Beutekunst-Streit zwischen Berlin und Moskau: In der Problemzone

Von René Pfister und , St. Petersburg und Berlin

Merkel in Russland: Eklat um die Grußworte Fotos
AP

Angela Merkels Besuch in St. Petersburg hätte zur Entspannung der deutsch-russischen Beziehungen beitragen können. Der Streit über die Beutekunst-Ausstellung verhinderte das. Auch wenn die Kanzlerin und Putin am Ende gemeinsam ins Museum gehen - wo sie dann doch die Rückgabe von Kunstwerken fordern kann.

St. Petersburg/Berlin - Zum Abschluss der Pressekonferenz hat der Präsident noch ein Geschenk für die Bundeskanzlerin. Wladimir Putin überreicht Angela Merkel eine Lithografie von der Unterzeichnung des deutsch-russischen Handelsvertrags im Jahr 1894. So lange währen die guten Beziehungen schon, das ist die Botschaft. "Oh", sagt Merkel, "Dankeschön" - und noch mal auf Russisch: "Spasibo." Beim Händedruck lächeln beide sich an. Sieht eigentlich alles ganz harmonisch aus. Doch der Eindruck täuscht.

Dabei hätte der Besuch der Kanzlerin an diesem Freitag in St. Petersburg wirklich zur Entspannung im zuletzt so abgekühlten deutsch-russischen Verhältnis beitragen können. Die Reise war Teil einer freundlichen Abmachung: Putin kam im April persönlich zur Eröffnung der Hannover Messe, Merkel versprach im Gegenzug, das internationale Wirtschaftsforum in der Stadt der Weißen Nächte zu beehren. Zum krönenden Abschluss plante man für den Abend noch einen Besuch zur Eröffnung einer Bronzezeit-Ausstellung in der Eremitage ein. Die soll den feierlichen Abschluss des "Deutschlandjahres in Russland" bilden und ist eine kleine kulturelle Sensation, weil Russland dafür auch Hunderte Stücke Beutekunst aus dem Zweiten Weltkrieg aus den Geheimdepots geholt hat. Ein sensibles Thema zwischen den beiden Staaten.

Doch ausgerechnet dieser Termin sorgte nun für Wirbel - und dafür, dass der Tag nicht zur Annäherung führt, sondern zum Symbol für die neue Eiszeit zwischen Berlin und Moskau wird. Auch wenn der ganz große Eklat am Ende noch abgewendet wird, weil Putin und Merkel den zunächst im Streit über ein paar Grußworte abgeblasenen gemeinsamen Auftritt am Abend doch noch absolvierten.

Merkel fordert Beutekunst von Moskau zurück

Die Kanzlerin nutzte ihn für klare Worte in Sachen Beutekunst: "Wir sind der Meinung, dass diese Ausstellungstücke wieder zurück nach Deutschland kommen sollen." Sie sollten den Eigentümern oder deren Rechtsnachfolgern zurückgegeben werden. Merkel bezog sich dabei auf 600 Exponate, die von der sowjetischen Armee 1945 aus Deutschland nach Russland gebracht wurden - und nun erstmals in der Eremitage von St. Petersburg gezeigt werden.

Putin wiederum konterte: Dem "normalen Bürger" sei es doch egal, wo die Kunst zu sehen sei.

Kein Problem? Doch ein Problem

Moskau lehnt die deutschen Ansprüche klar ab, der Kreml ist der Meinung, die Kostbarkeiten seien mit dem "Blut unserer Soldaten bezahlt". 1998 hatte Russland ein Gesetz abgeschlossen, das die im Zweiten Weltkrieg entwendeten Kunstwerke, Bücher und Akten als russisches Staatseigentum bezeichnet. Deutschland hält dieses Gesetz für völkerrechtswidrig. Nach Angaben der Bundesregierung geht es um über eine Million Kunstobjekte, 3,5 Millionen Bücher und drei Kilometer Archivmaterial.

Vor diesem Hintergrund wollte die Kanzlerin nicht ohne Grußwort und Einordnung das Museum besuchen. Als dann bekannt wurde, Moskau habe die geplanten Reden gestrichen, verzichtete man vorerst lieber auf den Besuch. Bevor Merkel in der Heimat überhaupt ins Flugzeug gestiegen war, hatte die Nachricht von der Absage der feierlichen Ausstellungseröffnung bereits die Runde gemacht.

Mann der Provokationen

Sie überschattete das restliche Programm des Tages. Von Wirtschaft wollte außerhalb der hochrangigen Unternehmerdelegation, die Merkel begleitete, plötzlich kaum noch jemand etwas wissen. Zugleich rätselte man nicht nur in ihrem Reisetrupp über die Motivation der russischen Regierung.

Präsident Putin ist für seine Provokationen bekannt, Merkel hat gelernt, damit gelassen umzugehen. Der Streit über die Grußworte überraschte aber auch die deutsche Seite. Schließlich ist die Position der Bundesregierung in Moskau nicht neu. Und Merkel ist wahrlich keine Scharfmacherin - was also wäre gegen einen sachlichen Austausch von Argumenten einzuwenden gewesen?

Nicht ausgeschlossen, dass Putin die Folgen des Redeverbots unterschätzte. Am Nachmittag jedenfalls lenkte der Präsident ein. Auf der Pressekonferenz im Anschluss an das bilaterale Gespräch mit Merkel verkündete er überraschend - und so, als wäre nie etwas anderes geplant gewesen -, dass man später gemeinsam die Eremitage besuchen würde. Woher der Sinneswandel? Es existiere kein Problem, behauptete Putin, man habe lediglich prüfen müssen, ob Zeit für die Fahrt zum Museum bleibe. Und siehe da: Es passt.

So einfach wollte die Kanzlerin ihn aber doch nicht davonkommen lassen. "Ein direktes Gespräch zwischen dem Präsidenten und mir hat dazu geführt, dass sofort ein Einverständnis darüber war, dass beide heute etwas zur Presse über diese Ausstellung sagen", erklärte Merkel. "Damit ist das Problem als solches gelöst." Jenes Problem, das für Putin nicht existiert.

Merkel dürfte Putin hinter verschlossenen Türen klargemacht haben, dass sie sich auch als höflicher Gast nicht das Wort verbieten lassen würde: Entweder man geht zur Ausstellung und spricht auch darüber. Oder man klärt den Zwist auf offener Bühne bei der Pressekonferenz. Daran hatte wohl auch Putin kein Interesse.


Lesen Sie dazu im SPIEGEL 28/2012 ein Gespräch mit der Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums: Warum der Eberswalder Goldschatz ihrem Museum gehört - nicht den Deutschen (9.7.2012)

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insgesamt 126 Beiträge
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1. Hoheit hat nichts zu fordern
Hilfskraft 21.06.2013
sie hat gar nichts zu fordern! Sie vergisst oder beugt die Geschichte. Putin ist zu Recht sauer auf sie. Schlimmer! Auf uns Deutsche! Zum Teufel!
2. .
raber 21.06.2013
Obiger Satz müsste für Frau Merkel & Co. hoffentlich auch für die Kunstschätze die von den Nazi-Deutschen gestohlen wurden gelten und jetzt immer noch in deuschen Museen und Kellern lagern.
3. wirklich
taurus 21.06.2013
viel Laerm um Nichts....
4. Man muß sich für Frau Merkel schämen
tejah 21.06.2013
Mehr als 20 Millionen Russen kamen durch den Krieg, den Deutschland vom Zaun gebrochen hat, ums Leben. Kein anderes Volk hat derart unter den Deutschen gelitten wie die Russen. Trotzdem trift man in Russland kaum auf Deutschfeindlichkeit und Hassgefühle. Und da muß Merkel diesen albernen Streit um die "Beutekunst" aufwärmen. Ausgerechnet den Russen begegnet sie grundsätzlich mit ganz besonders hocherhobenem Zeigefinger. Sie ist ein Trampel. Man muß sich für sie schämen.
5. Entspannung
mr_supersonic 21.06.2013
Zitat von sysopAngela Merkels Besuch in St. Petersburg hätte zur E
Guten Abend, ich finde, dass man nicht unbedingt entspannt umgehen sollte mit einem Präsidenten, der die Demokratie mit Füssen tritt und wo politische Opposition alles andere als entspannt ist. Entspannung gab es schon bei Bundeskanzler a.d. Schröder, was vielleicht zu guten Verträgen geführt hat, aber sonst nichts. Das deutsch-russische Verhältnis ist nicht wegen der Vergnagenheit von Fr. Dr. Merkel (DDR) und Putin (KGB) angespannt oder weil Merkel eher Richtung Transatlantik schielt. Inzwischen sollte jedem klar sein, dass die Fr. Bundeskanzlerin der wandelnde Pragmatismus ist. Ausserdem helfen Putins Machobilder nicht gerade, Ernsthaftigkeit auszustrahlen, zumindest aus Sicht eines nüchternen Deutschen. Grüße
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