Streit über Bundeswehr-Strategie: Koalitionspolitiker für Kurswechsel in Afghanistan

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Mehr Ausbildung, mehr Risiko - mehr Soldaten? Die Kanzlerin schweigt in der Afghanistan-Debatte, doch die Koalition diskutiert vor der London-Konferenz über eine Neuausrichtung des Einsatzes. Verteidigungsexperten bringen den Abzug der Tornados und die Auflösung eines Bundeswehr-Camps ins Gespräch.

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan (Archiv): "Stärker auf die Ausbildung konzentrieren" Zur Großansicht
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Bundeswehrsoldaten in Afghanistan (Archiv): "Stärker auf die Ausbildung konzentrieren"

Berlin - In einem Punkt ist sich die deutsche Politik derzeit ausnahmsweise einig. Ganz dem Trend der neuen US-Strategie für Afghanistan folgend, wollen Koalition wie SPD mehr für die Ausbildung der lokalen Sicherheitskräfte tun.

Hinter dem honorigen Interesse, die afghanische Armee und Polizei aufzubauen, steckt ein simples Kalkül: Sobald die Afghanen die Sicherheitsaufgaben selber im Griff haben, können die Einheiten der internationalen Isaf-Schutztruppe sich allmählich aus dem Krisengebiet zurückziehen. Dieser Abzug ist bei allen Unterschieden erklärtes Ziel aller Parteien, er soll so bald wie möglich starten können.

Nur eines ist umstritten - der Weg zum Ende des Einsatzes.

Die USA haben Deutschland aufgefordert, die Truppen in Afghanistan aufzustocken. Derzeit sind dort insgesamt rund 4300 deutsche Soldaten stationiert. Die Obergrenze des Bundeswehr-Mandats von 4500 ist damit fast ausgeschöpft. Noch einmal so viele US-Soldaten werden aller Voraussicht nach bis zum Sommer in Nordafghanistan einrücken. Gemeinsam mit den Deutschen wollen die USA so das Training der einheimischen Truppen hochfahren.

Bisher aber kann sich Berlin auf keine klare Linie verständigen. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) blockiert jede Zusage zusätzlicher Soldaten vor der internationalen Afghanistan-Konferenz, die in der kommenden Woche in London stattfindet. Was die Kanzlerin denkt, weiß niemand so genau. Angela Merkel (CDU) wartet wieder einmal ab. Am Tag vor dem Treffen will sie im Bundestag eine Regierungserklärung abgeben. Doch ob sie darin konkrete Zahlen nennen wird, zum Beispiel Pläne für die Stärke des künftigen Kontingents oder einen Abzugstermin, ist noch ungewiss.

Die lavierende Haltung der Kanzlerin hat in den vergangenen Tagen etwas beflügelt, was Merkel am allerwenigsten wollte - eine lebhafte und recht offene Debatte um die deutsche Mission in Afghanistan.

"Radikale Umstrukturierung"

Ein neuer Vorstoß kommt nun aus der Regierungskoalition selber. So fordern sowohl die FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff als auch Unionsfraktionsvizechef Andreas Schockenhoff, dass die Bundeswehr ihre Mission in Afghanistan auf die Ausbildung der afghanischen Armee fokussiert. Konkret sollen durch die Beendigung anderer Aufgaben Soldaten für das Training der Afghanen freigesetzt werden.

Hoff setzt darauf, dass die verstärkte Ausbildung im Rahmen der derzeitigen Mandatsobergrenze zu leisten ist. Die Liberale fordert von der Bundeswehr eine Komplettanalyse der bisherigen Aufgaben der 4500 Soldaten. "Die Armeeführung muss prüfen, ob wir nicht innerhalb des aktuellen Mandats durch eine radikale Umstrukturierung der Bundeswehrarbeit in Afghanistan genug Kapazitäten für mehr Ausbildung freimachen können", sagt Hoff SPIEGEL ONLINE.

Elke Hoff war Mitte Januar selbst in Afghanistan, um sich über die Arbeit der Bundeswehr zu informieren. Sie traf auch den Isaf-Chef und US-General Stanley McChrystal und mehrere weitere hochrangige US-Militärs. In allen Gesprächen machten die US-Militärs klar, dass man sich von Deutschland mehr Anstrengungen bei der Ausbildung der Afghanen wünscht.

Um diesen Forderungen nachkommen zu können, sprach sich Hoff dafür aus, einzelne Bundeswehrprojekte in Afghanistan zugunsten einer Ausbildungsoffensive aufzugeben. "Wir sollten die Rückkehr der Tornado-Jets diskutieren - diese binden viele Soldaten, sind aber unter Umständen für die Schutztruppe Isaf mittlerweile verzichtbar", sagt Hoff. Die Bundeswehr stellt für Aufklärungsflüge in dem Land bisher bis zu sechs Tornado-Flugzeuge und maximal 500 Soldaten zu deren Unterhalt und Einsatz.

Außerdem könnten bei der Verwaltung und der Logistik Aufgaben an Dritte abgegeben werden. Selbst die Schließung eines der drei Feldlager im Norden des Landes hält die FDP-Politikerin für möglich.

Aufgabe des Bundeswehr-Camps in Faizabad?

Im Blick hat Hoff dabei das Camp in Faizabad im Nordwesten des deutschen Einsatzgebietes. Dessen Auflösung wurde auch innerhalb der Bundeswehr schon diskutiert. Rund 500 Soldaten, die zurzeit in dem Lager eingesetzt sind, wären dann zu einem großen Teil für andere Aufgaben frei.

Eine Überlegung, die auch in der Union eine Rolle spielt. "Faizabad kann möglicherweise schon in diesem Jahr in afghanische Verantwortung übergeben werden", sagt CDU-Außenpolitiker Schockenhoff SPIEGEL ONLINE. Die Übergabe bedeute aber nicht, dass alle deutschen Soldaten des sogenannten Regionalen Wiederaufbauteams (PRT) das Einsatzgebiet sofort verlassen. "Ihre Aufgaben würden sich dann vor allem auf Beratung und Beobachtung beschränken."

Eine grundsätzliche Verschiebung des Einsatzschwerpunkts befürwortet auch der Unionsfraktionsvizechef. "Wir müssen uns stärker auf die Ausbildung der afghanischen Polizei und der afghanischen Soldaten konzentrieren", sagt Schockenhoff. "Das kann von der reinen Beratung bis hin zu gemischten Einheiten gehen."

Damit stellt sich der CDU-Abgeordnete hinter den Vorstoß von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), sich bei der Ausbildung künftig stärker am Vorgehen der US-Amerikaner zu orientieren. Nicht mehr rigide zwischen Ausbildung und Sicherheit zu trennen, wie es auch Minister zu Guttenberg angedeutet hat, sei "ein richtiger Ansatz", sagt Schockenhoff.

Bisher bilden die Deutschen zwar Einheiten der afghanischen Armee Ana aus, halten sich allerdings mit sogenannten "Mentoring Teams" stets in sicherem Abstand von den afghanischen Truppen auf - vor allem bei gefährlichen Einsätzen.

Die USA dagegen haben bei der Ausbildung eine andere Strategie: Sie entsenden kleine Gruppen von US-Soldaten direkt in die Ana-Einheiten. Diese bilden die Rekruten dann in der Praxis aus. Auch im Kampfeinsatz.

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Forum - Afghanistan - was ist die richtige Strategie gegen die Taliban?
insgesamt 912 Beiträge
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1. Krieg verloren?
Hubert Rudnick, 18.01.2010
Zitat von sysopTaliban-Kämpfer haben sich in der Hauptstadt stundenlang Gefechte mit Regierungstruppen geliefert. Die Attacke kurz vor der Afghanistan-Konferenz in London zeigt, wie heikel die Sicherheitslage ist. Und wie hilflos Präsident Karzai agiert. Was ist aktuell die richtige Strategie gegen die Taliban?
--------------------------------------------------------- Seit 8 Jahren kämpfen nun die Amerikaner mit ihren Verbündeten gegen vermeintliche Terroristen und was haben sie erreicht? Die Taliban erobern sich Stück für Stück ihren Machtbereich zurück und hochgerüsteten Armeen ducken sich weg und müssse es gewehren lassen. Was suchen wir noch dort? Der Sommerausflug ging schon viel zu lange, selbst die Beführworter dieses Krieges müssten jetzt doch einsehen, dass man nicht nur gespielt hatte, sondern das man auch unfähing war. Wir können fremde Länder nicht unser Gesellschaftssystem aufzwingen, die bestehenden Gesellschaftsstrukturen wollen es nicht und sie lassen es auch nicht zu. Der Afghanistankrieg ist ein Fiasko der gesamten westlichen Welt. Alle Länder die schon vorher versucht hatten dieses Land unter ihrer Herrschaft zu nehmen sind gescheitert und nun scheitert die gesamte westliche Welt mit ihren Leitwolf (Leidwolf) USA Make Peace not War HR
2.
olymp666 18.01.2010
Zitat von Hubert Rudnick--------------------------------------------------------- Seit 8 Jahren kämpfen nun die Amerikaner mit ihren Verbündeten gegen vermeintliche Terroristen und was haben sie erreicht? Die Taliban erobern sich Stück für Stück ihren Machtbereich zurück und hochgerüsteten Armeen ducken sich weg und müssse es gewehren lassen. Was suchen wir noch dort? Der Sommerausflug ging schon viel zu lange, selbst die Beführworter dieses Krieges müssten jetzt doch einsehen, dass man nicht nur gespielt hatte, sondern das man auch unfähing war. Wir können fremde Länder nicht unser Gesellschaftssystem aufzwingen, die bestehenden Gesellschaftsstrukturen wollen es nicht und sie lassen es auch nicht zu. Der Afghanistankrieg ist ein Fiasko der gesamten westlichen Welt. Alle Länder die schon vorher versucht hatten dieses Land unter ihrer Herrschaft zu nehmen sind gescheitert und nun scheitert die gesamte westliche Welt mit ihren Leitwolf (Leidwolf) USA Make Peace not War HR
Dieser Angriff zeigt was wir dort suchen. Wir können die Afg.-Bevölkerung auch dieses Terroristen überlassen und Blümchen schicken. Ihre Alternative ? Feige wegducken und abhauen wenn es knallt. Sagen Sie das den Taliban. Am besten persönlich.
3.
mauskeu 18.01.2010
Zitat von sysopTaliban-Kämpfer haben sich in der Hauptstadt stundenlang Gefechte mit Regierungstruppen geliefert. Die Attacke kurz vor der Afghanistan-Konferenz in London zeigt, wie heikel die Sicherheitslage ist. Und wie hilflos Präsident Karzai agiert. Was ist aktuell die richtige Strategie gegen die Taliban?
Der Krieg hat ein ideologisches Vorzimmer, aber noch wichtiger ist IMHO das wirtschaftliche Hinterzimmer. Da es nicht gelingt der Bevölkerung ausser Mohnanbau eine Lebensgrundlage zu bieten, wird es schwierig sein den Kampf um die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen.
4. Die Richtige Strategie
LJA 18.01.2010
Zitat von sysopTaliban-Kämpfer haben sich in der Hauptstadt stundenlang Gefechte mit Regierungstruppen geliefert. Die Attacke kurz vor der Afghanistan-Konferenz in London zeigt, wie heikel die Sicherheitslage ist. Und wie hilflos Präsident Karzai agiert. Was ist aktuell die richtige Strategie gegen die Taliban?
ist in solchen Fällen ganz klar: Gut zielen und Feuer frei ! Mal im Ernst. Wenn sich eine größere Gruppe von schwer bewaffneten, gut ausgebildeten, fanatischen und vermutlich von aussen gesteuerten Irren dazu entschließt, im Zentrum einer Großstadt ein Chaos anzurichten, dann werden sie das vermutlich auch schaffen. Sei es in Kabul, wie vor gar nicht langer Zeit in Mumbay oder vielleicht auch in Dortmund. Dabei sehen die Sicherheitskräfte immer schlecht aus, denn ihre Hauptaufgabe ist es, die Zivilbevölkerung zu schützen, während die Angreifer wild um sich schießen und bomben. In anderen Meldungen wurde darauf hingewiesen, dass es den Afghanischen Regierungseinheiten weitgehend ohne Unterstützung der ISAF-Truppen gelungen ist, den Angriff abzuwehren. Aber so etwas passte natürlich nicht in die bei uns populäre "Nichts-ist-gut-in-Afghanistan" Sicht. Vermutlich werden sich bald schon die ersten Foristen zu Wort melden, die wieder belegen wollen, dass das alles ja nur die Taten moslemischer Freiheitskämpfer als Antwort auf die westliche Aggression sind und wir deshalb sofort von da abziehen müssten. Die kranke Ideologie, die hinter einer solchen Attacke steckt, wird in unserem Bemühen, für alle Fehlentwicklungen in der Welt die Schuld grundsätzlich bei uns selbst zu suchen, gar nicht mehr hinterfragt.
5.
PeaceNow 18.01.2010
Zitat von LJAist in solchen Fällen ganz klar: Gut zielen und Feuer frei ! Mal im Ernst. Wenn sich eine größere Gruppe von schwer bewaffneten, gut ausgebildeten, fanatischen und vermutlich von aussen gesteuerten Irren dazu entschließt, im Zentrum einer Großstadt ein Chaos anzurichten, dann werden sie das vermutlich auch schaffen. Sei es in Kabul, wie vor gar nicht langer Zeit in Mumbay oder vielleicht auch in Dortmund. Dabei sehen die Sicherheitskräfte immer schlecht aus, denn ihre Hauptaufgabe ist es, die Zivilbevölkerung zu schützen, während die Angreifer wild um sich schießen und bomben. In anderen Meldungen wurde darauf hingewiesen, dass es den Afghanischen Regierungseinheiten weitgehend ohne Unterstützung der ISAF-Truppen gelungen ist, den Angriff abzuwehren. Aber so etwas passte natürlich nicht in die bei uns populäre "Nichts-ist-gut-in-Afghanistan" Sicht. Vermutlich werden sich bald schon die ersten Foristen zu Wort melden, die wieder belegen wollen, dass das alles ja nur die Taten moslemischer Freiheitskämpfer als Antwort auf die westliche Aggression sind und wir deshalb sofort von da abziehen müssten. Die kranke Ideologie, die hinter einer solchen Attacke steckt, wird in unserem Bemühen, für alle Fehlentwicklungen in der Welt die Schuld grundsätzlich bei uns selbst zu suchen, gar nicht mehr hinterfragt.
LOL Die Rede ist je nach Quelle von 7 bis max. 20 Taliban Kämpfern und obwohl in und um Kabul tausende Regierungssoldaten, US Soldaten, ISAF und Afg. Polizei stationiert sind, haben diese handvoll Taliban große Schäden angerichtet, Chaos verursacht und stundenlange Gefechte geliefert. Eine Blamage und ein Fiasko auf ganzer Linie für die Regierungsseite und mehrere Quellen bestätigen das ISAF Truppen zur Hilfe gekommen sind, erst dann bekam man die Lage in den Griff. Man stelle sich vor was passieren würde wenn nicht 7-20, sondern mehrere hundert Taliban mal auf einmal loschlagen. Da stelklt man sich doch die Frage wohin die bisher rd. 40 Mrd. US$ geflossen sind in Afghanistan?.
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