich ablesen, wie heikel die Situation ist. Die Bundeswehr will offenbar die Linie des eigenen Untersuchungsberichts bestätigen, der Fehler auf beiden Seiten konstatiert. Verteidigungsstaatssekretär Thomas Kossendey sprach in einem Schreiben denn auch von einer "für beide Seiten unglücklichen Situation". Kossendey zeigte sich trotzdem optimistisch, dass man nun bemüht sei, "bestehende Herausforderungen" wieder gemeinsam zu meistern. Von deutlicher Kritik am General ist dagegen von Glatz oder Kossendey nichts zu hören - eine solche Verurteilung wollte man im Interesse der Zusammenarbeit wohl lieber nicht öffentlich aussprechen.

Diplomatisch scheint der Fall mit den Erklärungen abgeschlossen. In der Truppe allerdings kamen die ersten aus Führungskreisen gestreuten Andeutungen von Fehlern auf deutscher Seite nicht gut an. Aus der Kaserne hört man, manche Soldaten fühlten sich vorgeführt. Auch wenn es kleine Fehler gab, sei schließlich der General ausgerastet und habe die Rangelei angefangen. Die Reaktion eines der beteiligten Soldaten bringt es auf den Punkt: "Spinnt der denn? Und das als General!"

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1. Abzug.
mimi_kry 19.03.2013
Was soll dieses diplomatische Gefasle denn? Patriots und Soldaten einpacken und abziehen - man muss sich doch nicht aufdrängen.
2. Planungsfehler
gandhiforever 19.03.2013
Zitat von sysopDie Rangelei zwischen einem türkischen General und einer deutschen Soldatin im "Patriot"-Lager sorgte für Aufregung. Die Bundeswehr räumt nun zwar eigene Fehler ein, kritisiert den Militär aber als "unbeherrscht". Seine Beleidigungen seien "überzogen" gewesen. Streit im "Patriot"-Lager: Bundeswehr-Bericht rügt türkischen General - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/streit-im-patriot-lager-bundeswehr-bericht-ruegt-tuerkischen-general-a-889836.html)
wird das genannt, wenn man die Sperrung einer Strasse plant, aber "vergisst" den Hausherrn darueber zu informieren. Der General hatte allen Grund, darueber ungehalten zu sein. Man ereifert sich nun ueber seine Reaktion und verharmlost den Grund seiner Unbeherrschtheit. So verhalten sich Imperialisten, Verbuendete informieren! Vor einiger Zeit gab es schon einen Bericht zu diesem Vorfall. Da gab es Foristen, die ganz natuerlich davon ausgingen, dass der General informiert worden war. Ich hoffe die Leute lesen diesen Bericht und erkennen, dass sie da voreilig die deutsche Seite in Schutz genommen haben.
3. "Diplomatisches Gefasel"?
gandhiforever 19.03.2013
Zitat von mimi_kryWas soll dieses diplomatische Gefasle denn? Patriots und Soldaten einpacken und abziehen - man muss sich doch nicht aufdrängen.
Sie meinen, dass, wenn man jemandem zu Hilfe komme, man sich nicht an Regeln des Anstandes (Informieren, ich sage nicht "um Erlaubnis fragen") halten muesse? Da zeigt sich eine Arroganz, die mir nicht akzeptabel erscheint.
4. Merkwürdige Konstellation!
Benjowi 19.03.2013
Diplomatisch gesehen sicherlich sinnvoll-der Unsinn lohnt keinen echten Aufstand-gegenüber den eigenen Soldaten aber eine absolute Frechheit. Sie werden schlicht und ergreifend im Regen stehen gelassen-wenn das schon in einer solchen Situation passiert-was passiert dann bei echten Problemen? Im Grunde müsste die Mission mangels Grundlage sofort abgebrochen werden, denn ganz offensichtlich sind die deutschen und wahrscheinliich auch die niederländischen Soldaten dort nicht willkommen-weder in der Bevölkerung noch bei den sogenannten "verbündeten" Truppen. Sinn und Zweck dieses Einsatzes ist ohnehin nicht nachvollziehbar!
5. Dumm-dreist...
doc 123 19.03.2013
Zitat von sysopDie Rangelei zwischen einem türkischen General und einer deutschen Soldatin im "Patriot"-Lager sorgte für Aufregung. Die Bundeswehr räumt nun zwar eigene Fehler ein, kritisiert den Militär aber als "unbeherrscht". Seine Beleidigungen seien "überzogen" gewesen. Streit im "Patriot"-Lager: Bundeswehr-Bericht rügt türkischen General - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/streit-im-patriot-lager-bundeswehr-bericht-ruegt-tuerkischen-general-a-889836.html)
.. und ohne Worte. Eine deutsche Unteroffizierin stellt sich einem türkischen General in den Weg in dessen eigenem Land, noch viel abstruser gehts ja wohl kaum noch. Vielleicht hat man vergessen, diesem Einsatzkontigent die türkischen Rangabzeichen zu vermitteln. Dass man sich dann auch noch beschwert, natürlich gleich beim Wehrbeautragten, natürlich mit offensichtlicher Unterstützung der männlichen Kameraden, kenne ich aus eigener Erfahrung. Unter normalen Umständen gehörten diese Beschwerdeführerinnen unverzüglich aus dem Dienstverhältnis entfernt, da für die Belastungen eines Auslandseinsatzes nicht tragbar! Aber die Frauen müssen ja natürlich gehätschelt und gepflegt werden, sonst hat man am Ende gar keine Soldaten mehr :-).
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Fotostrecke
Deutsche "Patriot"-Systeme: Letzter Test für den Türkei-Einsatz

Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt: Abdullah Gül

Regierungschef: Recep Tayyip Erdogan

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