Streit im Weißen Haus: Enthüller-Legende Woodward stellt Obama bloß

Von , Washington

Wenn Watergate-Aufdecker Woodward ein neues Buch über die US-Regierung vorlegt, steht das politische Washington still. Das gilt auch für das erste Werk des Star-Journalisten über Obama. Es zeigt: Der Präsident will unbedingt raus aus Afghanistan, seine Berater verstricken sich in bittere Fehden.

Zoff unter Obamas Beratern: Monatelanger Streit um Afghanistan Fotos
AP/ Simon & Schuster

Geschichte wiederholt sich nicht. Politische Geschichten aber wohl schon. Der MSNBC-Moderator Joe Scarborough schaltet zu Chuck Todd, seinem Expertenkollegen vor dem Weißen Haus. Der soll vom Aufreger des Tages berichten. Beide müssen schmunzeln. Sie zählen ein Element der Story nach dem anderen auf:

• Ein Präsident ist in einen unpopulären Krieg verstrickt.

• Eine Regierungsmannschaft ist darüber zerstritten.

• Die große Suche nach dem Schuldigen läuft.

• Ein berühmter Reporter deckt die Details auf.

Klingt das nicht alles bekannt?, fragen die Reporter. Natürlich.

In der US-Hauptstadt, die Präsident Barack Obama verändern wollte, ist eins gleich geblieben: Irgendwann kommt ein Enthüllungsbuch der Watergate-Legende Bob Woodward - und dann steht Washington für mindestens einen Tag still. Zumindest der Teil der Hauptstadt, der sich für die Elite hält.

Seit Woodward mit seinem Kollegen Carl Bernstein Präsident Richard Nixon durch unermüdliche Recherche zu Fall brachte, veröffentlicht er am Fließband Aufdeckungsbestseller.

Die vier letzten drehten sich um die Bush-Regierung und deren umstrittene Kriege. Daran erinnern sich die Fernsehleute Scarborough und Todd bei ihrem Auftritt. Nun ist Obama dran - und alles klingt so ähnlich.

"The War Within", der innere Krieg, lautete der Titel des letzten Woodward-Buches über Bush. "Obama's Wars" heißt nun das Folgewerk, "Obamas Kriege". Eigentlich sollte es erst am kommenden Montag erscheinen, die Startauflage beträgt sensationelle 630.000 Exemplare.

Doch die "New York Times" schlug der "Washington Post", bei der Woodward immer noch angestellt ist, ein Schnippchen und ergatterte ein Vorabexemplar. Als sie ihre Zusammenfassung online stellte, zog auch die "Post" mit Auszügen nach.

Der zögerliche Kriegspräsident

Woodward schildert Obama als einen zögerlichen Kriegspräsidenten. Er will mehr Truppen schicken, aber keinen "langfristigen Staatsaufbau betreiben. Ich werde auf keinen Fall eine Billion Dollar ausgeben". Schließlich geht es auch um Wählerstimmen, weiß Obama: "Ich kann nicht die ganze Demokratische Partei vergraulen." Mehr als hundert seiner Parteifreunde haben im Kongress schon gegen mehr Geld für den Krieg gestimmt.

Der Präsident besteht laut Woodward vehement auf einem Abzugsplan, gegen den sich die Militärs sträuben. Schließlich reicht dem Präsidenten das ewige Nachgekarte. Er erstellt ein eng beschriebenes Memo, sechs Seiten lang. Es legt haarklein fest, was das Militär künftig alles nicht darf.

Bei einem Treffen mit den Spitzen seines Nationalen Sicherheitsteams fragt Obama jeden Teilnehmer scharf, ob jetzt noch jemand Einwände habe. Doch Ruhe herrscht auch danach nicht. Denn es tobt ein weiterer Krieg, berichtet Woodward, ein vielleicht noch giftigerer: zwischen den Beratern im Weißen Haus, zwischen Politik und Militär.

Neu ist diese Erkenntnis nicht. Andere US-Reporter haben aufgedeckt, wie tief die Gräben verliefen, als die Regierung monatelang über einen Neuanfang am Hindukusch beriet. Falken in der Armee wollten weit mehr Truppen. Vizepräsident Joe Biden sträubte sich dagegen, Verteidigungsminister Robert Gates und Außenministerin Hillary Clinton hielten sich lange bedeckt. Obama hatte Angst vor einem Krieg ohne Ende und bestand auf einem Abzugsbeginn Mitte 2011. "Die Öffentlichkeit gibt mir für diesen Konflikt nur zwei Jahre", wird er nun zitiert.

Wie heftig die Attacken wurden, zeichnet Woodward im Detail nach: Biden nennt den Afghanistan-Sonderbeauftragten und Clinton-Vertrauten Richard Holbrooke den "egozentrischsten Bastard", den er je getroffen habe. Der rächt sich mit der Bemerkung, der nun beschlossene Plan von nur 30.000 neuen Soldaten könne ja gar nicht funktionieren.

Der Sicherheitsberater General James Jones beschimpft Obamas Polit-Berater als "Mafia". David Axelrod, als Chefstratege des Präsidenten Teil dieser Mafia, will vom Präsidenten wissen, wie er Hillary Clinton jemals trauen konnte.

Das sind die Passagen, auf die sich die Hauptstadtelite stürzt. Dagegen geht glatt unter, dass Woodward von einer 3000 Mann starken afghanischen CIA-Elitetruppe berichtet, die gegen Terroristen kämpft. Er schreibt zudem, dass Afghanistans Präsident Hamid Karzai offenbar manisch depressiv und Amerika nicht für einen nuklearen Terrorangriff gewappnet ist.

Aber kann das so wichtig sein wie die Frage: Wer hat was über wen zu Woodward gesagt?

Jeder spricht mit Woodward

Niemand führt so viele Rechercheinterviews wie Woodward, der sich zum Doyen des US-Journalismus entwickelt hat, obwohl er nie als lebendiger Schreiber galt. Seine Bücher sind oft eher dröge Gesprächsbeschreibungen - die immer den Eindruck vermitteln, er sei mit im Raum gewesen.

Doch das stimmt ja, irgendwie. Schließlich spricht jeder mit Woodward. "Das Team im Weißen Haus glaubt immer, es sei sicherer mit ihm zu kooperieren als umgekehrt", sagt Stephen Hess, Medienexperte der Brookings Institution in Washington.

Auch weil die Reporterlegende selbst mit 67 Jahren nicht so einfach aufgibt. Als er für sein Buch über die Bush-Regierung von einem General lange keine Auskunft erhielt, klopfte Woodward noch abends um Viertel nach acht an dessen Haustür - laut seinem eigenen Regelbuch die beste Zeit, weil die Leute dann zu Abend gegessen hätten, aber noch nicht im Bett seien. Der verdatterte Top-Militär erzählte ihm alles.

Auch Obama stand dem Reporter über eine Stunde lang Rede und Antwort. Woodward tippt jedes Interview gleich ab, sein Archiv ist legendär. Eine Quelle sagte der Internetseite Politico: "Wenn man bei geheimen Besprechungen etwas verpasst hat, kann er mit dem genauen Zitat aushelfen."

Kritiker werfen dem Reporter dennoch vor, sich von Informanten beeinflussen zu lassen. In den Reagan-Jahren übersah er den Skandal um geheime Waffenverkäufe an Iran, während er für ein anderes Buch recherchierte. Das erste Werk über die Bush-Jahre geriet hymnisch, weil dessen Top-Berater Woodward in die Irre führten.

Auch jetzt heißt es, die Regierung habe ihn geschickt gefüttert - um Obama als intellektuell brillanten Präsidenten zu zeichnen, der im Gegensatz zu Vorgänger Bush andere Meinungen einhole. Doch so einfach ist das nicht. Wenn Woodward besonders viel Zugang erhält, kann er besonders kritisch werden.

Schon die Auszüge seines Buches zeigen, wie unstet Obamas Afghanistan-Kurs ist. Woodward zitiert General David Petraeus, den neuen Afghanistan-Oberbefehlshaber, der Abzugsplänen kritisch gegenübersteht - und von einem Kampf spricht, den noch "unsere Kinder kämpfen müssen". Solche Sätze unterminieren Obamas Abzugspläne. Sie bleiben haften, allen Beschreibungen des brillanten Präsidenten zum Trotz.

Obamas Sprecher Robert Gibbs ahnt das wohl. Gibbs beschwört die Reporter, er habe das Buch gleich in einer Nacht verschlungen, sie sollten sich bloß nicht auf ein paar saftige Details beschränken: "Ich hoffe, die Leute lesen das ganze Buch", mahnt er.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. ....
pietro-del-cesare 23.09.2010
Zitat von sysopWenn Watergate-Aufdecker Woodward ein*neues Buch über die US-Regierung vorlegt, steht das politische Washington still. Das gilt auch für das erste Werk des Star-Journalisten über Obama. Es zeigt: Der Präsident will unbedingt raus aus Afghanistan, seine Berater verstricken sich in bittere Fehden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,719051,00.html
Wenn Herr Obama aus Afghanistan raus will, finde ich das höchst ehrenwert, schließlich ist er Friedensnobelpreisträger :-) Der "mächtigste Mann der Welt" wird sich nur niemals gegen die Interessenverbände in seinem Land durchsetzen können.
2. eher unwahrscheinlich...
raju1956 23.09.2010
Zitat von sysopWenn Watergate-Aufdecker Woodward ein*neues Buch über die US-Regierung vorlegt, steht das politische Washington still. Das gilt auch für das erste Werk des Star-Journalisten über Obama. Es zeigt: Der Präsident will unbedingt raus aus Afghanistan, seine Berater verstricken sich in bittere Fehden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,719051,00.html
Merkt man aber kaum, dass der Präsident unbedingt aus Afghanistan raus will. Man hat eher den Eindruck, dass Obama immer mehr Truppen dorthin schickt. Und was heisst schon Abzug? Sieht man doch im Irak. Dort sind trotz angeblichen Abzug noch mind. 50000 amerikanische Soldaten im Lande!
3. -
nanokain 23.09.2010
Zitat von pietro-del-cesareDer "mächtigste Mann der Welt" wird sich nur niemals gegen die Interessenverbände in seinem Land durchsetzen können.
Können wir mal dieses besserwisserisch-kindliche-verschwörungs-gewäsch aussen vor lassen? Er ist ja nicht der deutsche bundeskanzler, dem die öffentliche meinung im angesicht von wahlen völlig egal ist, weil er von lobbyisten umzingelt ist. Das läuft drüben in gewissen zeiten nämlich anders als hier.
4. Enthüllungsdruck
Peletua 23.09.2010
Zitat von sysopWenn Watergate-Aufdecker Woodward ein*neues Buch über die US-Regierung vorlegt, steht das politische Washington still. Das gilt auch für das erste Werk des Star-Journalisten über Obama. Es zeigt: Der Präsident will unbedingt raus aus Afghanistan, seine Berater verstricken sich in bittere Fehden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,719051,00.html
Wie soll man jetzt schon über ein Buch diskutieren, das noch niemand gelesen hat? Und was soll die Behauptung, Obama werde ’bloßgestellt’, nur weil seine Berater zerstritten sind? Es sieht so aus, als möge SPON diesen Präsidenten nicht. Mir aber wird er nur sympathischer dadurch, dass er ernsthaft willens zu sein scheint, diesen unsäglichen Afghanistan-Einsatz zu beenden. Natürlich passt das der Rüstungslobby nicht, das ist alles. Möglicherweise ist der Konflikt im weißen Haus auch aufgebauscht; seit Watergate steht Woodward natürlich unter 'Enthüllungsdruck'.
5. .
ambergris 23.09.2010
Ich habe wirklich Mitleid mit Obama. Ich bin überzeugt, dass er das Richtige tun will. Aber die Widerstände gegen ihn sind ungeheuerlich. Das Militär will sich seine Chancen auf Beförderungen, Budgetgelder und neue Spielzeuge/Waffen nicht nehmen lassen, weswegen sie alles daran setzen, in Afghanistan zu bleiben - ein perfektes Schlachtfeld für einen ewigen Krieg. Da gab es diese "Entdeckung", dass wertvolle Rohstoffe in Afghanistan liegen (schon bekannt), es gibt Indiskretionen, um Obama zu schaden, Allianzen zwischen der Militärführung und den Republikanern... Ich hoffe, dass die Amerikaner ab 2012 endlich wieder kriegs-frei sind.
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Gefechtszone Afghanistan: Bilder eines Krieges


Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

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